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Eine Art Dringlichkeit
Das Leipziger Schriftstellerehepaar Jan Kuhlbrodt und Martina Hefter über das Schreiben mit Kindern, das Literaturinstitut und Schulterklopfliteratur.
Frau Hefter, Herr Kuhlbrodt, wir treffen uns morgens um neun Uhr, das ist eine ungewöhnliche Zeit. Kuhlbrodt: Wir mussten die Kinder in die Schule beziehungsweise den Kindergarten bringen. Aufstehen um sechs.
Wann haben Sie dann Zeit zum Arbeiten, zum Schreiben? Hefter: Vormittags ist noch ein bisschen Zeit. Natürlich muss man sehen, dass man sich den ganzen Haushalt vom Leibe hält. Für mich ist die beste Zeit zum Schreiben am Abend, auch in den späteren Abend hinein, weil ich da am meisten Ruhe habe. Es ist zwar auch nicht so einfach, weil man müde ist und schon einen ganzen Tag hinter sich hat, aber ich merke immer wieder, diesen ruhigen Raum zum Schreiben, den habe ich erst am Abend, wenn die Kinder schlafen. Kuhlbrodt: Länger als drei Stunden am Stück halte ich auch nicht durch. Aber auch mit den Kindern kann man die Zeit nutzen, um nachzudenken. Man wälzt ja viel im Kopf, ohne direkt am Tisch sitzen zu müssen.
Haben die Kinder das Schreiben verändert? Kuhlbrodt: Also bei mir auf jeden Fall. Ich bin seither geerdet. Es sind gar nicht mal die Themen, aber das Denken. Das ist wie ein Magnetfeld, das wird abgelenkt und bewegt sich ganz anders. Hefter: Bei mir ist es ähnlich. Ich habe erst angefangen, richtig zu schreiben, nachdem unsere erste Tochter geboren war. Es ändert sich vieles, man kriegt einen ganz anderen Blickwinkel auf das Leben. Gleichzeitig werden einem elementare Dinge stärker bewusst. Ich hatte vorher nicht so richtig meine Themen, obwohl ich jetzt auch nicht über Kinder schreibe oder Geburt.
Zum Beispiel die Themen Erinnerung und Heimat, die ja in 'Zurück auf Los' von zentraler Bedeutung sind, also die Rückbesinnung auf die eigene Vergangenheit, die eigene Geschichte? Hefter: Zum Beispiel. Genau.
Was steht bei Ihnen am Anfang eines Textes? Eine Erinnerung, eine Figur, eine Szene? Gibt es da eine bestimmte Art der Themenfindung? Hefter: Jetzt aktuell bei dem Text, an dem ich gerade arbeite, war es eine Landschaft, eine bestimmte Region, durch die ich oft mit dem Zug gefahren bin, mehr nicht. Das ist eigentlich sehr wenig, aber ich habe gemerkt, da muss ich was draus machen. Die Themen finden sich dann nach und nach. Indem man sich darauf einlässt, finden die Themen zu einem. Es gibt kein großes Grundthema. Das kristallisiert sich heraus.
Das Thema findet sich über die Sprache? Hefter: Genau. Kuhlbrodt: Gedichte finden sich über einen Satz oder ein Wort oder ein Bild. Ich habe viele Sachen aus Bildern übernommen, die ich mir angeschaut habe. Da bleibt dann irgendetwas hängen, irgendeine Struktur, und daraus kann dann ein Gedicht werden. Man probiert herum und am Ende finden sich Inhalt und Konnotation. Auch Musik ist wichtig, ein Rhythmus.
Das Schreiben beginnt ja oft als Wunschtraum, als Idealisierung. Hat sich Ihr Verhältnis zum Schreiben in den letzten Jahren verändert? Hefter: Also ich habe es ernster genommen. Ich muss dazu sagen, als ich nach Leipzig ans Literaturinstitut gekommen bin, habe ich das Schreiben überhaupt nicht ernst genommen. Ich habe zwar zu Hause schon immer kleine Texte geschrieben, in Gedichtform, aber ich habe mir darüber keine Gedanken in poetologischer Hinsicht gemacht. Jetzt sehe ich das Schreiben als meinen Beruf an in dem Sinne, dass ich ständig hinterfrage wie ich schreibe und was ich schreiben soll.
