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André Hille |
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In Deutschland ist der Winter in der Sprache
Die Schriftsteller Saša Stanišić ("Der Soldat, der das Grammofon reparierte") und Thomas Podhostnik ("Der gezeichnete Hund") über die Absurditäten der Integration, die deutsche Sprache und autobiografische Wahrheit in der Literatur.
Herr Podhostnik, Sie schreiben gerade an einem Roman über Ihre Eltern, die 1970 nach Deutschland eingewandert sind, können Sie uns etwas über diesen Hintergrund erzählen. Podhostnik: Meine Eltern sind aus der Nähe von Maribor nach Deutschland gezogen. Meine Großeltern waren schon hier. Mein Großvater hat auf dem Bau gearbeitet, mein Vater in einer Stahlfabrik, meine Mutter bei Schießer am Band und ich wurde dann 1972 in Radolfzell am Bodensee geboren. Es gab eine relativ große Gemeinschaft von Slowenen, die dort schon lebten.
Und um diese Thematik kreist auch Ihr Roman? Podhostnik: Ja. Mein Roman beginnt am Tag der Einschulung beziehungsweise an dem Tag, an dem der Junge untersucht wird, ob er schon eingeschult werden kann. Das ist der erste Kontakt des Protagonisten mit der Gesellschaft, bis dahin spielte sich alles im geschlossenen System der Großfamilie ab. Es kommt natürlich sofort zu Problemen. Dann wird, da ich szenisch arbeite, ein Zeitraum von zwanzig Jahren erzählt, in denen unter anderem die Eltern wieder zurückgehen nach Slowenien.
Aus welchen Gründen? Podhostnik: Allgemeines Scheitern an der Kultur. Es kommt nie zu einer irgendwie gearteten Verwurzelung im neuen Land, man bleibt immer fremd. Zurück bleibt der Protagonist. Normalerweise ist es ja umgekehrt, dass die Kinder irgendwann die Eltern verlassen. Stanišić: Da gibt es Parallelen zu mir. Bei mir sind es auch die Eltern, die weggehen und Aleksandar, die Hauptfigur, bleibt zurück. Podhostnik: Man bleibt zurück, verlassen in der Zweisprachigkeit und mit der Frage: Wo wurdest du hier hineingeboren, wo wurdest du hier hineingestellt? Stanišić: Das ist interessant, das war bei meinen Eltern ähnlich. Auch sie kamen mit der Kultur nicht zurecht. Sie mussten zwar das Land verlassen, aber sie hätten auch kämpfen können. Sie haben keinen Versuch unternommen, hier zu bleiben, nach sechs Jahren! Und haben beschlossen, in die USA weiterzuziehen. Podhostnik: Meine Eltern sind letztes Jahr zurückgezogen, also nach 26 Jahren. Sie haben ihr ganzes Leben hier verbracht. Sogar das Grab meiner Großeltern ist in Deutschland. Da, wo sie jetzt hingegangen sind, in die so genannte Heimat, ist gar nichts mehr. Eine sehr groteske Situation.
Können Sie Momente dieses kulturellen Scheiterns benennen? Podhostnik: Das Scheitern fängt natürlich mit der Sprache an. Meine Eltern haben sich nie in der Sprache wohl gefühlt. Bis heute sprechen sie nur gebrochen Deutsch. Damals wurden Gastarbeiter gesucht, also Arbeiter, die als Gäste hierher kommen, Arbeit verrichten und dann wieder gehen. Deshalb gab es keine Fortbildung oder keine Sprachkurse. Die Leute wurden nicht integriert, sollten auch nicht integriert werden, sie sollten arbeiten. Der Status des Gastarbeiters ist der niedrigste Status, den man in der Gesellschaft einnehmen kann. Man ist geduldet. Und diese Verortung als Geduldeter wirkt sich auf das ganze Leben aus. Man muss sich ständig dafür entschuldigen, dass man da ist. Und das überträgt sich natürlich auch auf die Kinder, diese Angst vor Behörden, vor der Polizei, sogar vor dem Vermieter. Bloß nicht auffallen, bloß kein Problem machen, immer kuschen. Die Eltern stellen keine Instanz dar und das ist das Problem meines Protagonisten. Wahrscheinlich auch meins (lacht).
