André Hille

 
 

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Bademäntel für den Buchhändler

In der DDR träumte Thorsten Ahrend vom Lektoratsposten beim Reclam Verlag, als er ihn hatte, kam die Wende. In den 90ern glaubte er an einen jungen Autor namens Daniel Kehlmann und verließ, zur gleichen wie dieser, den Suhrkamp Verlag. 2004 wechselte er als Gesellschafter und Lektor zum Göttinger Wallstein Verlag.


Wenn man das Wallsteinprogramm betrachtet, fällt der Vorrang der Sprache vor dem Plot auf. Ist gute Literatur für Sie Sprachliteratur?
Ich würde es nicht so gewichten, aber Plot ohne Sprache würde ich ausschließen, das kann ich nicht ertragen und das will ich bei Wallstein auch nicht haben. Für mich besteht die Spezifik von Literatur immer auch in Sprache. Ich würde daraus keine Ideologie machen und sagen: Es darf keine Handlung vorkommen. Ich möchte auch gerne was erzählt kriegen, aber ohne Sprache geht es in jedem Fall nicht.

Sie sind in der DDR geboren und über den Hirnstorff Verlag, Reclam und Suhrkamp schließlich zu Wallstein gekommen. Hat sich im Verlauf Ihrer Karriere Ihr persönliches Verhältnis zum Lesen geändert?
Ich wünsche mir manchmal, ich würde mehr Bücher lesen können und weniger Manuskripte. Ich freue mich sehr, wenn ich mal ein Buch in der Hand habe und das von Anfang bis Ende durchlesen kann. Doch wenn ich Manuskripte aus der Hand lege, bekomme ich immer ein Schuldgefühl. Es liegen noch hunderte andere Manuskripte auf meinem Schreibtisch, die Autoren rufen an und fragen nach und dann stellt sich leider dieses Gefühl des zielgerichteten Lesens ein: Ich lese etwas, um schnell eine Entscheidung zu treffen. Das „Ja“ ist meist keine schnelle Entscheidung, diese Manuskripte liegen lange und das nutzt weder dem Autor noch mir. So läuft es meist darauf hinaus, dass man wenigstens den Berg zu minimieren versucht, etwas, das man schnell absagen kann. Die interessanten Manuskripte schlummern manchmal, weil sie mehr Kraft und Zeit erfordern. Das ärgert mich und macht mich traurig. Grundsätzlich hat sich also nichts geändert, aber klar, ich bin älter geworden und etwas abgestumpfter.

Geht also auf Dauer durch diesen Beruf die Leidenschaft für das Lesen verloren?
Das würde ich nicht generell so sehen. Mich hat immer fasziniert, mit welch leuchtenden Augen Sigfried Unseld mit einem Manuskript in der Hand durch das Haus stürzen konnte und rief: Das ist ganz was Tolles. Mit Mitte 70 so etwas noch hinzukriegen, das rührt mich, das fasziniert mich und ich möchte, dass ich das wenigstens halbwegs schaffe. Manchmal ist es vielleicht so, dass ich das Gemachte, die Versatzstücke, schneller erkenne, als ich das früher konnte, dass ich manchmal das Gefühl habe: Das ist Scharlatanerie. Vielleicht hätte ich das als 20-Jähriger für genial gehalten, aber heute denke ich: Das ist schon 100 Jahre alt. Ich bin nicht mehr ganz so schnell zu begeistern. Aber darum geht es doch eigentlich, um den Ausnahmefall und nicht, dass man gelangweilt sagt: Ach ja, das ist ganz gut.

Lektoren mischen heute von der Covergestaltung bis zur Pressearbeit so ziemlich überall mit, sind also eher Produktmanager. Empfinden Sie das eher positiv oder negativ?
Produktmanager meint eher, Marketingstrategien zu entwickeln, also: Wie kann man noch zwei Apfelsinen mehr so auf dem Buch platzieren, dass der Leser Hunger kriegt, dass ihm noch mehr das Wasser im Mund zusammenläuft. Oder: Wir kann man die Buchhändler mit einem Handtuch und einem Bademantel begeistern, damit sie ein Buch ins Schaufenster legen. Ich will das nicht schlechtreden, es ist ja auch toll, wenn das gelingt, aber ich bin mehr noch ein Lektor im anderen Sinne.