Könnten Sie sich auch vorstellen, etwas anderes zu machen? Hefter: Nein, das Schreiben ist schon sehr essentiell. Früher habe ich getanzt und ich halte immer noch Kontakt zur zeitgenössischen Tanzszene. Das reizt mich schon sehr, auch mal wieder choreographisch zu arbeiten, aber letztlich komme ich doch immer wieder aufs Schreiben zurück. Kuhlbrodt: Das ist bei mir anders. Ich arbeite auch gern an anderen Sachen. Im Moment versuche ich mich an einem kleinen Film. Schreiben ist der Kern, aber mich reizt es, permanent etwas anderes zu machen. Ich bin da vielleicht ein bisschen zu kindlich, ich würde auch gern malen oder komponieren. Ich kann das alles nicht. Schreiben ist vielleicht das, was ich kann. Doch selbst dieses Feld wird immer kleiner, früher habe ich mich da für universeller gehalten. Trotzdem ist der Reiz permanent da, was Neues zu machen.
Man muss sich also spezialisieren, auch innerhalb der Literatur? Kuhlbrodt (lacht): Kerngeschäft heißt das in der Wirtschaft.
Als Sie am Literaturinstitut angenommen wurden, ist dann sofort eine Art Hebel umgeschlagen? So, jetzt bin ich fertig, jetzt bin ich Schriftsteller und nun mache ich nur noch Bücher? Hefter: Überhaupt nicht, also bei mir war es gar nicht so. Ich hatte weder die Erwartung, dass ich dort zur Schriftstellerin ausgebildet werde noch habe ich mir irgendwelche Gedanken gemacht. Es war für mich eher die Möglichkeit, meinem Leben eine neue Wendung zu geben. Eigentlich bin ich relativ blauäugig nach Leipzig gegangen, kopflos möchte ich nicht sagen, aber gedankenlos.
Wie alt waren sie da? Hefter: Da war ich 32. Wobei wir damals in dieser ersten Generation am Literaturinstitut alle noch nicht frisch von der Schule waren. Ich war noch nicht einmal die Älteste. Ich habe mir da nicht im Sinne einer Karriereplanung Gedanken gemacht, überhaupt nicht. Ich dachte, ich schau mal, was passiert und hatte immer das Vertrauen darauf, dass sich die Dinge schon irgendwie finden werden. Kuhlbrodt: Man muss sagen, die Einladung zum Vorstellungsgespräch und die Annahme am Institut sind schon so etwas wie die erste Anerkennung als Autor. So habe ich das empfunden und so habe ich das auch gefeiert. Es war ein Schritt in Richtung ernsthafte Auseinandersetzung mit Kunst. Das war für mich eine Art Befreiungsschlag. Dass ich mich dann nicht richtig wiedergefunden habe am Institut, ist eine andere Geschichte. Für mich war diese Zeit nicht verloren, das kann man nicht sagen, aber ich hatte mich von dem, was ich machen wollte, ganz schön entfernt. Im Prinzip habe ich nach dem Studium wieder angefangen, an Texten zu arbeiten, die ich damals eingereicht hatte. Man denkt ja, wenn man ans Institut kommt, dass man es mit ganz verrückten Leuten zu tun hat, mit langhaarigen Kettenrauchern in irgendwelchen Kellern. Aber so war es dann natürlich nicht. Am Anfang hatte es den Anschein, es könnte so werden, aber am Ende war es dann schon recht technisch alles. Hefter: Nicht in allen Seminaren, dass würde ich nicht so sagen. Aber teilweise schon. Kuhlbrodt: Es hat eben nichts romantisches.
Wie ist ihr Verhältnis zum Institut? Hefter: Die Zeit am Institut war nicht ganz einfach für mich. Ich musste viel schwitzen und ich hätte jetzt im Rückblick auch einige Kritikpunkte, aber nach wie vor bin ich dankbar, dass ich dorthin gekommen bin. Ich glaube, dass ich mich sonst nicht getraut hätte zu sagen: Ich kann schreiben. Dieses Bewusstsein ist mir dort vermittelt worden. Kuhlbrodt: Das Institut ist ja auch ein Abbild der Literaturlandschaft im Kleinen. Es gibt die, die groß rauskommen, wie Juli Zeh, es gibt ein paar Kleine und es gibt die intensiven Arbeiter, die Experimentatoren, die kein Mensch kennt, solche Wühlmäuse, die den Betrieb aber doch irgendwie voranbringen. So ist es halt. Hefter: Ich glaube, jetzt ist es auch anders geworden, die Anforderungen sind höher in akademischer Hinsicht. Die Leute müssen noch mehr zeigen, was sie theoretisch drauf haben, was sie gelesen haben. Das war damals noch recht locker. Aber wichtig ist nach wie vor, dass die Texte schon im Ansatz eine eigene Stimme haben. Die Texte müssen nicht handwerklich perfekt sein, aber sie müssen eine Art Dringlichkeit besitzen, einen Anlass, weshalb sie geschrieben wurden.