Herr Stanišić, wie war das bei Ihren Eltern? Stanišić: Da gibt es sehr viele Parallelen. Als wir nach Deutschland kamen, erhielten meine Eltern eine Aufenthaltserlaubnis, die hieß Duldung. Die spiegelt genau diese Kurzsichtigkeit. Man schaut nicht über einen Status des Geduldetseins hinaus. Die Voraussetzungen bei mir waren etwas anders. Wir sind aus Višegrad wegen des Krieges geflohen und wurden hier geduldet, so lange der Krieg andauert. Meine Eltern waren beide Akademiker, gebildete Leute. Mein Vater hat auf dem Bau gearbeitet, jahrelang. Es war für ihn eine Erniedrigung, Tag für Tag dort hinzugehen, aber er hat es gemacht. Meine Mutter hat in einer Wäscherei gearbeitet, im Sommer war es so heiß darin, dass es kaum auszuhalten war. Und alle Versuche, da herauszukommen, alle Bewerbungen oder Gespräche sind gescheitert. Es war sehr schwer, Anschluss an deutsche Familien zu finden. Die Leute werden ungeduldig, wenn du nichts formulieren kannst. Es hat sich dann in Heidelberg eine bosnische Community geformt, da hatten sie es zwar leichter, aber gleichzeitig wurden sie noch mehr abgekapselt von den Deutschen. Richtig angekommen sind sie hier nie. Da haben sie sich gesagt: Englisch können wir und sind weiter gezogen in die USA.
Wie geht es ihnen jetzt dort? Stanišić: Besser, viel besser. Es ist das reinste Klischee, aber sie haben sofort Jobs bekommen. Mein Vater arbeitet in einer Bank, meine Mutter in einer Anwaltskanzlei. Es ist unglaublich, was ihnen in kürzester Zeit gelungen ist. Sie sind amerikanische Staatsbürger, was noch mal eine eigene Form von Selbstbewusstsein schafft, und sind sehr zufrieden momentan dort. Podhostnik: Es ist ja auch absolut unmöglich, Deutscher zu werden. Man ist es oder man ist es nicht. Das liegt an dieser Blut- und Boden-Mentalität.
Wie ging es Ihnen beiden mit der deutschen Sprache? Podhostnik: Ich frage mich, woher ich Deutsch gelernt habe. Ich kann mich leider nicht daran erinnern. Meine Eltern konnten es nicht. Aber als ich eingeschult wurde, sprach ich Hochdeutsch. Wahrscheinlich war’s der Fernseher. Lustigerweise wurde damals, weil am Bodensee Alemannisch gesprochen wird, mein Hochdeutsch als slowenischer Dialekt verstanden (alle lachen). Das war schon erstaunlich. Meine Mitschüler haben gesagt: Du sprichst ja komisch. Stanišić: Ich bin in einem guten Alter hergekommen. Mit 14 geht das Sprachenlernen noch einigermaßen flott. Später habe ich Deutsch studiert. Ich hatte von Anfang an deutsche Freunde. Es gab bei uns in der Schule Förderkurse für Deutsch, so dass man langsam an die deutschen Klassen herangeführt wurde und das hat natürlich wesentlich dazu beigetragen, dass man erstens keine Angst mehr hat vor der Fülle von Anderssprachigen, denn man war unter seinesgleichen, und zweitens war es einfach ein professioneller, sehr gut organisierter Spracherwerb. Deutsch wurde für mich dann zur Abgrenzungssprache, ich sprach Deutsch, weil ich meinen Eltern zeigen wollte: Ich geh hier nicht mit euch. Das ist mir aber erst später bewusst geworden.
