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Bademäntel für den Buchhändler
In der DDR träumte Thorsten Ahrend vom Lektoratsposten beim Reclam Verlag,
als er ihn hatte, kam die Wende. In den 90ern glaubte er an einen jungen
Autor namens Daniel Kehlmann
und verließ, zur gleichen wie dieser, den Suhrkamp Verlag. 2004 wechselte
er als Gesellschafter und Lektor zum Göttinger Wallstein
Verlag.
Wenn man das Wallsteinprogramm betrachtet, fällt der Vorrang der
Sprache vor dem Plot auf. Ist gute Literatur für Sie Sprachliteratur?
Ich würde es nicht so gewichten, aber Plot ohne Sprache würde ich
ausschließen, das kann ich nicht ertragen und das will ich bei Wallstein
auch nicht haben. Für mich besteht die Spezifik von Literatur immer auch
in Sprache. Ich würde daraus keine Ideologie machen und sagen: Es darf
keine Handlung vorkommen. Ich möchte auch gerne was erzählt kriegen, aber
ohne Sprache geht es in jedem Fall nicht.
Sie sind in der DDR geboren und über den Hirnstorff Verlag, Reclam und
Suhrkamp schließlich zu Wallstein gekommen. Hat sich im Verlauf Ihrer
Karriere Ihr persönliches Verhältnis zum Lesen geändert?
Ich wünsche mir manchmal, ich würde mehr Bücher lesen können und weniger
Manuskripte. Ich freue mich sehr, wenn ich mal ein Buch in der Hand habe
und das von Anfang bis Ende durchlesen kann. Doch wenn ich Manuskripte aus
der Hand lege, bekomme ich immer ein Schuldgefühl. Es liegen noch hunderte
andere Manuskripte auf meinem Schreibtisch, die Autoren rufen an und
fragen nach und dann stellt sich leider dieses Gefühl des zielgerichteten
Lesens ein: Ich lese etwas, um schnell eine Entscheidung zu treffen. Das
„Ja“ ist meist keine schnelle Entscheidung, diese Manuskripte liegen lange
und das nutzt weder dem Autor noch mir. So läuft es meist darauf hinaus,
dass man wenigstens den Berg zu minimieren versucht, etwas, das man
schnell absagen kann. Die interessanten Manuskripte schlummern manchmal,
weil sie mehr Kraft und Zeit erfordern. Das ärgert mich und macht mich
traurig. Grundsätzlich hat sich also nichts geändert, aber klar, ich bin
älter geworden und etwas abgestumpfter.
Geht also auf Dauer durch diesen Beruf die Leidenschaft für das Lesen
verloren?
Das würde ich nicht generell so sehen. Mich hat immer fasziniert, mit
welch leuchtenden Augen Sigfried Unseld mit einem Manuskript in der Hand
durch das Haus stürzen konnte und rief: Das ist ganz was Tolles. Mit Mitte
70 so etwas noch hinzukriegen, das rührt mich, das fasziniert mich und ich
möchte, dass ich das wenigstens halbwegs schaffe. Manchmal ist es
vielleicht so, dass ich das Gemachte, die Versatzstücke, schneller
erkenne, als ich das früher konnte, dass ich manchmal das Gefühl habe: Das
ist Scharlatanerie. Vielleicht hätte ich das als 20-Jähriger für genial
gehalten, aber heute denke ich: Das ist schon 100 Jahre alt. Ich bin nicht
mehr ganz so schnell zu begeistern. Aber darum geht es doch eigentlich, um
den Ausnahmefall und nicht, dass man gelangweilt sagt: Ach ja, das ist
ganz gut.
Lektoren mischen heute von der Covergestaltung bis zur Pressearbeit so
ziemlich überall mit, sind also eher Produktmanager. Empfinden Sie das
eher positiv oder negativ?
Produktmanager meint eher, Marketingstrategien zu entwickeln, also: Wie
kann man noch zwei Apfelsinen mehr so auf dem Buch platzieren, dass der
Leser Hunger kriegt, dass ihm noch mehr das Wasser im Mund zusammenläuft.
Oder: Wir kann man die Buchhändler mit einem Handtuch und einem Bademantel
begeistern, damit sie ein Buch ins Schaufenster legen. Ich will das nicht
schlechtreden, es ist ja auch toll, wenn das gelingt, aber ich bin mehr
noch ein Lektor im anderen Sinne.
Ein traditioneller Lektor?