Ein traditioneller Lektor?
Ja, das ist vielleicht nicht unbedingt eine Qualität, das sage ich durchaus selbstkritisch. Aber wir müssen sehen, wie unsere Bücher in die Feuilletons kommen und darum kümmere ich mich auch. Was mich ein bisschen frustriert: Es ist heute oft nicht mehr so, dass jemand ein Buch schreibt, Qualität liefert und dass er nach und nach bekannt oder berühmt wird, sondern es ist heute oft andersherum: Man muss berühmt sein, weil man im Fernsehen dieses oder jenes getrieben hat, dann schreibt man ein Buch und das wird ein Bestseller. Ich kenne überhaupt niemanden, der so etwas liest und ich kann mir das für mich selber auch gar nicht vorstellen. Warum soll ich ein Buch von Dieter Bohlen lesen? Aber so ist nun einmal. Da geht es ums reine Marketing.

Stichwort in diesem Zusammenhang ist die von vielen beklagte Beschleunigung auf dem Buchmarkt. Wie gehen Sie mit dem Konflikt um, als Lektor mitmachen zu müssen, aber dadurch die Branche immer weiter zu beschleunigen?
Wir müssen nicht mitmachen, weil wir gar nicht so sehr drin stecken. Das ist letztlich ein beklagenswerter Umstand, natürlich würde ich mir wünschen, dass unsere Bücher stärker in den Buchhandlungen präsent sind, aber zugleich es ist auch ein Privileg. Wir sind nicht gezwungen, 100.000 Stück von einem Titel zu verkaufen, da sonst alles zusammenbricht, weil die Marketingmaßnahme schon eine Million verschlungen hat und es, wenn sich das nicht rechnet, einen Riesendruck gibt und der gesamte Verlag wackelt.

Wie würden Sie den Zustand der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur beschreiben?
Total spannend. Das ist toll, wie die miteinander kommunizieren und wie sie sich auch als Generation auf dem Markt etablieren, sich gegenseitig die Türen aufhalten, zu Lesungen einladen, sich vernetzen. Manche von ihnen finde ich richtig spannend, bei manchen denke ich: Naja, da wird in zwei Jahren nicht mehr soviel von übrig sein, aber da kann ich mich auch irren. Vielleicht schreibt sich jemand dahin. Man wird auch besser durch Anforderung und Erfolg. Insofern ist es immer besser, wenn die Autoren die Möglichkeit haben, sich öffentlich zu produzieren, als wenn sie in der Kammer sitzen, sich für genial halten und darunter leiden, dass die Welt das nicht merkt.

Welche Voraussetzungen muss ein Autor mitbringen, um in das Verlagsprogramm von Wallstein aufgenommen zu werden?
Er muss gut sein. Er muss etwas zu sagen haben und er muss eine Sprache haben, in der dies hörbar wird. Wir haben bei Wallstein nicht die Idee von einem Autor, der unter 25 sein muss und über 1,80, das ist Blödsinn. Ich lese den Text, ich muss mich zu dem Text verhalten und ich muss, das ist vielleicht schon ein Kriterium, das Gefühl haben, hier zeigt sich mir ein Autor. Daran habe ich mich in den bisherigen Verlagen auch immer orientiert. Es soll die Pranke des Löwen spürbar sein. Ich verspreche mir, wenn ich mir einen Autor herhole, dass hier ein Werk entsteht, daran möchte ich teilhaben und ich möchte, dass der Autor das genauso empfindet, dass man gemeinsam etwas schafft.

Denken Sie, dass Schreibschulen effektiv sind, was das Erlernen von Schreiben betrifft?
Da bin ich gespalten. Manchmal denke ich: Schaden kann es nicht. Und für Autoren, die allzu viele Fehler begehen, grammatisch, im Plot oder in der Art des Erzählens, ist es immer gut, wenn ihnen jemand etwas beibringt, aber ich glaube nicht, dass man dadurch zum Autor werden kann. Es gibt heutzutage viele Möglichkeiten, sich zu bilden. Wir sind nicht umgeben von Leuten, die von Bildung abgeschnitten waren und nun über speziellen Nachhilfeunterricht dahin gebracht werden. Autoren sollten ohnehin wissen, was vor ihnen war. Das begegnet mir leider häufig, dass Autoren gar nichts gelesen haben, das verwirrt mich immer, ich denke, ein Autor sollte auch ein Leser sein.

