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Er hat für diesen Roman gelebt
Claus Bräunig, der Sohn des 1976 verstorbenen Schriftstellers Werner
Bräunig, kümmert sich zusammen mit seinem Bruder um das literarische Erbe
seines Vaters. Über die Odyssee eines Manuskriptes, das Verhältnis zu
seinem Vater, Gebrochenseins seines Vaters und das Scheitern der Utopie.
Ihr Vater, Werner Bräunig, schrieb von 1961 bis 1967 an dem Roman „Der
eiserne Vorhang“, der jetzt unter den Titel „Rummelplatz“ erscheint. Wie
kam das Manuskript wieder ans Tageslicht?
Als mein Vater 1976 gestorben ist, ist sein gesamter literarischer
Nachlass an den Nachlassverwalter Heinz Sachs gegangen, der Lektor beim
Mitteldeutschen Verlag war. Als mein Bruder und ich volljährig wurden,
sollte uns der Nachlass übergeben werden. Daraus wurde nichts, weil der
Nachlass beim Stadtarchiv in Halle Neustadt eingelagert worden war und
zwar bei der Abteilung „Inneres“. Die hatten da die Hände drauf. Sich mit
unserem Vater zu beschäftigen war überdies zu DDR-Zeiten für uns kein
Thema, mein Bruder und ich waren zu
dieser
Zeit um die 20 Jahre alt und hatten ganz andere Sorgen. Es war auch klar,
dass man zu DDR-Zeiten mit dem Thema nichts anfangen könnte, unser Vater
war ja in Ungnade gefallen. Unabhängig davon hätte man uns den Nachlass
trotzdem übergeben müssen, das Erbrecht galt schließlich auch in der DDR.
Was wir nicht wussten: Heinz Sachs hatte kurz vor seinem Tod das
Originalmanuskript noch einmal für eine Anthologie in den Mitteldeutschen
Verlag genommen. Offensichtlich ist das Originalmanuskript nicht wieder
zurück in den Nachlass gegangen, sondern beim Mitteldeutschen Verlag
verblieben. Stutzig wurden mein Bruder und ich erstmals nach der Wende.
Wir bekamen dann den Nachlass von der Stadt zurück, haben ihn durchgesehen
und da fehlte das Manuskript. Es fehlte auch ein Großteil der
Grafiksammlung, wo ich davon ausgehe, dass da einige vom Ministerium des
Innern die Finger drauf hatten. Zufällig besuchten wir im Jahr 1991 eine
Ausstellung in Berlin, die nannte sich „Zensur in der DDR“. Und dort
fanden wir in einer Glasvitrine das Originalmanuskript vom „Rummelplatz“
ausgestellt. Die Rechtslage war eindeutig, der Mitteldeutsche Verlag, der
keine Rechte hat, durfte nicht als Leihgeber auftreten, sondern hätte uns
als Erben fragen müssen. Ich hatte mich dann mit dem MDV in Verbindung
gesetzt und bat um die Rückgabe des Manuskriptes. Mit einigen
fadenscheinigen Entschuldigungen bekam ich dann das Manuskript
ausgehändigt.
Wieso hat es dann noch mal so lange gedauert, bis das Buch herauskam?
Der Text ging in den 90er Jahren durch verschiedene Verlage, MDV, Faber
und Faber, die alle begeistert waren, aber vor einer Veröffentlichung
zurückscheuten. Es ist ja auch ein finanzielles Risiko, ein solches
Projekt muss man erst mal stemmen. Ich hatte auch das Gefühl, das Klima
war in den 90er Jahren noch nicht reif. Heute wird die Geschichte in Ost-
und Westdeutschland auch als ein Stück gemeinsame Geschichte begriffen. Es
ist mehr Bewusstsein und Interesse an der Zeit da, sie wird nicht mehr mit
so vielen Vorurteilen belegt. Dann gab es auch mal eine Zeit, in der mein
Bruder und ich überlegten, ob wir es überhaupt herausbringen sollen und
uns fragten: Ist das wirklich noch zeitgemäß? Interessiert das wirklich
noch jemanden? Wobei ich immer an die Stärke des Manuskriptes geglaubt
habe. Ich habe mich auch in der Pflicht gesehen: Das ist der literarische
Nachlass meines Vaters und das ist der Roman, der sein ganzes Leben
geprägt hat. Er hat für diesen Roman gelebt und ist am Ende an den
Konflikten, die mit dem Roman zusammenhängen, gestorben. Abgesehen davon
ist es einfach mal ein starkes Stück Literatur. 2005 bekam ich dann
Kontakt zu Angela Drescher vom Aufbau Verlag, ich habe ihr die ganze
Geschichte erzählt. Sie hat das Manuskript innerhalb kürzester Zeit
gelesen und war Feuer und Flamme. Dann ging es ganz schnell. Zwei Wochen
später bekam ich die Zusage und das Vertragsangebot. Und seither herrscht
ein hervorragendes Arbeitsklima zwischen uns.