Und wenn man dann fertig ist mit dem Studium, haben die einen mehr und die anderen weniger Glück auf den Markt zu kommen? Kuhlbrodt: Es gibt die Theorie, dass ein Autor, der einen Text fertig hat, irgendwann auch einen Verleger findet. Bei dem einen früher, bei dem anderen später. Aber wie das mit dem Glück zusammenhängt – das ist schwierig. Wenn man sagt, der hat ja nur Glück gehabt, dann heißt das: Naja, mein Text ist mindestens genauso gut, eigentlich hätte ich das genauso verdient. Kann ich nicht sagen. Ich hab zum Teil auch ganz schönen Mist herumgeschickt.
Es gibt ja da zwei Fraktionen, die einen sagen, ein gutes Manuskript findet immer seinen Weg, die anderen, es gehört eine Menge Glück dazu. Kuhlbrodt: Ein bisschen Glück gehört sicher dazu, aber ich glaube auch, dass ein gutes Manuskript seinen Weg findet. Hefter: Ich denke, es gibt aber auch wirtschaftliche Zwänge, die bestimmte Bücher langfristig verhindern. Ich kenne gute Manuskripte, die nicht veröffentlicht werden, weil die Verlage sagen, das ist zu speziell, wir wollen uns nicht auf das Risiko einlassen. Das finde ich dann schade. Kuhlbrodt: Ich glaube, die Verlagslandschaft ist gerade im Umbruch. Wenn etwas Innovatives passiert, dann eben nicht bei Suhrkamp oder Rowohlt, sondern in den kleinen Verlagen, Tropen oder Kook Books. Die machen richtig gute Sachen und verdienen damit auch Geld. Man muss natürlich auch sagen, dass man aus Autorensicht da umdenken muss. Ich muss als junger Autor eben nicht unbedingt zu Hanser oder Rowohlt, sondern kann auch zu einem kleinen Verlag gehen. Auch wenn ich da erst einmal nicht so viel Geld verdiene, aber das Manuskript muss raus, der Text muss gemacht werden. Die Kohle kommt dann irgendwann vielleicht und wenn es ein guter Text ist, kriegt man vielleicht ein Stipendium. Das ist ja auch eine Anerkennung der Leute, die mit Engagement und wenig Geld Bücher machen. Man sollte als Autor nicht die ganze Zeit schimpfen.
Wie ist der Kontakt zu anderen Leipziger Schriftstellern. Gibt es da Querverbindungen? Hefter: Unter unseren engeren Freunden sind ein paar Lyriker, das klappt ganz gut. Es gibt andere, mit denen trifft man sich, hat aber nicht viel miteinander zu tun. Wie überall im Leben. Kuhlbrodt: Inhaltlich passiert nicht so viel. Diese Vorstellung, man trifft sich bei Schriftstellern in der Wohnung und dann entstehen neue Richtungen – man sehnt sich immer danach, aber so was gibt es nicht. Hefter: Ich halte es auch nicht für zwingend oder realistisch, weil man dann doch wieder an seinem eigenen Text sitzt. Ich möchte mir auch einen gewissen Schutzraum bewahren. Andererseits würde ich mir auch wünschen, dass man nicht immer über den Literaturbetrieb redet. Wenn man sich im größeren Kreise trifft geht es sehr schnell um die Bedingungen im Betrieb und wie man sich da durchschlägt. Das finde ich irgendwann nicht mehr so fruchtbar. Wichtiger fände ich, wieder über die Inhalte zu reden. Kuhlbrodt: Wenn sich zwei Banker treffen, unterhalten sie sich über Kunst und wenn sich zwei Künstler treffen, unterhalten sie sich über das Geld (Lachen). Man redet immer über das, was einem fehlt.
Beeinflussen sie sich im Schreiben gegenseitig? Es gibt ja da Legenden von der Konkurrenz zwischen schreibenden Partnern … Kuhlbrodt: Ich habe Angst, meiner Frau das zu zeigen, was ich gerade mache. Ich bin verletzbar. Hefter: Ich bin gar nicht so streng. Kuhlbrodt: Das hat damit nichts zu tun. Das ist bei meiner Frau ein wenig schwierig. Ich zeige ihr meistens fertige Sachen, die gedruckt sind, da kann man eh nichts mehr machen. Aber im konkreten Arbeitsprozess nehme ich, glaube ich, an ihren Texten mehr Anteil als sie an meinen. Ich bin leider nicht sonderlich kritikfähig. Ich höre mir zwar Kritik an, möchte aber im ersten Moment erst mal sagen: Halts Maul! Und das ist schwierig, wenn man mit nahe stehenden Personen operiert. Hefter: Nach wie vor höre ich auf Jan. Ich bin froh, dass ich ihn manchmal um Rat fragen kann. Es gab Zeiten, da hat er viel kritisiert und das war für mich auch hart. Aber ich bin froh, ihn zu haben, weil ich ihm da vertraue. Er hat einen guten Blick. Aber ich würde nicht so weit gehen, mich seinem Ratschlag unterzuordnen. Kuhlbrodt: Am Ende entscheidest du immer selber. Niemand wird dir die Entscheidung abnehmen, ob du einen Satz stehen lässt oder nicht.
