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„Tiere denunzieren nicht.“
In seinem neuen Roman "Kaltenburg" erzählt Marcel Beyer von zwei
Wissenschaftlern – einem Biologen und einem Ornithologen – vor dem
Hintergrund der deutschen Geschichte. Kunststoff hat mit ihm über seine
Heimat Dresden, die Beziehung zwischen Mensch und Tier und die Arbeit an
seinem Roman gesprochen. Interview: André Hille
Eine
schöne Altbauwohnung in Dresden Strehlen. Kaum betritt man die Wohnung
spürt man: Hier wird geraucht. Der Frage „Darf man hier rauchen?“, folgt
ein entschiedenes „Man muss“. Der Schriftsteller Marcel Beyer setzt einen
starken Kaffee auf. Die Tastatur seines kleinen Laptops, der neben der
Tasse steht, ist derart abgenutzt, dass kaum mehr ein Buchstabe zu
erkennen ist. Dieser Mann muss intuitiv tippen. „Das ist schon die zweite
Tastatur“, sagt er. Kein Wunder, für seinen aktuellen Roman „Kaltenburg“
brauchte er vier Jahre, viele Kapitel und Szenen verschwanden wieder, weil
sie ihm sprachlich zu „pappig“ waren. Marcel Beyer, 1965 in Württemberg
geboren, machte 1995 Furore mit seinem Roman „Flughunde“.
Sie sind in Württemberg geboren, in Kiel aufgewachsen, haben in Siegen
studiert und in Köln gelebt – Sie sind sozusagen ein richtiger Wessi. Was
bewog Sie 1996 zum Umzug nach Dresden?
Meine Freundin, eine bildende Künstlerin, hatte zu jener Zeit eine
Ausstellung in Dresden und fand die Stadt klasse. Sie ist hier geblieben.
Ich lebte damals schon seit 23 Jahren im Rheinland und merkte: Irgendwie
ist die Zeit vorbei. Ich war mit der Uni fertig, das Promotionsstipendium
lief aus, ich hätte mich um einen Job kümmern müssen. Das war genau der
richtige Moment, um ganz woanders hinzugehen. Ich wollte weit in den
Osten, schon Leipzig war mir nicht östlich genug. In eine mir völlig
unbekannte Stadt zu ziehen, fand ich spannend.
Ihr neuer Roman „Kaltenburg“ ist auch eine Erkundung der Topographie
Dresdens. Trotzdem sei, so heißt es einmal in dem Roman, „Sächsisch eine
Fremdsprache geblieben“. Nähern Sie sich dieser Stadt nach wie vor an oder
ist sie bereits Heimat geworden?
Dresden ist Heimat, aber ich bin kein Dresdner. Diese Distanz zu einer
Stadt war immer meine Lebenssituation. So von außen auf eine Stadt zu
schauen, kann auch erholsam sein, denn in manchen Dingen möchte man ja gar
nicht drinstecken. Im Roman ist das ähnlich: Obwohl die Figur des
Erzählers Hermann Funk seit 1945 in Dresden ist, nimmt er eine gewisse
Außenposition ein: Er schaut vom Rand auf die Mitte. Das ist die
Situation, in der auch ich lebe.
War der Roman dann auch eine Art Erkundung für Sie selbst, um in die
Historie dieser Stadt einzutauchen?
Ja, absolut. Das begann schon an meinem ersten Tag in Dresden. Dresden ist
voller Ruinen, bei denen ich nicht einmal erkannte, dass sie früher
Gebäude waren. Ich habe sie für Gartenmauern gehalten, bis jemand sagte:
Nein, da stand ein Haus, das war früher ein Gebäude. Über Gespräche bin
ich sehr bald mit den Schichten unterhalb der Oberfläche, der
Stadtoberfläche wenn man so will, in Berührung gekommen.
Die Zerbombung Dresdens ist in der Stadt immer Thema, das Entsetzen über
den Untergang einer der schönsten Städte Deutschlands immer präsent.
Wenn man auf der Straße mit jemandem ins Gespräch kommt, der das als
Zeitzeuge erlebt hat, kommt das sofort zur Sprache. Einmal stand ich mit
einem Fotografen am Pirnaischen Platz und eine ältere Dame mit
Einkaufsbeuteln fragte mich: Was machen Sie da? Dann fuhr sie sofort fort:
Der Pirnaische Platz sah früher ganz anders aus. Es geht nicht nur um die
sichtbare Zerstörung, sondern auch um die Zerstörung einer bürgerlichen
Welt. Und diese Zerstörung war immer Spielball zwischen den Ideologien und
ist es bis heute geblieben. Wenn man sieht, was an Demonstrationen und
Gegendemonstrationen um den 13. Februar stattfindet, könnte man denken, da
wird jedes Jahr neu die Herrschaft über die Geschichte ausgetragen.
Der Schreibstil in „Kaltenburg“ ist eher fließend, geschmeidig. Was
bedeutet guter Stil für Sie?
Bei diesem Text bedeutete das manchmal, morgens mit einem Satz anzufangen,
mit dem man abends noch nicht fertig war. Grauenhaft (lacht). Ich habe
2003 angefangen mit diesem Buch. Nach 70 oder 100 Seiten war ein
bestimmter Erzählton angeschlagen, ein gewisses Understatement, in hin und
wieder Ungeheuerlichkeiten aufblitzten. Doch nach diesen ersten Seiten war
es schwierig, den Erzähler über die weite Strecke eines Romans so
weiterzuführen. Das ist bei mir aber immer so, am Anfang, wenn ich einen
Roman anfange, sammelt sich viel Stoff an und dieses „Lass-das-weg“ ist
dann der schwierige Weg.
