André Hille

 
 

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Der Finanzier des Mittelstands

 

Reik Hesselbarth ist Geschäftsführer der Beteiligungsgesellschaften der Sparkasse Leipzig und arbeitet daran, Unternehmen in die Region zu ziehen oder sie bei der Expansion zu unterstützen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Ansiedlung von Verlagen.

Sie sind Geschäftsführer der Beteiligungsgesellschaften der Sparkasse Leipzig, wofür sind Sie verantwortlich?
Wir sind dafür verantwortlich, Unternehmen, die sich in Leipzig ansiedeln, neu gründen oder expandieren wollen mit Eigenkapital auszustatten, ihnen also Geld in die Hand zu geben, um das Wachstum anzustoßen.

Wie funktioniert die Kapitalvergabe genau?
Das Ganze beginnt mit vielen Gesprächen, geht über detaillierte Beteiligungsprüfungen und Vertragsverhandlungen, bis zum Beteiligungsmanagement und Controlling.

Haben Sie ein Gespür dafür, wann eine Geschäftsidee gut ist?
Ich hoffe, dass wir ein Gespür dafür haben oder zumindest entwickelt haben (lacht), wir machen das seit 1999, also schon ein paar Jahre. Im Wesentlichen hängt eine Zusammenarbeit von den Gesprächen ab. Passt man zueinander? Kann uns der Unternehmer von der Idee überzeugen und davon, dass er das, was er vorhat, auch verwirklichen kann? Den Businessplan schauen wir uns natürlich auch an, aber Papier ist geduldig und Excel-Tabellen sind noch geduldiger. Das Spannende ist wirklich das Gespräch mit dem Unternehmer. Wenn der Unternehmer uns überzeugt hat, dann passt in der Regel auch das Konzept.

Woher stammt das Kapital, das Sie investieren?
Im Wesentlichen von der Sparkasse, wir nutzen aber auch Kapital, das wir bei öffentlichen Geldgebern wie der KfW einwerben oder gehen Coinvestments ein, wo andere Marktteilnehmer angesprochen werden.

Wie hoch ist das Ausfallrisiko?
Bei den großen Venture Capital Gesellschaften, die auf Technologiefinanzierung spezialisiert sind, entwickeln sich von zehn Engagements zwei wie geplant, vier bis fünf fallen aus und die anderen drei bis vier entwickeln sich so lala. Mit einer Ausfallquote von 50 Prozent hätten wir unsere Schwierigkeiten, die haben wir zum Glück nicht. Da liegen wir deutlich drunter. Aber das Risiko ist immer da, gerade wenn man im Start-Up-Bereich agiert, wo zum Teil noch geforscht wird und das Produkt noch nicht fertig ist. Trotz aller guten Ideen und aller Plausibilität kann es passieren, dass der Verbraucher sagt: Nee, das will ich nicht. Und dann können Sie sich hinterher fragen: Warum wollte der das nicht? Theoretisch passte alles, aber eine Fehlinvestition kann man nicht ausschließen.

Sie waren unter anderem am Umzug des Neuen Europa Verlages nach Leipzig beteiligt oder arbeiten mit dem Verlag Seemann Henschel zusammen. Gibt es eine spezifische Strategie für die Buch- und Verlagsbranche?
Das Verlagsgeschäft ist ein sehr spannendes, aber auch sehr spezielles Geschäft und im Moment kein sehr einfaches. Leipzig definiert sich ein Stück weit als Kultur- und Buchstadt, da ist für uns klar, dass Verlagsbeteiligungen, dort wo es sinnvoll ist, ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. Natürlich schaut man, wenn man sich an einem Verlag beteiligen will, genau hin: Was ist die Spezialität eines Verlages? Die achte Gründung eines Fachverlages in einer sehr kleinen Branche oder ein Belletristikverlag ohne besondere Ausrichtung sind sicher schwierig, da der Gesamtmarkt insgesamt rückläufig ist.

Aber sind die Märkte mittlerweile nicht überall gesättigt?
Es gibt einige Branchen, die stark wachsen. Alles, was mit dem demografischen Wandel zu tun hat zum Beispiel, aber auch in schrumpfenden Märkten gibt es Unternehmen, die trotzdem gut laufen und gut verdienen, aber die herauszufiltern ist eine Herausforderung.