Wenn man Ihre Prosa liest, bemerkt man zum Teil eine ungewöhnliche Syntax. Liegt das an einer Rückübersetzung der Muttersprache ins Deutsche? Podhostnik: Ich glaube, bei mir nicht. Das sind eher bewusste Entscheidungen, die damit zusammenhängen, dass mein Blick auf die deutsche Sprache distanziert geblieben ist. Ich kann nicht einfach erzählen, wie es vielleicht ein Deutscher tun würde, da mein Verhältnis zur Sprache ein ganz anderes ist. Ich muss eine Form suchen, die auch mein Verhältnis zu dieser Sprache ausdrückt. Stanišić: Bei mir hat das andere Gründe. Ich übersetze zum Beispiel Redewendungen gern original und hoffe, größenwahnsinnig wie ich bin, ich bereichere damit ein ganz klein wenig die deutsche Sprache. Und bezüglich der Wortumstellungen: Im bosnischen stellt man Dinge an den Anfang des Satzes, die man betont und entwickelt damit im Deutschen eine gewisse Schräge. Das ist teilweise ein bewusster Vorgang gewesen, aber nicht etwa eine Illusion von bosnischer Sprache. Ich wollte einen besonderen Blick auf die Sprache werfen, zeigen: Schaut mal, auch im Deutschen geht es so. Es entsteht dann eine ganz andere Melodie bei einzelnen Worten und Satzteilen. Podhostnik: Und das bringt eine neue Lebendigkeit in die Sprache. Es gibt diese Anekdote von einer italienischen Frau aus der ersten Einwanderergeneration. Als sie hier ankam brachte sie Geschenke mit, Parmaschinken und Parmesankäse, und überreichte sie ihren Vermietern. Am nächsten Tag ging sie zum Mülleimer und wollte den Müll wegbringen und da lagen dann der Parmaschinken, der Käse und das Olivenöl im Müll, weil es die Leute nicht kannten. Das gleiche gilt für Tomaten oder Spaghetti. Wir wurden lange Zeit von unserem Vermieter darauf hingewiesen, doch bitte nicht mit Olivenöl zu kochen, weil das ganze Haus danach stinken würde. Heutzutage ist eher unnormal, nicht mit Olivenöl zu kochen. Das gleiche gilt für die Sprache. Es gibt kein Germanistendeutsch. Deutsch ist kein festgenageltes Regelwerk, sondern eine lebendige Sprache, die man verändert kann. Andere Worte und Bilder hineinzubringen ist eine Bereicherung, das kann ihr nur gut tun.
Also ist Zweisprachigkeit beim Schreiben von Vorteil? Stanišić: Unbedingt. Ich versuche, aktiv mit der offenen, flexiblen deutschen Sprache zu spielen. Wenn sie einem schon die Gelegenheit gibt, Wortneubildungen wie verrückt zu schaffen, sollte man das auch nutzen. Aber dazu muss man eine Distanz zur Sprache entwickeln, so dass man ganz bewusst schaut: Wie kann ich aus einem normalen Satz einen interessanten Satz machen, indem ich ein Adjektiv verändere oder ein Bild benutze, das noch nicht so bekannt ist. Da habe ich eben den Vorteil, ein Arsenal an Bildern in meiner eigenen Sprache zu haben. Und wer das nicht nutzt, verliert etwas. Es ist ein Geschenk, so etwas zu haben. Podhostnik: Die deutsche Sprache ist für mich Werkzeug und Werkstoff. Ich habe eine Distanz dadurch, dass mein Ich nicht in dieser Sprache verankert ist, ich also über die Sprache nachdenken muss, bevor ich mich ausdrücke. Es ist für mich keine Selbstverständlichkeit, mich in der deutschen Sprache auszudrücken, vor dem Aufschreiben erfolgt jedes Mal ein kurzes Reflektieren über den Wert dieser Sprache. Was drücke ich denn hier aus, woher kommt diese Sprache, will ich mich überhaupt darin ausdrücken? Hat sie es verdient? (alle lachen).
In Ihrem Roman, Herr Stanišić, gibt es zwei Sprachebeben, am Anfang die kindliche, sehr emotionale Sprache, später die reife, nüchterne Sprache, als der Protagonist wieder nach Bosnien zurück reist. Sind die Emotionen stärker mit der Muttersprache verknüpft? Stanišić: Ich schreibe ab und zu mal ein Gedicht und das ist dann meistens auf Bosnisch. Das ist fast die einzige Form, bei der ich bosnisch benutze, vielleicht noch in der Umgangssprache oder beim Zählen. Aber Gedichte kann ich nur auf Bosnisch schreiben, weil das auch eine emotionale Sprache ist. Die liegt wirklich viel näher an meinem Gefühl. Podhostnik: Eine große Rolle spielen dabei auch die Erinnerungen. Man erinnert sich natürlich an Sätze, die man in der Kindheit von Erwachsenen gehört hat, die waren immer auf Slowenisch. Man übersetzt sie zwar automatisch ins Deutsche, aber mit diesem besonderen Klang, der einem in Erinnerung bleibt, sind Emotionen verbunden. Es gibt bei mir selten Versuche, mich in Slowenisch auszudrücken, ich bin schon in der deutschen Sprache zu Hause, aber ich finde, es ist überhaupt sehr schwer, Emotionen in dieser Sprache auszudrücken. Meine Texte sind im Gegensatz zu Sašas eher entkernt und kalt. Das ist der Ausdruck meines Deutschs, dieser Sprache. Stanišić: Komischerweise sind auch meine Texte kälter, wenn es darum geht, von Deutschland zu erzählen. Meine Texte außerhalb des Romans sind auch wesentlich zurückgenommener. Wenn ich nicht das Thema Bosnien behandele und ich nicht diese Perspektive wähle. In Deutschland ist der Winter in der Sprache.