Sie sind auch Lyriker. Würden Sie der These zustimmen, dass in der Lyrik
die Sprache das Material ist, während sie in der Prosa das Medium ist?
Für mich gilt das so nicht. Zum einen sind es Sprachphänomene, die funkeln
und aus denen sich auch Prosa ergibt. Und zum anderen weiß ich aus der
Arbeit an „Kaltenburg“, dass es Seiten gibt, die vielleicht inhaltlich
interessant sind, aber sprachlich pappig. Die Sprache allein ist nicht das
Medium. Wenn ich eine lange Szene auf ein oder zwei Seiten kondensiere,
ist das wie das Arbeiten an einem Gedicht: immer weglassen, verknappen.
Eine wesentliche Rolle in Ihrem Roman spielt die Beziehungen zwischen und
Mensch und Tier. Wie sind Sie auf diese Spur gekommen?
Die Tierwelt habe ich in den letzten Jahren entdeckt. Ich habe bei einer
Museumsnacht einen Zoologen kennen gelernt, Dr. Siegfried Eck, den
damaligen Kustor der ornithologischen Sammlung Dresden. Ich war fasziniert
von diesem Menschen und von der Art, wie Zoologen denken: dass nämlich
nicht der Mensch Zentrum der Welt ist, sondern dass sich jedes Tier mit
gleichem Recht als Mittelpunkt betrachten könnte. Zwischen dem
künstlerischen Arbeiten und dem Forschen sehe ich außerdem einige
Parallelen: Man muss offen sein gegenüber fremden Lebenszusammenhängen,
bei beiden Tätigkeiten spielen ästhetische Kriterien eine Rolle, es ist
eine Schärfung der Wahrnehmung erforderlich. Dr. Eck hat einmal erzählt,
dass er manchmal wochenlang eine Sache betrachtet, es scheinen verlorene
Wochen zu sein. Aber plötzlich weiß er: Der muss da hin, der muss da hin.
Genau dieses Brüten und Warten kenne ich auch vom Schreiben.
Eines der Hauptthemen des Romans ist das Thema „Kommunikation“. Kaltenburg
kommuniziert mit Tieren, der Vater des Ich-Erzählers Hermann mit den
Pflanzen. „Man müsste die Gesellschaft der Tiere suchen“, sagt Kaltenburg.
Ist die der Menschen nichts Wert?
Doch, die ist wichtig. Was wäre aus dem Erzähler geworden, wenn es diesen
Kaltenburg nicht gegeben hätte? Ein Problem innerhalb der menschlichen
Gesellschaft ist jedoch immer, wer was an wen weiterleitet. Tiere machen
das nicht. Ein Satz, der im Text nicht vorkommt, stand mir immer vor
Augen: „Ein Tier denunziert nicht.“ Aber das hat nichts damit zu tun, dass
Tiere aufrechter wären, sondern einfach mit ihrer mangelnden
Kommunikationsfähigkeit.
Der Vogel spielt die zentrale Rolle in Ihrem Roman. Tote Vögel,
präparierte Vögel, verbrannte Kadaver, Vogelschwärme, kranke Vögel,
eingesperrte Vögel. Der Vogel ist in „Kaltenburg“ oft angstbesetzt, steht
aber auch für eine Art Freiheit oder auch gezähmte Freiheit. Woher diese
große Ambivalenz?
Für mich war es wichtig, den Vogel nicht als Symbol aufkommen zu lassen.
Um dem zu entkommen, hatte ich nur eine Möglichkeit: die Tiere bis an den
Rand ihrer Symbolhaftigkeit zu zeigen, aber immer an ganz verschiedenen
Rändern. Anhand der Tierwelt kann ich Dinge darstellen, die innerhalb der
Menschenwelt nicht ausgesprochen werden. Zum Beispiel wenn der Erzähler
sich erinnert, dass an Kaltenburgs Institut jemand scheußliche Experimente
mit Rhesusaffen durchgeführt hat. Das war eine Möglichkeit, über Menschen
zu sprechen, ohne sie bloßzustellen. Die Tierszenen beleuchten die
Menschenszenen und die Menschenszenen die Tierszenen.
Wenn man Ihr Werk betrachtet, fallen zwei große Interessen auf: der Osten
und der Zweite Weltkrieg? Woher rühren die?
Das hat mit 1989 zu tun. Ich war ein junger, popsozialisierter Westmensch
und hatte mit dem Osten im weitesten Sinne überhaupt nichts zu tun. Eine
Klassenkameradin ging nach dem Abitur nach Polen – das war, als wäre sie
von der Landkarte verschwunden. Als es dann 1989 knallte, ist sofort ein
Interesse entstanden und ich dachte: Klasse, jetzt kann auch ich hin und
herreisen. Nach und nach habe ich gemerkt, dass sich in dieser
Himmelsrichtung Dinge auftun, von denen ich dachte, dass ich ihnen in
meinem Leben nicht begegnen werde. Zum Beispiel war ich immer sehr
fasziniert von den Pariser Kreisen der 1920er Jahre. In deren Biografien
tauchten Ortsnamen auf, von denen ich dachte: Die wirst du niemals zu
Gesicht bekommen. Seit der Wende ist das möglich.
Vielen Dank für das Gespräch.
Foto: Paustian/SV |
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