André Hille

 
 

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Er hat für diesen Roman gelebt

Claus Bräunig, der Sohn des 1976 verstorbenen Schriftstellers Werner Bräunig, kümmert sich zusammen mit seinem Bruder um das literarische Erbe seines Vaters. Über die Odyssee eines Manuskriptes, das Verhältnis zu seinem Vater, Gebrochenseins seines Vaters und das Scheitern der Utopie.


Ihr Vater, Werner Bräunig, schrieb von 1961 bis 1967 an dem Roman „Der eiserne Vorhang“, der jetzt unter den Titel „Rummelplatz“ erscheint. Wie kam das Manuskript wieder ans Tageslicht?
Als mein Vater 1976 gestorben ist, ist sein gesamter literarischer Nachlass an den Nachlassverwalter Heinz Sachs gegangen, der Lektor beim Mitteldeutschen Verlag war. Als mein Bruder und ich volljährig wurden, sollte uns der Nachlass übergeben werden. Daraus wurde nichts, weil der Nachlass beim Stadtarchiv in Halle Neustadt eingelagert worden war und zwar bei der Abteilung „Inneres“. Die hatten da die Hände drauf. Sich mit unserem Vater zu beschäftigen war überdies zu DDR-Zeiten für uns kein Thema, mein Bruder und ich waren zu dieser Zeit um die 20 Jahre alt und hatten ganz andere Sorgen. Es war auch klar, dass man zu DDR-Zeiten mit dem Thema nichts anfangen könnte, unser Vater war ja in Ungnade gefallen. Unabhängig davon hätte man uns den Nachlass trotzdem übergeben müssen, das Erbrecht galt schließlich auch in der DDR. Was wir nicht wussten: Heinz Sachs hatte kurz vor seinem Tod das Originalmanuskript noch einmal für eine Anthologie in den Mitteldeutschen Verlag genommen. Offensichtlich ist das Originalmanuskript nicht wieder zurück in den Nachlass gegangen, sondern beim Mitteldeutschen Verlag verblieben. Stutzig wurden mein Bruder und ich erstmals nach der Wende. Wir bekamen dann den Nachlass von der Stadt zurück, haben ihn durchgesehen und da fehlte das Manuskript. Es fehlte auch ein Großteil der Grafiksammlung, wo ich davon ausgehe, dass da einige vom Ministerium des Innern die Finger drauf hatten. Zufällig besuchten wir im Jahr 1991 eine Ausstellung in Berlin, die nannte sich „Zensur in der DDR“. Und dort fanden wir in einer Glasvitrine das Originalmanuskript vom „Rummelplatz“ ausgestellt. Die Rechtslage war eindeutig, der Mitteldeutsche Verlag, der keine Rechte hat, durfte nicht als Leihgeber auftreten, sondern hätte uns als Erben fragen müssen. Ich hatte mich dann mit dem MDV in Verbindung gesetzt und bat um die Rückgabe des Manuskriptes. Mit einigen fadenscheinigen Entschuldigungen bekam ich dann das Manuskript ausgehändigt.

Wieso hat es dann noch mal so lange gedauert, bis das Buch herauskam?
Der Text ging in den 90er Jahren durch verschiedene Verlage, MDV, Faber und Faber, die alle begeistert waren, aber vor einer Veröffentlichung zurückscheuten. Es ist ja auch ein finanzielles Risiko, ein solches Projekt muss man erst mal stemmen. Ich hatte auch das Gefühl, das Klima war in den 90er Jahren noch nicht reif. Heute wird die Geschichte in Ost- und Westdeutschland auch als ein Stück gemeinsame Geschichte begriffen. Es ist mehr Bewusstsein und Interesse an der Zeit da, sie wird nicht mehr mit so vielen Vorurteilen belegt. Dann gab es auch mal eine Zeit, in der mein Bruder und ich überlegten, ob wir es überhaupt herausbringen sollen und uns fragten: Ist das wirklich noch zeitgemäß? Interessiert das wirklich noch jemanden? Wobei ich immer an die Stärke des Manuskriptes geglaubt habe. Ich habe mich auch in der Pflicht gesehen: Das ist der literarische Nachlass meines Vaters und das ist der Roman, der sein ganzes Leben geprägt hat. Er hat für diesen Roman gelebt und ist am Ende an den Konflikten, die mit dem Roman zusammenhängen, gestorben. Abgesehen davon ist es einfach mal ein starkes Stück Literatur. 2005 bekam ich dann Kontakt zu Angela Drescher vom Aufbau Verlag, ich habe ihr die ganze Geschichte erzählt. Sie hat das Manuskript innerhalb kürzester Zeit gelesen und war Feuer und Flamme. Dann ging es ganz schnell. Zwei Wochen später bekam ich die Zusage und das Vertragsangebot. Und seither herrscht ein hervorragendes Arbeitsklima zwischen uns.

