André Hille

 
 

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Wer ist Hausherr, wer Gast?

 

Der südkoreanische Lyriker Ko Un ist 75 Jahre alt, hat unter dem Diktator Park Chung-hee jahrelang im Gefängnis gesessen, wurde gefoltert und hat dabei eines seiner Trommelfelle verloren, doch wenn man ihn sieht und vor allem seine Gedichte intonieren hört, meint man, einen verschmitzten Jungen vor sich zu haben. Ko Un ist ein Mann, der die Tiefen seines Lebens in Weisheit und Bescheidenheit umgemünzt hat. Am Rande seiner Lesereise sprach ich mit dem Lyriker, der seit Jahren zum engeren Kreis der Nobelpreisanwärter gehört.

 

Wie ist es für Sie, wieder in Deutschland zu sein?

Das ist nicht mein erster Besuch in Deutschland, aber es ist doch immer wieder wie ein erstes Mal. Ich war zur Leipziger Buchmesse und hatte auch die Ehre, zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse die Rede zu halten. Ich war sowohl im Osten als auch im Westen der Republik unterwegs. Deutschland ist das Geburtsland von vielen Dichtern, die ich in jungen Jahren bewundert habe. Durch ihre Gedichte habe ich das Land und die Menschen kennengelernt. Jetzt möchte ich ihnen mit meinen Gedichten einen Teil meiner Welt zeigen.

 

Ihre Lesereise war sehr erfolgreich, teilweise kamen bis zu 200 Gäste. In Deutschland ist es nicht üblich, dass Lyrik derart erfolgreich ist. Können Sie sich das erklären?

Ich bin vor allem bei dem Publikum in Amerika beliebt. Das gilt auch für Lateinamerika. Und wenn ich das dortige Publikum mit dem deutschen Publikum vergleiche, dann ist das deutsche Publikum sehr viel reflektierender. Ich habe das Gefühl, dass in anderen Ländern Lyrik gefühlt wird, während in Deutschland Lyrik verdaut wird. Aber gestern und vorgestern auf meiner Lyrikreise hatte ich das Gefühl, dass sich die Herzen geöffnet haben und wir durch die Gedichte miteinander verbunden worden sind. Doch die Menge der Zuhörer ist eigentlich unwichtig. Gedichte muss man vortragen, auch wenn es nur einen Zuhörer gibt.

 

Spüren sie etwas von dem Verlust bei der Übersetzung Ihrer Gedichte?

Übertragene Gedichte haben mein Schicksal verlassen. Selbst wenn der Süden als Norden übersetzt worden ist, hat es mit mir nichts mehr zu tun.

 

Wie entstehen Ihre Gedichte, wie arbeiten sie?

Manchmal gibt mir die Luft die Gedichte, manchmal fliege ich, um sie zu holen. Manchmal hebe ich sie von der Straße auf, manchmal ist die Tür zur Lyrik verschlossen, aber die Gedichte erkämpfen sich einen Weg durch diese Tür. Es ist schwer zu sagen, wer hier Gast und wer Hausherr ist.

 

 


© André Hille 2008