Frau Hefter, wie kam eigentlich der Umschwung vom Tanz zur Literatur? Hefter: Ich habe ja auch schon zu Tanzzeiten geschrieben. Ich kann da keinen bestimmten Punkt markieren, an dem ich gesagt habe: Da ist es passiert, dass ich wieder schreiben will. Es war für mich klar, dass ich mich nicht in der freien Tanzszene bewegen will, nicht mal unbedingt aus finanziellen Gründen, sondern weil ich gemerkt habe, irgendetwas fehlt mir. Ich konnte das gar nicht so genau formulieren. Tanzen und Schreiben sind für mich auch zwei Seiten einer Medaille. Beides ist ein Prozess des Formens von Material. Das eine ist mehr körperlich, das andere findet mehr im Kopf statt, wobei sich beides durchdringt. Das Schreiben ist durchaus auch was Körperliches und das Tanzen hat mit Denken zu tun. Insofern war es eher eine Verlagerung auf den benachbarten Bereich.
Also keine Diskrepanz zwischen Geist und Körper? Hefter: Nein, das empfinde ich nicht so. Klar gibt es Stunden, da sitze ich ganz gebannt und bewege mich nicht. Aber man bewegt sich, so esoterisch das jetzt klingt, von innen. Ich verliere auch wahnsinnig viel Energie beim Schreiben, ich verliere an Gewicht und schwitze. Wir haben ja in unserer Kultur diese absolute Trennung von körperlichen Dingen und geistigen Dingen, aber das sehe ich gar nicht so. Was anderes wäre es vielleicht, wenn ich Zahnarzt wäre (lacht).
Was lesen Sie und wie lesen Sie? Hefter: Ich lese immer mehr Bücher gleichzeitig. Schon länger sehr viel Lyrik. Ich merke, und darin liegt auch eine Gefahr, zur Zeit mag ich gar nicht mehr so gerne Prosa lesen oder eine gewisse Prosa. Romane habe ich schon länger nicht mehr gelesen. Die fesseln mich im Moment nicht mehr. Das Schöne an Lyrik ist, ich kann das Buch aufschlagen, liegenlassen, das nächste lesen. Man ist nicht so auf ein Buch festgelegt, dass man dann in einer chronologischen Zeitabfolge lesen muss.
Liegt das daran, dass man sich selbst verändert hat oder dass die Romane sich verändert haben, dass es keine Geschichten mehr gibt? Hefter: Beides. Ich glaube, dass ein Großteil der jüngeren deutsprachigen Gegenwartsliteratur mich nicht mehr anspricht, weil es mich formal nicht fesselt. Weil es oft auch in einer gewissen Haltung geschrieben ist, die sehr von Lakonie und Abgeklärtheit bestimmt ist. Und das berührt mich nicht mehr. Wobei ich nicht für alle sprechen möchte, auf keinen Fall. Kuhlbrodt: Also mir passiert es schon hin und wieder, dass mich ein Roman fesselt, dass ich auch nicht aufstehen mag, bevor ich das Buch zu Ende gelesen hab. Norbert Gstrein, Das Handwerk des Tötens zum Beispiel. Ich möchte von Literatur, von Kunst überhaupt angerührt werden, nicht im kitschigen Sinn, sondern es soll mich treffen und betreffen und das schaffen natürlich ironisch geschriebene Bücher nicht, weil die sich neben mich stellen und mir irgendetwas erzählen und ich nicht weiß, ob ich das ernst nehmen soll oder nicht. Das ist so eine Schulterklopfliteratur, da habe ich keine Lust drauf.
