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André Hille |
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»Wir sind die Maulwürfe des Literaturbetriebs.«
„EDIT – Papier für neue Texte“ gehört zu den renommiertesten Literaturzeitschriften des Landes. Nun steht an der Spitze des Literaturblatts ein neues Team. Jan Kuhlbrodt ist Geschäftsführer, an seiner Seite arbeitet Ulrike Almut Sandig als Redakteurin und Moderatorin der Lesereihe EDIT-Seitentriebe. Interview: André Hille, Katharina Bendixen
Über die EDIT-Nachfolge wurde lange Geheimniskrämerei betrieben, was war so kompliziert am Auswahlverfahren? Kuhlbrodt: Da war nichts kompliziert. Es haben sich zwei Teams vorgestellt und aus beiden wurde das Topteam gebildet. Das sitzt jetzt hier. Der Verein hat uns getrennt voneinander gefragt, ob wir das nicht zusammen machen wollen.
Was sind das für Pole, zwischen denen sich das aufspannt? Sandig: Zum einen sicher ein Altersunterschied, das hat Auswirkungen darauf, welche Autoren wir persönlich kennen. Kuhlbrodt: Sie will damit sagen, dass ich wesentlicher jugendlicher wirke, als ich bin. Sandig: Genau (lacht). Zum anderen legen wir, was Gedichte betrifft, Wert auf recht unterschiedliche Dinge. Das wird sich im Einzelnen herausstellen, wie wir jeweils auf die Autoren reagieren. Jan hat mit seinen Essays ein Gebiet, das ich sehr selten betrete, während ich auch Prosa schreibe. Dadurch kommen gewisse literarische Vorlieben zum Ausdruck, die sich hoffentlich gut ergänzen werden. Kuhlbrodt: Das Schöne ist, dass sich an der Reiberei so etwas wie objektive Kriterien herauskristallisieren könnten, dass wir beide mit einem gewissen Geschmack an die Sache heran gehen, sich aber in der Debatte aus dem Geschmack ein Werturteil bildet.
Im besten Fall … Kuhlbrodt: … ja, bestenfalls. Schlechtestenfalls haben wir beide ein Vetorecht, dann wird die Vetokarte gezogen.
Ihr Vorgänger Patrick Hutsch ist als Prosa-Lektor nach München gegangen. Sie sind beide Lyriker, wird die Zeitschrift lyriklastiger? Kuhlbrodt: Einschränkend muss man sagen, dass Ulrike nicht nur Lyrikerin ist, sondern auch Prosa schreibt, und ich bin Lyriker und Essayist. Somit decken wir eigentlich das ganze Spektrum ab. Sandig: Und das ist auch das Spektrum, das wir gerne halten möchten. Wenn wir gute Texte finden, kommen dazu auch dramatische Texte. EDIT wird sicher keine Lyrikzeitschrift, aber es wird sich niederschlagen. Kuhlbrodt: Man kann der EDIT auch nicht den Vorwurf machen, dass sie bisher keine Lyrik gebracht hätte. Ich denke, wir werden eine ausgewogene Mischung präsentieren. Es ist nicht auszuschließen, dass in einem Heft mehr Lyrik oder Prosa drin ist, weil wir einfach die besseren Texte aus der Gattung haben.
Von der inhaltlichen Arbeit abgesehen, was kommen noch für Aufgaben auf Sie zu? Wie haben Sie die Aufgaben untereinander aufgeteilt? Kuhlbrodt: Die inhaltliche Arbeit wird nur einen bescheidenen Anteil meiner Arbeit an der EDIT ausmachen, als Geschäftsführer wird wesentlich mehr Büroarbeit auf mich zukommen, aber Ulrike wird mir zur Seite springen, so bald es nötig ist und möglich. Sandig: Die redaktionelle Arbeit teilen wir zu fünfzig Prozent unter uns auf. Ich werde ein bisschen mehr Öffentlichkeitsarbeit machen. Kuhlbrodt: Auch das Lektorat wird aufgeteilt, wobei der, der die Texte vorschlägt, sie auch lektorieren wird, weil der einen intuitiveren Zugang zu ihnen hat.
Wird sich die EDIT-Lesereihe fortsetzen? Kuhlbrodt: Die wird sich fortsetzen, die muss sich fortsetzen, denn sie ist Bestandteil der Arbeit des Vereins. Unsere Fördermittel gehen nur zu fünfzig Prozent ins Heft, den anderen Teil erhalten wir, um das Stadtleben kulturell zu unterstützen. Sandig: Neben den Lesungen im Haus des Buches werden wir stärker Veranstaltungen in der Stadt machen, aber das heißt nicht, dass es im Haus des Buches weniger Veranstaltungen geben wird.