Wo sehen Sie angesichts des Internets und der Digitalisierung die Zukunft des Buches?
Mir wäre es am liebsten, man muss das nicht alternativ handhaben. Es ist Quatsch, ein neues Medium mit moralischen Vorwürfen zu bedenken. Früher haben wir gedacht, Kino ist der Tod des Theaters, dann war das Fernsehen der Tod des Kinos, immer wenn ein neues Medium auftaucht, schreiben alle Konservativen den Untergang des Abendlandes herbei. Ich habe es gern, ein Buch in der Hand zu halten, ich mag es auch, wenn es schön aussieht, ich nehme von einem neuen Buch den Umschlag ab und freue mich, wenn ich das Gefühl habe, da hat sich jemand Gedanken gemacht. Aber ich nehme zur Kenntnis, dass das für Junge meistens keine Frage mehr ist und darüber habe ich nicht zu meckern. Aber lesen sollten sie schon. Ich denke, dass die Kulturtechnik des Lesens unersetzlich ist und wir Probleme bekommen, wenn wir akzeptieren, dass junge Leute nicht lesen brauchen. Da müssen wir uns was einfallen lassen.

Verwenden Sie bei Ihrer Arbeit die klassische Mischkalkulation? Wer stützt wen?
Wenn es planbar wäre, dann würden die „bösen“ Verlage nur das machen, was andere stützt und das, was gestützt werden muss, würden sie gleich weglassen. Aber das Schwierige und zugleich das Großartige am Verlegen ist: Es ist überhaupt nicht planbar. Man macht ein Debüt und plötzlich knallt das und kein Mensch hat es vorher gewusst. Wichtig ist nur, dass man daran glaubt, was man macht, dass man ein eigenes Urteil hat. Ich glaube, wenn man den Trends hinterherhechelt, klappt das nicht. Letztlich bin ich ein großer Anhänger der Strategie „lange Sicht“. Alles muss auf lange Sicht funktionieren. Da lohnt es gar nicht, wenn man einmal abräumt und alle fühlen sich über den Tisch gezogen. Wir können als kleiner Verlag nicht die Bäume in den Himmel wachsen lassen, aber wir tun was wir können. Und wir schaffen es mit unseren Büchern in die großen Feuilletons.

Ist das Feuilleton der Maßstab?
Ich leide nicht darunter, dass wir da häufig vorkommen. Das heißt nicht, dass der Verkauf befördert wird. Aber auf lange Sicht bewirkt das Feuilleton etwas.

Eine Kanonisierung?
So weit reicht die Macht nicht. Aber ich habe Daniel Kehlmann seinerzeit zu Suhrkamp geholt und es war nicht die kleinste Aufgabe, ihm zu sagen: Hey, irgendwann kriegen die da draußen mit, dass du gut bist, du musst einfach schreiben, irgendwann sehen die: Der hat ja schon fünf Bücher. Wichtig ist, dass du nicht entmutigt die Sache hinschmeißt oder die Produktivität verlierst, wenn du ignoriert wirst.

Kehlmann ist jetzt bei Rowohlt. Ist das nicht auch eine Enttäuschung, wenn man langfristig denkt, einen Autor aufbaut, und der wechselt dann den Verlag?
Wir haben im selben Moment den Verlag verlassen, Ich freue mich, dass es für ihn so gut läuft. Es ist schmerzhaft, wenn ein Autor meinen Verlag verlässt, aber in diesem Fall war es so, dass ich Suhrkamp auch verlassen habe. Über seine Gründe kann ich nichts sagen, aber natürlich hatten wir eine enge Beziehung. Wenn die wegbricht wird die Beziehung zum Verlag lockerer und offenbar hat die dort niemand die Fäden wieder so fest an sich gezogen. Aber darüber kann ich keine Auskunft geben. Wenn Autoren unseres Verlages weggehen, dann wird das eine schmerzhafte Erfahrung sein. Wir werden sicher nicht drum herum kommen, aber ich verstehe meine Arbeit so, dass ich es anstrebe, für den Autor verlässlich zu sein, und ihm nicht einem Tritt zu geben, nur weil 500 Exemplare zu wenig verkauft wurden. Und ich wünsche mir natürlich auch, dass die Autoren sagen: Hier bekomme ich etwas, was ich woanders nicht kriege. Wallstein ist unter den Kleinen und Mittleren ein sichtbarer Verlag und der Verleger Theo von Wallmoden wird das in 20 Jahren noch machen. Und ich auch.
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Veröffentlich im Poet Nr. 5

 

 


© André Hille 2008