Sie leben jetzt fast zehn Jahre in Leipzig. Merken Sie noch, dass Sie sich im Osten Deutschlands befinden? Kuhlbrodt: Ich denke, unsere normale Wahrnehmung ist politisch überformt. Wenn uns woanders etwas auffällt, würden es wir nie mit dem Adjektiv 'westlich' verbinden. Im Prinzip hat es diese Trennung zwischen Ost und West mental nicht gegeben. Die gibt es auch jetzt nicht. Das ist wirklich eine Fiktion, eine Abwehrreaktion. Man kann dem anderen gute oder schlechte Eigenschaften zuschreiben. Ich meine, was sind schon vierzig Jahre? Ich werde vierzig dieses Jahr! Verdammt kurze Zeit eigentlich im Maßstab der Geschichte. Ich meine, auch ein Bayer wird sich nie in Hamburg heimisch fühlen und umgekehrt. Hefter: Aber ich denke, es gibt ein paar Sachen, die erkennbar unter dieser Diktatur der DDR gewachsen sind. Mir fällt es an der Kinderbetreuung auf, da ist es immer noch so, mit allen Vorteilen, die es auch hat, dass alles sehr durchorganisiert ist. Damals war man vielleicht darauf angewiesen, dass alles reibungslos funktioniert, aber es gibt manchmal Momente, in denen eine absolute Reibungslosigkeit oder so ein Durchorganisieren bedrohlich für mich sind, wo ich denke: Hilfe! Lasst doch mal die Sachen lockerer. Ich will das gar nicht alles negativ darstellen, es hat ja auch riesige Vorteile. Kuhlbrodt: Was wir uns leider nach der Wende nicht geleistet haben, ist, uns Zeit zu nehmen, mal zu überlegen, was das Ganze soll, mal ohne Stress nachzudenken, wie wir überhaupt leben wollen. Das fand und findet nicht statt. Es geht immer nur um abstrakte Begriffe wie soziale Sicherungssysteme und so weiter. Das ist mir ein bisschen wenig, was da passiert. Diese Klausuren, die die Regierung da macht – weiß nicht, bisschen wenig.
Entsteht da nicht der Wunsch, über das Gesellschaftliche, das Politische in unserem Land was zu schreiben? Kuhlbrodt: Ich suche seit Jahren eine Form, mich zu engagieren, mich einzubringen, doch die politischen Strukturen sind nicht so, dass ich mich da irgendwo sehe. Aber klar träume ich davon, den großen Wurf zu machen, ein philosophisches Pamphlet oder so. Aber ich glaube, man kann das als einzelner nicht. Das ist ein kommunikatives Moment. Man braucht eine Gruppe, da kann man sich was überlegen, da kann sich was draus entwickeln, was mit dem einzelnen dann vielleicht gar nichts mehr zu tun hat. Aber so lange es diesen Diskussionsrahmen nicht gibt, wird da auch nichts entstehen. Manifeste haben nicht viel gebracht in den letzten paar hundert Jahre. Hefter: Ich stelle mir die Frage auch oft, wie die Gewichtung aussehen soll, ob man sich engagiert, im Schreiben engagiert. Ich glaube, der Versuch, seine Kunst so gut wie möglich zu machen, ist allein schon ein sehr engagierter, vielleicht sogar politischer Akt, weil wir in einer Welt leben, in der alles durch Nützlichkeit bestimmt ist. Wir machen eigentlich etwas, was in dem Sinne keine Funktion hat. Insofern vertraue ich darauf, dass es schon ein gewisses Engagement ist, sich da nicht beirren zu lassen. Ich glaube absolut daran, dass Kunst notwendig ist für die Welt, in jeder Form, ob Malerei oder Literatur, und der Welt gut tut. Kuhlbrodt: Ich glaube, dass Kunst, indem man sie betreibt, so etwas wie die permanente Anwesenheit der Alternative ist. Dass Kunst da ist, sagt uns, es geht auch anders, auch wenn sie oft nicht die konkrete Alternative zeigt, aber die Denkmöglichkeit ist da.
Vielen Dank für das Gespräch.
Martina Hefter, geboren 1965 in Pfronten/Allgäu, ist ausgebildete Tanzpädagogin, arbeitete als Tänzerin und Tanzlehrerin und studierte am Literaturinstitut in Leipzig, wo sie heute lebt. Ihr Debüt "Junge Hunde" erschien 2001 im Alexander Fest Verlag, ihr Roman "Zurück auf Los" 2005 bei Wallstein.
Jan Kuhlbrodt, geboren 1966 in Chemnitz, studierte Philosophie in Frankfurt/Main, arbeitete dann in verschiedenen Berufen und lebt seit 1998 in Leipzig, wo am Deutschen Literaturinstitut studierte. Von ihm erschienen das "Lexikon der Statussymbole" bei Gustav Kiepenheuer sowie "Platon und die Spülmaschine" im selben Verlag. |
| © André Hille 2008 |