Hängt das vielleicht mit dem Klima zusammen? Stanišić: (Lachen) Mag sein.
Sie haben einmal gesagt, dass Aleksandar mit seinen Geschichten die Wirklichkeit repariert, ist das Schreiben auch ein Reparieren der Wirklichkeit des Autors? Stanišić: Das Schreiben kann die Wirklichkeit auch kaputt machen. Aleksandar hat den Krieg erlebt und versucht, ein Mittel gegen die Trauer oder den Verlust zu finden. Er versucht, sich eine Welt zusammenzuerzählen, die hinausführt aus dem Krieg. Man kann aber auch durchaus mal böse werden, mal nicht das Gutmenschentum zeigen, sondern die Perspektive eines Mörders zum Beispiel.
Die Frage zielte eher auf die eigene Motivation für das Schreiben. Warum schreibt man? Podhostnik: Das ist schwierig. Zum einen existiert bei mir eine Neigung zum geschriebenen Wort, die geweckt wurde durchs Lesen. Im stillen Akt des Lesens habe ich eine Befriedigung gefunden, einen Dialog mit Menschen, die seit zweihundert Jahren tot sind und war an diesen Menschen näher dran als an Menschen, die im Moment um mich herum waren. Das wäre eine Möglichkeit, dass man diesen Dialog über das Medium Buch will, dass man sich selbst einklinken möchte.
Aber das heißt ja nicht, dass man gleich schreiben muss. Es lesen viele gern und suchen diese Form von Dialog. Ist das Schreiben nicht doch eine Reparatur des eigenen Lebens, indem man im Schreiben, in der Fiktion Dinge phantasiert, die man in der Realität nie auslebt? Stanišić: Für meine Figur Aleksandar ist das so, deswegen habe ich ja den Titel „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ gewählt. Aber für mich ist das kein Beweggrund, dass ich die Wirklichkeit fiktional verändern möchte. Das ist ganz weit hinten angesiedelt. Bei mir kommt einfach das Jucken in den Fingern, wenn ich etwas beobachte, was mich interessiert. Dann erzähle ich es niemanden, sondern ich erzähle es dem Blatt, ich schreibe es nieder. Das war schon vor Jahren so, als ich noch nicht mal geahnt habe, dass ich jemals ein Buch schreibe.
Und wenn Sie es dann aufgeschrieben haben, dann ist es wegerzählt? Stanišić: Nachdem ich mit dem Buch fertig war, hatte ich das Gefühl, zu diesem Thema nichts mehr schreiben zu können. Das letzte, was ich gemacht habe, war eine Auftragsarbeit, ein Dialog zwischen mir und Aleksandar, Autor und Figur. Das ist mir extrem schwer gefallen, weil ich noch einmal in den Stoff gehen musste. Jetzt kommt die zweite Phase, das Darüber-Reden. Aber das Thema Bosnien ist erst einmal abgeschlossen für mich, nachdem ich mich drei Jahre damit beschäftigt habe. Podhostnik: Ich arbeite von Kapitel zu Kapitel und bei mir ist es so, dass ein Kapitel, das abgeschlossen ist, erst einmal abfällt von mir, es stirbt ab. Man möchte es nicht mehr lesen, sich nicht daran erinnern.
Das klingt nach einer Anstrengung, die hinter einem liegt, Bilder, Texte sterben ab. Kommen diese Bilder aus der Biografie? Ist das Schreiben ein gewisses Aufarbeiten für sich? Podhostnik: Ich kann das bei mir gar nicht so sehr trennen. Es gibt Bilder, die mir nachlaufen, die da sind, die schreibe ich mir auf, bis ich mich irgendwann hinsetze und sie forme. Das kann etwas sein, was ich gesehen habe oder auch was sich zusammenspinnt, was das Gehirn in irgendeiner Form produziert. Das kann biografisch sein, muss es aber nicht. Bei mir sind es Bilder, die ich niederschreiben muss, tatsächlich muss. Die verfolgen mich dann auch. Aber ich kann nicht sagen, dass das jetzt ein biografisches Bild ist. Aber das Abarbeiten muss sein, unabhängig davon, woher es kommt. Stanišić: Ich habe vor dem Roman viele einzelne Sachen veröffentlicht, komischerweise waren es nur ein oder zwei Sachen zum Thema Bosnien. Das waren Dinge, die mich aktuell beschäftigt haben, eine Reise nach Amerika oder der 11. September. Manchmal habe ich gemerkt, ich nähere mich langsam meiner eigenen Geschichte, habe langsam den Mut, sie zu erzählen.