Hat die Fassung des Romans wie er jetzt erscheint vorher so existiert oder wurde er zusammengebaut?
Der Handlungsstrang insgesamt hat sicher so existiert. Es gibt Einzelkapitel, die eventuell anders standen. Das Problem bestand darin, dass die Manuskriptseiten in der Kiste alle undatiert waren, so dass es schwer einzuordnen war, ob die Sachen vor oder nach dem 11. Plenum 1965 geschrieben wurden. Frau Drescher gestaltete das von der Lesbarkeit so, das es in der Chronologie bleibt. Es lässt sich spekulieren, ob das alles im Sinne meines Vaters gewesen wäre, aber man muss ja letztlich eine Fassung finden. Ich denke, die jetzige Fassung kommt, gerade auch weil die alten Aussagen und die Witze mit drin sind, die zwischenzeitlich rausgesäubert worden waren, sehr nah an das, was mein Vater eigentlich vorhatte.

Was war Ihr Vater für ein Mensch?
Mein Vater war eher ein ruhiger Typ. Er war auch sehr witzig. Mein Bruder und ich sind als Freigeister aufgewachsen. Meine Eltern waren ja in der Partei und trotzdem haben sie meinem Bruder und mir nie den Weg in diese Richtung gewiesen.

Das spürt man auf jeder Seite, diesen starken Konflikt zwischen der Utopie und den realen Schwierigkeiten, die da sind.
Ja. Er hätte es auch einfacher haben können. Er hatte Angebote aus dem Westen und hätte den Roman drüben publizieren können. Das wollte er aber nicht, er wollte den Roman hier in der DDR veröffentlichen. Es war für ihn scheinbar auch keine Alternative, der Partei den Rücken zu kehren, das gehörte offensichtlich zu den Idealen dazu. Meine Eltern glaubten immer, dass sie noch das verwirklichen können, was sie eigentlich vorhaben. Die Geschichte hat uns dann eines besseren belehrt. Mein Vater hat natürlich sehr viel gearbeitet, Beschäftigung mit uns Kindern gab es so gut wie nicht. Da ist auch wenig Erinnerung da. Aber es ist auch nicht negativ belegt, wir wurden nie schlecht behandelt.

Es wird immer wieder gesagt, dass ihr Vater nach dem 11. Plenum 1965 und nach der Niedermachung seines Buches ein gebrochener Mann war. Haben Sie von diesem Gebrochensein etwas mitbekommen?
Später, ja. Ende der 60er Jahre wurde das Problem Alkoholismus offensichtlicher und das war auch der Punkt, weshalb sich meine Eltern letztlich getrennt haben – friedlich getrennt haben. Meine Mutter wollte nicht, dass ihre Kinder in Gegenwart eines Alkoholikers aufwachsen, der auch noch stark depressiv ist. Das war fast so etwas wie eine Einsicht in die Notwendigkeit. Wir hatten aber auch hinterher noch Kontakt zu meinem Vater. Wir wohnten damals in Halle Neustadt und er ist einfach nur in eine Einraumwohnung ein paar Straßen weiter gezogen, so dass mein Bruder und ich ihn auch immer wieder besuchten. Er lebte sehr allein, zurückgezogen, war regelmäßig angetrunken, aber da waren wir noch in einem Alter, in dem wir das Thema Alkoholismus, Gebrochensein und die Verzweiflung, die dahinter steht, überhaupt nicht nachvollziehen konnten. Aber selbst in dieser Zeit, als es mit ihm bergab ging, empfand ich das Verhältnis nie als negativ. Im Gegenteil, bei Kindergeburtstagen tauchte er meist auf und war dann freundlich und lieb und sehr still. Die Wahrnehmung bei meinen Bruder und mir ist ein wenig unterschiedlich, der physische Verfall unseres Vaters wurde von meinem jüngeren Bruder stärker wahrgenommen. Er hat sich dann noch mal an einen zweiten Romanentwurf gemacht, aber er hatte keine Kraft mehr. Bei den späteren Texten merkt man deutlich, dass sie weit unter dem liegen, was er ursprünglich mal an Lebenskraft, Energie und Intensität hineingesteckt hatte. Physischer und psychischer Verfall gingen parallel. Fakt ist, dass er, kurz bevor er gestorben ist, im Krankenhaus wegen einer Lungenentzündung lag. Der Lebenswille, die Energie, die man bräuchte, um so etwas zu überwinden, fehlte.