Sind das die einzigen beiden Verlagsbeteiligungen?
Im Moment ja. Wir hatten verschiedene Beteiligungen, die zum Teil schon zurückgezahlt wurden, es finden Gespräche statt über neue Engagements. Gleichwohl merkt man, dass es, wenn der Markt schrumpft, nicht so viele Unternehmen gibt, die expandieren wollen und sich in eine Akquisition stürzen. Die meisten Verlage, mit denen wir gesprochen haben, sind derzeit auf einem Konsolidierungskurs, daher ist der Markt eher begrenzt für uns.

Leipzig war einmal die Buchstadt schlechthin, doch der Zweite Weltkrieg und die DDR-Zeit haben der Branche arg zugesetzt. Wird die Stadt je wieder daran anknüpfen können?
Alles, was ich jetzt sage, ist wohl falsch (lacht). Ich denke, der Buchmesse zum Beispiel ist ein großartiges Comeback gelungen. Das hat niemand geglaubt, gerade, als der Umzug aufs neue Gelände bevorstand. In jeder Zeitung war zu lesen, das kann gar nicht gut gehen. Es ist gut gegangen. Gleichwohl, die große Verlagsstadt wird Leipzig wohl nicht mehr werden, dazu haben sich die Verlage in den Städten, in die sie nach dem Krieg gegangen sind, zu gut eingerichtet. Trotzdem sind wir in Gesprächen über Ansiedlungen. Spannender ist es überdies, über eine Spezialisierung zu sprechen, um in Teilbereichen eine größere Aufmerksamkeit zu haben.

Zum Beispiel?
Ein großes Thema in Leipzig ist die Bildung, vor allem im Zusammenhang mit Neuen Medien und E-Learning. Da wird auch im Rahmen der Games Convention viel von Seiten der Stadt getan, um entsprechende Unternehmen hier anzusiedeln und die Messe in der Stadt zu halten.

Spielt Lokalpatriotismus bei Ihren Entscheidungen eine Rolle oder geht es allein um die Rentabilität?
Ich würde sagen: 75 Prozent Wirtschaftlichkeit, 25 Prozent Lokalpatriotismus. Wir arbeiten als Tochter der Sparkasse nicht losgelöst im Raum, sondern klar auf die Region ausgerichtet. Wir haben jetzt mit den Kollegen der von der Landesbank und den Sparkassen in Dresden und Chemnitz einen Fond für Frühphasenförderung, also Unternehmensgründungen aus dem Hochschulbereich heraus, aufgelegt, das hat natürlich auch was mit Regionalentwicklung zu tun.

Stichwort Clusterbildung.
Genau. Im Chemnitzer Raum ist viel passiert, was Automotive, Maschinenbau betrifft, im Dresdner Raum in Richtung Elektronik und Biomedizintechnologie. In Leipzig sieht es da noch ein bisschen dünn aus, leider ist auch von der Universität her noch nicht der Wille zu erkennen, tatsächlich in Ausgründungen zu gehen.

Ein großes Thema ist ja momentan die Region Mitteldeutschland. Schauen Sie nur auf Leipzig, auf Sachsen oder inwieweit ist diese Region relevant für Sie?
Als Tochter der Sparkasse Leipzig sind wir natürlich grundsätzlich im Geschäftsgebiet Leipzig unterwegs. Zum Glück dürfen wir das Geschäftsgebiet größer definieren, so dass wir sagen können: Mitteldeutschland ist für uns das Gebiet, auf dem wir agieren. Wir haben Beteiligungen in Halle oder in Aue, da sind wir flexibel. Es muss eben einen Mehrwert für das Unternehmen und für uns geben, da kann man nicht an der Kreisgrenze in Delitzsch aufhören. Es geht nicht mehr ohne Mitteldeutschland

Sind Sie selbst literarisch interessiert?
Ich lese gelegentlich (lacht). Ich lese eigentlich regelmäßig, literarisch allerdings nur noch gelegentlich. Die berufliche Literatur nimmt einen immer größeren Stellenwert ein. Ich war jahrelang stolz, jede Woche Die Zeit geschafft zu haben, das schaffe ich momentan mit Tochter nicht mehr. Aber zehn Bücher lese ich pro Jahr schon noch.

Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?
Momentan lese ich von Aristophanes „Die Vögel“.

Nach einem anstrengenden Tag also nicht nur der Druck auf den Fernsehknopf?
Wir haben in unserer Familie keinen Fernseher. Da bleibt manchmal noch der Computer, den ich, obwohl er den ganzen Tag schon läuft, auch zu Hause noch mal anschalte, aber einen Fernseher brauchen wir nicht.

Vielen Dank für das Gespräch.
 

 


© André Hille 2008