Ja, das ist vielleicht nicht unbedingt eine Qualität, das sage ich
durchaus selbstkritisch. Aber wir müssen sehen, wie unsere Bücher in die
Feuilletons kommen und darum kümmere ich mich auch. Was mich ein bisschen
frustriert: Es ist heute oft nicht mehr so, dass jemand ein Buch schreibt,
Qualität liefert und dass er nach und nach bekannt oder berühmt wird,
sondern es ist heute oft andersherum: Man muss berühmt sein, weil man im
Fernsehen dieses oder jenes getrieben hat, dann schreibt man ein Buch und
das wird ein Bestseller. Ich kenne überhaupt niemanden, der so etwas liest
und ich kann mir das für mich selber auch gar nicht vorstellen. Warum soll
ich ein Buch von Dieter Bohlen lesen? Aber so ist nun einmal. Da geht es
ums reine Marketing.
Stichwort in diesem Zusammenhang ist die von vielen beklagte
Beschleunigung auf dem Buchmarkt. Wie gehen Sie mit dem Konflikt um, als
Lektor mitmachen zu müssen, aber dadurch die Branche immer weiter zu
beschleunigen?
Wir müssen nicht mitmachen, weil wir gar nicht so sehr drin stecken. Das
ist letztlich ein beklagenswerter Umstand, natürlich würde ich mir
wünschen, dass unsere Bücher stärker in den Buchhandlungen präsent sind,
aber zugleich es ist auch ein Privileg. Wir sind nicht gezwungen, 100.000
Stück von einem Titel zu verkaufen, da sonst alles zusammenbricht, weil
die Marketingmaßnahme schon eine Million verschlungen hat und es, wenn
sich das nicht rechnet, einen Riesendruck gibt und der gesamte Verlag
wackelt.
Wie würden Sie den Zustand der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur
beschreiben?
Total spannend. Das ist toll, wie die miteinander kommunizieren und wie
sie sich auch als Generation auf dem Markt etablieren, sich gegenseitig
die Türen aufhalten, zu Lesungen einladen, sich vernetzen. Manche von
ihnen finde ich richtig spannend, bei manchen denke ich: Naja, da wird in
zwei Jahren nicht mehr soviel von übrig sein, aber da kann ich mich auch
irren. Vielleicht schreibt sich jemand dahin. Man wird auch besser durch
Anforderung und Erfolg. Insofern ist es immer besser, wenn die Autoren die
Möglichkeit haben, sich öffentlich zu produzieren, als wenn sie in der
Kammer sitzen, sich für genial halten und darunter leiden, dass die Welt
das nicht merkt.
Welche Voraussetzungen muss ein Autor mitbringen, um in das
Verlagsprogramm von Wallstein aufgenommen zu werden?
Er muss gut sein. Er muss etwas zu sagen haben und er muss eine Sprache
haben, in der dies hörbar wird. Wir haben bei Wallstein nicht die Idee von
einem Autor, der unter 25 sein muss und über 1,80, das ist Blödsinn. Ich
lese den Text, ich muss mich zu dem Text verhalten und ich muss, das ist
vielleicht schon ein Kriterium, das Gefühl haben, hier zeigt sich mir ein
Autor. Daran habe ich mich in den bisherigen Verlagen auch immer
orientiert. Es soll die Pranke des Löwen spürbar sein. Ich verspreche mir,
wenn ich mir einen Autor herhole, dass hier ein Werk entsteht, daran
möchte ich teilhaben und ich möchte, dass der Autor das genauso empfindet,
dass man gemeinsam etwas schafft.
Denken Sie, dass Schreibschulen effektiv sind, was das Erlernen von
Schreiben betrifft?
Da bin ich gespalten. Manchmal denke ich: Schaden kann es nicht. Und für
Autoren, die allzu viele Fehler begehen, grammatisch, im Plot oder in der
Art des Erzählens, ist es immer gut, wenn ihnen jemand etwas beibringt,
aber ich glaube nicht, dass man dadurch zum Autor werden kann. Es gibt
heutzutage viele Möglichkeiten, sich zu bilden. Wir sind nicht umgeben von
Leuten, die von Bildung abgeschnitten waren und nun über speziellen
Nachhilfeunterricht dahin gebracht werden. Autoren sollten ohnehin wissen,
was vor ihnen war. Das begegnet mir leider häufig, dass Autoren gar nichts
gelesen haben, das verwirrt mich immer, ich denke, ein Autor sollte auch
ein Leser sein.
Wo sehen Sie angesichts des Internets und der Digitalisierung die
Zukunft des Buches?