Steht sein Tod vielleicht auch stellvertretend für das endgültige Scheitern der Utopie?
Zumindest wurde die kritische Künstlerschaft endgültig mundtot gemacht. Anfang der 60er Jahre gab es mal ein kurzes Fenster, in dem die Literaten sich öffnen konnten. Viele Künstler sagten: Wir leben in diesem Teil Deutschlands, wir wollen eine gerechte Gesellschaft, mit sozialem Anspruch, aber die Wege sind steinig, man muss auch die Steine benennen dürfen. Aber über Probleme sprach man eben nicht, die Menschen hatten nur das Positive darzustellen. Dabei ging es nie um eine destruktive Kritik, sondern um eine konstruktive. Aber auch das war nicht gewollt. Anfang der 70er gab es noch mal eine kurze Öffnung, doch spätestens nach dem Exempel mit Biermann begann die nächste Eiszeit.

Eines der zentralen Themen des Romans ist der Konflikt zwischen Körper und Geist. Christian Kleinschmidt, der Intellektuelle, der ins Bergwerk geht, mit der Arbeit hadert, sie dann als Befreiung empfindet. Dann der Haudrauf Peter Loose, der sehr exzessiv, sehr körperlich agiert. War Ihr Vater denn ein körperlicher Mensch?
Nein, er war eher schmächtig. Der Loose ist ja nun wirklich der Macher, der sich nicht in die Suppe spucken lässt und sich auch mal prügelt. Mein Vater kam aus proletarischen Verhältnissen, seine Mutter war Näherin, sein Vater Kraftfahrer. Er wäre sicher gern aus bürgerlichen Verhältnissen mit einem intellektuellen Hintergrund gekommen. Insofern zeigt der Kleinschmidt, wie er gern gewesen wäre. Er hat sich zwar schon als Arbeiter verstanden, der anfängt zu schreiben, aber er wollte nie ein schreibender Arbeiter sein, sondern ein richtiger Schriftsteller, ein Freigeist und Sozialist, dem das Proletarische nicht mehr anhängt. Aus diesem Milieu, aus dem Piefigen, Kleinbürgerlichen, Provinziellen wollte er raus. Eine Figur wie Kleinschmidt steht für das, wo er hinwollte, während der Peter Loose in seiner Person eher autobiografische Züge trägt und für das steht, was mein Vater wirklich erlebt hat. Wobei er auch hier ein Wunschbild hinstellt, weil Loose eher der große, kräftige Typ ist. Loose und Kleinschmidt tragen beide sowohl ideelle Ansprüche als auch reale Aspekte meines Vaters. Deswegen ist „Rummelplatz“ ein sehr intensiver Roman, in dem man auch sehr viel über meinen Vater erfährt. Er schreibt viel über sich und seine Gedanken zu den Dingen, insofern ist es ein sehr ehrliches Dokument.

Die stärksten Passagen des Romans sind die in der Wismut und in der Papierfabrik, bei denen man spürt, dass Ihr Vater jeden Moment wirklich erlebt hat, während die Kapitel im Ruhrgebiet etwas blass sind.
Ihm waren die Örtlichkeiten dort bekannt, aber auch nicht so im Detail. Wobei ich das als bewussten Kontrast sehe. Das sind Menschen, Intellektuelle, die sich nach dem Krieg schon wieder in einer Sinnkrise befunden haben. Sie hatten zwar auch ihre Vision, waren aber schon wieder im alten System verankert. Es ging weiter wie vor dem Krieg nur auf einem anderen Level. Mein Vater wollte den Konflikt der künstlerischen Elite zeigen, deren Vision schon wieder in Resignation umgeschlagen war. Sicher, das ganze ist nicht so mit Leben gefüllt wie die Szenen aus dem Osten.

Macht sie der späte Erfolg des Romans stolz?
So sehr mein Bruder und unsere Schwestern sich freuen, entbehrt das nicht einer gewissen Tragik, denn eigentlich müsste das ja mein Vater erleben. Allein die Wahrnehmung und die Diskussion in der Öffentlichkeit, ich denke, das wäre meinem Vater wichtig gewesen.
 

Foto: Hille

 

© André Hille 2008