Also verlangt autobiografisches Schreiben Mut? Podhostnik: Ja. Die Aufgabe, ehrlich zu bleiben, die Wahrheit zu notieren, das ist eine der Hauptaufgaben von Literatur. Meiner Meinung nach braucht man einen größeren Mut, wenn es um biografische Wahrheit geht, weil man sich dann der eigenen Wahrheit stellen muss. War es denn wirklich so? Wer hat sich denn hier wirklich falsch verhalten? War ich der Feigling? Und das Schlimme ist, es bekommt ja auch noch jemand anderes zu lesen. Stanišić: Dazu kommt auch noch, dass man, wenn der Text publiziert wurde, Fragen gestellt bekommt über diese Zeit. Das ist mit der Veröffentlichung nicht erledigt. Man muss gewappnet sein, über sich selbst zu reden und das muss man aushalten. Jeder, der biografische Literatur schreibt, muss wissen: Meine eigene Biografie wird immer Thema sein. Letztens hat sich eine Leserin gewundert, dass Aleksandar nach Essen auswandert und nicht nach Heidelberg. Die Leser erwarten eine Eins-zu-Eins-Übertragung, obwohl da nicht ‚Tagebuch’ oder ‚Erinnerungen’ steht, sondern ‚Roman’. Das ist die Gefahr. Zum autobiografischen Schreiben gehört Mut, weil man weiß, man wird sich äußern müssen. Podhostnik: Es gehört noch ein anderer Mut dazu. In dem Moment, in dem man ans Publizieren denkt, schreibt man nicht mehr naiv, sondern befindet sich in einem Zwiespalt zwischen Wahrheit und Text. Man schreibt etwas auf, merkt aber: Wenn ich es so verdrehe, ergäbe sich ein komischer oder spannender Effekt, der aber nichts mehr mit der Wahrheit zu tun hat. Hin und wieder den Mut aufzubringen, auf den Effekt zu verzichten und dadurch vielleicht einen ganz anderen Effekt zu erzielen, dem muss man sich auch stellen.
Das kommt in Ihrem Buch sehr schön heraus, als die Figur am Ende über Bosnien recherchiert und nicht mehr genau weiß: Was ist wahr, was ist falsch? Was ist Geschichte, was ist nur recherchiert? Wie trügerisch ist Erinnerung? Stanišić: Genau um diese Frage ging es mir. Was habe ich gesehen im Fernseher, was haben mir meine Eltern erzählt? Diese Frage nach der Wahrheit stellt sich am Ende und die habe ich mir auch gestellt. Das geht bis hinein ins Hauptmotiv, also die Figur Asija, und die Frage: Gab es dich überhaupt? Der Erzähler stellt sogar das in Frage, was er dem Leser am Anfang als erzählte also wahre Gestalt präsentiert. Und so ging es auch mir mit meinen eigenen Erinnerungen: Wo habe ich das während der Recherchearbeit aufgegabelt? Verbiege ich hier was, um eine gute Geschichte zu erzählen oder ist das wirklich meins?
Vielen Dank für das Gespräch.
Thomas Podhostnik, geboren 1972 in Radolfzell/Bodensee, lebt und arbeitet in Leipzig. 1991-93 Speditionskaufmann. 1997-99 Ausbildung zum Regieassistenten in Havanna. 1999-2002 Studium Soziologie, Politik an der Uni in Konstanz und ab 2002 Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Seit 1999 freier Autor und Regisseur. Stipendiat des Neunten Klagenfurter Literaturkursus (2005). Literatur-Förderungspreis des Landes Kärnten (2005). Sein Debütroman erscheint voraussichtlich 2007.
Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad geboren. 1992 flüchtete er mit seinen Eltern zu einem Onkel nach Süddeutschland. Er studierte Deutsch als Fremdsprache und Slavistik. Seit 2004 studiert er am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2005 erhielt er den Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. 2006 legte Stanišić mit Wie der Soldat das Grammofon repariert seinen Debütroman vor, der es in die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Seit September 2006 ist er als Stadtschreiber in Graz.
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| © André Hille 2008 |