Sandig: Wahrscheinlich werden wir im Dezemberheft mit einem englischsprachigen Teil anfangen, der unübersetzt bleibt. Zukünftig wollen wir in jedem Heft eine Partnerschaft mit einer englischsprachigen Zeitschrift aufbauen. Kuhlbrodt: Es geht darum, dass wir uns gegenseitig Seiten zur Verfügung stellen. Das ist die Internationalisierung der EDIT. Die Globalisierung geht nicht an uns vorbei. Sandig: Ich denke, dass die Leserschaft der EDIT auch englischsprachige Literatur liest und wir daher über unseren deutschsprachigen Tellerrand hinausgucken müssen. Im englischsprachigen Raum gibt es eine rege Literaturzeitschriftenszene, ich kenne das aus eigener Erfahrung zum Beispiel von meinem Aufenthalt in Sidney. Aber auch in den USA gibt es wahnsinnig viele Magazine, häufig an die Creative-Writing-Kurse der Universitäten angebunden. Kuhlbrodt: Was wir intensivieren werden, ist der Kontakt zu den anderen deutschsprachigen Literaturzeitschriften. Es gibt den Verein „Junge Magazine“, mit dem wir einen gemeinsamen Auftritt auf der Buchmesse hatten. Acht deutschsprachige Literaturzeitschriften arbeiten in diesem Verein an einer Kooperation. Dabei geht es darum, erst einmal national, dann international ein Netzwerk aufzubauen. Wir verstehen uns nicht als Konkurrenten.
Was ist der Vorteil einer solchen Kooperation? Kuhlbrodt: Man könnte zum Beispiel eine gemeinsame Auslieferung andenken. Man hat ein ganz anderes Potenzial, was Heftwerbung betrifft. Plötzlich hat man eine Gesamtauflage von 10.000. Und es fördert natürlich den Austausch: Wie klappt das, wie geht das bei euch? Man tritt bei Messen gemeinsam auf, was die Kosten niedrig hält, aber man hat trotzdem die Bühne.
Welche Funktion haben Literaturzeitschriften, welche Funktion hat die EDIT? Kuhlbrodt: Literaturzeitschriften sind die Maulwürfe des Literaturbetriebs und die EDIT ist der Leitmaulwurf (lacht). Um im Bild zu bleiben: Wir sind zwar blind, aber wir haben ein unglaubliches Sensorium für Feinheiten. Es ist wirklich so, dass die Literaturzeitschriften dem Literaturbetrieb Autoren zuführen. Das ist auch die Funktion kleinerer Verlage, Autoren zu entdecken und aufzubauen. In einem ähnlichen Kontext ist die EDIT zu sehen. Sandig: Auch wenn man oft als Literaturaufbauer gesehen wird, bieten Literaturzeitschriften trotzdem ein freies Spielfeld, weil wir gar nicht marktstrategisch denken müssen, deshalb können wir und andere, wie „Bella Triste“ oder „sprachgebunden“, natürlich Sachen machen, die sich in einem großen Verlag überhaupt nicht lohnen würden, aber von hoher Qualität sind.
Werden Literaturzeitschriften von den Lesern überhaupt wahrgenommen oder schmort man nur im eigenen Saft? Kuhlbrodt: Wir haben eine große Anzahl von Abonnenten, also Stammlesern. Im Unterschied zu Lesern von Büchern großer Verlage sind diese Leser aufgeschlossener und neugieriger. Sandig: Was natürlich klar ist: Viele Leser von EDIT oder anderen Zeitschriften sind selber Autoren oder nah an der Szene dran, das ist auch in Ordnung. Trotzdem würde ich sagen, dass EDIT keine Autorenzeitschrift ist. Sicher eine Intellektuellenzeitschrift, das kann man aber auch positiv sehen.
Jan Kuhlbrodt, geboren 1966 in Karl-Marx-Stadt/Chemnitz, Studium der Politischen Ökonomie in Leipzig, der Philosophie in Frankfurt am Main sowie am Deutschen Literaturinstitut. Lebt seit 1998 in Leipzig. Zuletzt erschien „Wagnis Warteschleife“ in der lyrikedition 2000.
Ulrike Almut Sandig, 1979 in Großenhain/Sachsen geboren, lebt in Leipzig. Nach Studien- und Arbeitsaufenthalten in Frankreich und Indien und einem Magisterabschluss in Religionswissenschaft und Indologie begann sie 2004 ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Zuletzt erschien ihr Gedichtband „Streumen“ in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung.
Der Literaturverein EDIT e.V.
hat sich am 4. 11. 1993 in Leipzig gegründet. Er besteht aus circa 50
Mitgliedern und widmet sich der Förderung junger, deutschsprachiger
Literatur. Der gemeinnützige Verein ist Träger der Literaturzeitschrift
EDIT und Veranstalter der Lesereihe EDIT-Seitentriebe. Er finanziert sich
zum größten Teil durch Mittel der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen
und des Kulturamtes der Stadt Leipzig. |
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| © André Hille 2008 |