Hat die Fassung des Romans wie er jetzt erscheint vorher so existiert
oder wurde er zusammengebaut?
Der Handlungsstrang insgesamt hat sicher so existiert. Es gibt
Einzelkapitel, die eventuell anders standen. Das Problem bestand darin,
dass die Manuskriptseiten in der Kiste alle undatiert waren, so dass es
schwer einzuordnen war, ob die Sachen vor oder nach dem 11. Plenum 1965
geschrieben wurden. Frau Drescher gestaltete das von der Lesbarkeit so,
das es in der Chronologie bleibt. Es lässt sich spekulieren, ob das alles
im Sinne meines Vaters gewesen wäre, aber man muss ja letztlich eine
Fassung finden. Ich denke, die jetzige Fassung kommt, gerade auch weil die
alten Aussagen und die Witze mit drin sind, die zwischenzeitlich
rausgesäubert worden waren, sehr nah an das, was mein Vater eigentlich
vorhatte.
Was war Ihr Vater für ein Mensch?
Mein Vater war eher ein ruhiger Typ. Er war auch sehr witzig. Mein Bruder
und ich sind als Freigeister aufgewachsen. Meine Eltern waren ja in der
Partei und trotzdem haben sie meinem Bruder und mir nie den Weg in diese
Richtung gewiesen.
Das spürt man auf jeder Seite, diesen starken Konflikt zwischen der
Utopie und den realen Schwierigkeiten, die da sind.
Ja. Er hätte es auch einfacher haben können. Er hatte Angebote aus dem
Westen und hätte den Roman drüben publizieren können. Das wollte er aber
nicht, er wollte den Roman hier in der DDR veröffentlichen. Es war für ihn
scheinbar auch keine Alternative, der Partei den Rücken zu kehren, das
gehörte offensichtlich zu den Idealen dazu. Meine Eltern glaubten immer,
dass sie noch das verwirklichen können, was sie eigentlich vorhaben. Die
Geschichte hat uns dann eines besseren belehrt. Mein Vater hat natürlich
sehr viel gearbeitet, Beschäftigung mit uns Kindern gab es so gut wie
nicht. Da ist auch wenig Erinnerung da. Aber es ist auch nicht negativ
belegt, wir wurden nie schlecht behandelt.
Es wird immer wieder gesagt, dass ihr Vater nach dem 11. Plenum 1965
und nach der Niedermachung seines Buches ein gebrochener Mann war. Haben
Sie von diesem Gebrochensein etwas mitbekommen?
Später, ja. Ende der 60er Jahre wurde das Problem Alkoholismus
offensichtlicher und das war auch der Punkt, weshalb sich meine Eltern
letztlich getrennt haben – friedlich getrennt haben. Meine Mutter wollte
nicht, dass ihre Kinder in Gegenwart eines Alkoholikers aufwachsen, der
auch noch stark depressiv ist. Das war fast so etwas wie eine Einsicht in
die Notwendigkeit. Wir hatten aber auch hinterher noch Kontakt zu meinem
Vater. Wir wohnten damals in Halle Neustadt und er ist einfach nur in eine
Einraumwohnung ein paar Straßen weiter gezogen, so dass mein Bruder und
ich ihn auch immer wieder besuchten. Er lebte sehr allein, zurückgezogen,
war regelmäßig angetrunken, aber da waren wir noch in einem Alter, in dem
wir das Thema Alkoholismus, Gebrochensein und die Verzweiflung, die
dahinter steht, überhaupt nicht nachvollziehen konnten. Aber selbst in
dieser Zeit, als es mit ihm bergab ging, empfand ich das Verhältnis nie
als negativ. Im Gegenteil, bei Kindergeburtstagen tauchte er meist auf und
war dann freundlich und lieb und sehr still. Die Wahrnehmung bei meinen
Bruder und mir ist ein wenig unterschiedlich, der physische Verfall
unseres Vaters wurde von meinem jüngeren Bruder stärker wahrgenommen. Er
hat sich dann noch mal an einen zweiten Romanentwurf gemacht, aber er
hatte keine Kraft mehr. Bei den späteren Texten merkt man deutlich, dass
sie weit unter dem liegen, was er ursprünglich mal an Lebenskraft, Energie
und Intensität hineingesteckt hatte. Physischer und psychischer Verfall
gingen parallel. Fakt ist, dass er, kurz bevor er gestorben ist, im
Krankenhaus wegen einer Lungenentzündung lag. Der Lebenswille, die
Energie, die man bräuchte, um so etwas zu überwinden, fehlte.