Mir wäre es am liebsten, man muss das nicht alternativ handhaben. Es ist
Quatsch, ein neues Medium mit moralischen Vorwürfen zu bedenken. Früher
haben wir gedacht, Kino ist der Tod des Theaters, dann war das Fernsehen
der Tod des Kinos, immer wenn ein neues Medium auftaucht, schreiben alle
Konservativen den Untergang des Abendlandes herbei. Ich habe es gern, ein
Buch in der Hand zu halten, ich mag es auch, wenn es schön aussieht, ich
nehme von einem neuen Buch den Umschlag ab und freue mich, wenn ich das
Gefühl habe, da hat sich jemand Gedanken gemacht. Aber ich nehme zur
Kenntnis, dass das für Junge meistens keine Frage mehr ist und darüber
habe ich nicht zu meckern. Aber lesen sollten sie schon. Ich denke, dass
die Kulturtechnik des Lesens unersetzlich ist und wir Probleme bekommen,
wenn wir akzeptieren, dass junge Leute nicht lesen brauchen. Da müssen wir
uns was einfallen lassen.
Verwenden Sie bei Ihrer Arbeit die klassische Mischkalkulation? Wer
stützt wen?
Wenn es planbar wäre, dann würden die „bösen“ Verlage nur das machen, was
andere stützt und das, was gestützt werden muss, würden sie gleich
weglassen. Aber das Schwierige und zugleich das Großartige am Verlegen
ist: Es ist überhaupt nicht planbar. Man macht ein Debüt und plötzlich
knallt das und kein Mensch hat es vorher gewusst. Wichtig ist nur, dass
man daran glaubt, was man macht, dass man ein eigenes Urteil hat. Ich
glaube, wenn man den Trends hinterherhechelt, klappt das nicht. Letztlich
bin ich ein großer Anhänger der Strategie „lange Sicht“. Alles muss auf
lange Sicht funktionieren. Da lohnt es gar nicht, wenn man einmal abräumt
und alle fühlen sich über den Tisch gezogen. Wir können als kleiner Verlag
nicht die Bäume in den Himmel wachsen lassen, aber wir tun was wir können.
Und wir schaffen es mit unseren Büchern in die großen Feuilletons.
Ist das Feuilleton der Maßstab?
Ich leide nicht darunter, dass wir da häufig vorkommen. Das heißt nicht,
dass der Verkauf befördert wird. Aber auf lange Sicht bewirkt das
Feuilleton etwas.
Eine Kanonisierung?
So weit reicht die Macht nicht. Aber ich habe Daniel Kehlmann seinerzeit
zu Suhrkamp geholt und es war nicht die kleinste Aufgabe, ihm zu sagen:
Hey, irgendwann kriegen die da draußen mit, dass du gut bist, du musst
einfach schreiben, irgendwann sehen die: Der hat ja schon fünf Bücher.
Wichtig ist, dass du nicht entmutigt die Sache hinschmeißt oder die
Produktivität verlierst, wenn du ignoriert wirst.
Kehlmann ist jetzt bei Rowohlt. Ist das nicht auch eine Enttäuschung,
wenn man langfristig denkt, einen Autor aufbaut, und der wechselt dann den
Verlag?
Wir haben im selben Moment den Verlag verlassen, Ich freue mich, dass es
für ihn so gut läuft. Es ist schmerzhaft, wenn ein Autor meinen Verlag
verlässt, aber in diesem Fall war es so, dass ich Suhrkamp auch verlassen
habe. Über seine Gründe kann ich nichts sagen, aber natürlich hatten wir
eine enge Beziehung. Wenn die wegbricht wird die Beziehung zum Verlag
lockerer und offenbar hat die dort niemand die Fäden wieder so fest an
sich gezogen. Aber darüber kann ich keine Auskunft geben. Wenn Autoren
unseres Verlages weggehen, dann wird das eine schmerzhafte Erfahrung sein.
Wir werden sicher nicht drum herum kommen, aber ich verstehe meine Arbeit
so, dass ich es anstrebe, für den Autor verlässlich zu sein, und ihm nicht
einem Tritt zu geben, nur weil 500 Exemplare zu wenig verkauft wurden. Und
ich wünsche mir natürlich auch, dass die Autoren sagen: Hier bekomme ich
etwas, was ich woanders nicht kriege. Wallstein ist unter den Kleinen und
Mittleren ein sichtbarer Verlag und der Verleger Theo von Wallmoden wird
das in 20 Jahren noch machen. Und ich auch.
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Veröffentlich im
Poet Nr. 5
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