Steht sein Tod vielleicht auch stellvertretend für das endgültige
Scheitern der Utopie?
Zumindest wurde die kritische Künstlerschaft endgültig mundtot gemacht.
Anfang der 60er Jahre gab es mal ein kurzes Fenster, in dem die Literaten
sich öffnen konnten. Viele Künstler sagten: Wir leben in diesem Teil
Deutschlands, wir wollen eine gerechte Gesellschaft, mit sozialem
Anspruch, aber die Wege sind steinig, man muss auch die Steine benennen
dürfen. Aber über Probleme sprach man eben nicht, die Menschen hatten nur
das Positive darzustellen. Dabei ging es nie um eine destruktive Kritik,
sondern um eine konstruktive. Aber auch das war nicht gewollt. Anfang der
70er gab es noch mal eine kurze Öffnung, doch spätestens nach dem Exempel
mit Biermann begann die nächste Eiszeit.
Eines der zentralen Themen des Romans ist der Konflikt zwischen Körper
und Geist. Christian Kleinschmidt, der Intellektuelle, der ins Bergwerk
geht, mit der Arbeit hadert, sie dann als Befreiung empfindet. Dann der
Haudrauf Peter Loose, der sehr exzessiv, sehr körperlich agiert. War Ihr
Vater denn ein körperlicher Mensch?
Nein, er war eher schmächtig. Der Loose ist ja nun wirklich der Macher,
der sich nicht in die Suppe spucken lässt und sich auch mal prügelt. Mein
Vater kam aus proletarischen Verhältnissen, seine Mutter war Näherin, sein
Vater Kraftfahrer. Er wäre sicher gern aus bürgerlichen Verhältnissen mit
einem intellektuellen Hintergrund gekommen. Insofern zeigt der
Kleinschmidt, wie er gern gewesen wäre. Er hat sich zwar schon als
Arbeiter verstanden, der anfängt zu schreiben, aber er wollte nie ein
schreibender Arbeiter sein, sondern ein richtiger Schriftsteller, ein
Freigeist und Sozialist, dem das Proletarische nicht mehr anhängt. Aus
diesem Milieu, aus dem Piefigen, Kleinbürgerlichen, Provinziellen wollte
er raus. Eine Figur wie Kleinschmidt steht für das, wo er hinwollte,
während der Peter Loose in seiner Person eher autobiografische Züge trägt
und für das steht, was mein Vater wirklich erlebt hat. Wobei er auch hier
ein Wunschbild hinstellt, weil Loose eher der große, kräftige Typ ist.
Loose und Kleinschmidt tragen beide sowohl ideelle Ansprüche als auch
reale Aspekte meines Vaters. Deswegen ist „Rummelplatz“ ein sehr
intensiver Roman, in dem man auch sehr viel über meinen Vater erfährt. Er
schreibt viel über sich und seine Gedanken zu den Dingen, insofern ist es
ein sehr ehrliches Dokument.
Die stärksten Passagen des Romans sind die in der Wismut und in der
Papierfabrik, bei denen man spürt, dass Ihr Vater jeden Moment wirklich
erlebt hat, während die Kapitel im Ruhrgebiet etwas blass sind.
Ihm waren die Örtlichkeiten dort bekannt, aber auch nicht so im Detail.
Wobei ich das als bewussten Kontrast sehe. Das sind Menschen,
Intellektuelle, die sich nach dem Krieg schon wieder in einer Sinnkrise
befunden haben. Sie hatten zwar auch ihre Vision, waren aber schon wieder
im alten System verankert. Es ging weiter wie vor dem Krieg nur auf einem
anderen Level. Mein Vater wollte den Konflikt der künstlerischen Elite
zeigen, deren Vision schon wieder in Resignation umgeschlagen war. Sicher,
das ganze ist nicht so mit Leben gefüllt wie die Szenen aus dem Osten.
Macht sie der späte Erfolg des Romans stolz?
So sehr mein Bruder und unsere Schwestern sich freuen, entbehrt das nicht
einer gewissen Tragik, denn eigentlich müsste das ja mein Vater erleben.
Allein die Wahrnehmung und die Diskussion in der Öffentlichkeit, ich
denke, das wäre meinem Vater wichtig gewesen.
Foto: Hille
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