André Hille

 
 

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Graben im Archiv der Geschichte

 

Mit der Herausgabe der Briefe und der Stasiakten von Hans Mayer ist dem Leipziger Verleger Mark Lehmstedt ein deutschlandweit beachteter, verlegerischer Coup gelungen. Der Verleger über die Eitelkeit wissenschaftlicher Autoren, die Stasiunterlagen als Quelle für Alltagsgeschichte und die Notwenigkeit der Änderung des Stasiunterlagengesetzes.

 

 

Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem verlegerischen Erfolg. Ihr Buch hat in fast allen großen Feuilletons Anerkennung gefunden. Wie kommt es, dass nach Dutzenden prominenten Stasiaufarbeitungen gerade der Fall Hans Mayer noch derart interessant ist?

Das liegt sicher auch an der Herangehensweise des Buches, das eben nicht nur eine Dokumentation von Stasiakten ist. Das Besondere an diesem Buch ist, dass es gleichberechtigt die Parteiakten und die Stasiakten nebeneinander stellt und damit deutlich macht, wo die Stärken und Schwächen der einzelnen Seiten liegen. Während die Partei zum Beispiel zum großen Schlag gegen Mayer ausholt, zieht sich die Stasi zurück und stellt die Observation ein. Diese Feinheiten des realen historischen Prozesses zu beschreiben, ist das Besondere des Buches.

Schlägt sich diese bundesweite Presseresonanz im Verkauf wieder?

Ja, eindeutig. Natürlich wenden sich solche Dokumentationen von vornherein an ein sehr spezielles Publikum, wir reden hier nicht über Riesenauflagen. Es sind von den Briefen und den Dokumenten jeweils 1.500 Exemplare gedruckt, aber die verkaufen sich sehr gut.

 

Hans Mayer ist einer der bedeutendsten Literaturwissenschaftler in Deutschland. Warum ist niemand vor Ihnen darauf gekommen, die Briefe und die Stasiakten zu sichten und herauszubringen?

Das müsste man eigentlich die fragen, die nicht auf die Idee gekommen sind. Ich habe mich immer ein wenig gewundert, denn bei diesen beiden Büchern, aber auch bei anderen, die ich mache, ist der Ausgangsgedanke geradezu trivial. Die Themen liegen auf der Straße, die Materialien sind zum Teil lange bekannt. Aber es braucht dann offensichtlich doch immer einen, der sagt: Ich bin wirklich neugierig und jetzt mache ich was draus. Hinzu kommt, dass Mayers Gesamtwerk bei Suhrkamp erscheint und Suhrkamp ist, wie bekannt, seit Jahren in einer schwierigen Situation. Dieser Verlag besteht leider Gottes nur noch aus Klassikern, die könnten jedes halbe Jahr ein großes Jubiläum feiern. Und da war im Hause Suhrkamp niemand, der sagte: Lass uns den Mayer mal anfassen. Aber prinzipiell hätte den Mayer auch jeder andere machen können.

 

Wenn man als einziger im deutschsprachigen Raum an einem solch brisanten Stoff arbeitet, packt einen dann manchmal die Angst, jemand könnte einem das Thema wegschnappen?

Nein, die Angst hatte ich nicht, weil ich spätestens nach einem viertel Jahr gemerkt habe, das jemand anderes den Vorsprung, den ich hatte, kaum mehr aufholen konnte. Außerdem hatte ich mich mit Verträgen abgesichert. Überdies gibt es gerade im Hochschulbereich, aus dem die Konkurrenz hätte kommen können, niemanden, der so etwas so schnell hätte produzieren können. In den Hochschulen arbeitet man an einer solchen Edition drei oder fünf Jahre während die beiden Mayer-Bände bei mir in jeweils in einem viertel Jahr entstanden sind.

 

Wie sah Ihre Arbeit an dem Buch „Der Fall Hans Mayer“ aus? Haben Sie sich noch wie ein Verleger gefühlt oder eher wie ein Archivar?

Das ist generell ein psychologisches Problem für mich, dass ich immer die Doppelrolle lebe. Ich bin natürlich mit Herzensblut in Bibliotheken und Archiven unterwegs und davon profitiere ich als Verleger, weil ich dort eine Menge Sachen entdecke, an denen andere vorbeilaufen, dazu gehört ja nicht nur Hans Mayer, dazu gehören fast alle Bücher, die ich gemacht habe. Ich muss mich dann manchmal bremsen und mir sagen: Ich muss noch als Verleger agieren und den Entdecker von solchen Büchern nicht allzu stark werden zu lassen.

 

Im letzten Satz Ihres Vorwortes schreiben Sie, dass die Arbeit an den Mayer-Büchern von keiner Seite finanziell unterstützt wurde. Klingt da ein wenig Bitterkeit durch?

Nein, überhaupt nicht. Das ist nicht als Vorwurf gemeint, das ist eine Tatsache, dass diese Art von Buch in der Regel mit einer aufwändigen Fremdfinanzierungen verbunden ist. Mir war einfach daran gelegen festzuhalten, dass diese Bücher nicht fremdfinanziert sind. Ich habe mich auch nirgendwo um Finanzierung bemüht. Das ist eine ganz nüchterne Feststellung, aus der vielleicht auch ein bisschen Stolz spricht, dass man so etwas auch aus eigener Kraft schaffen kann. Dahinter steht natürlich auch eine Philosophie und die lautet, dass sich solche Bücher, von bestimmten Ausnahmen abgesehen, selber finanzieren sollten. Es gibt in Deutschland gerade im wissenschaftlichen Verlagsbereich seit Jahren eine Unkultur, dass nur noch Bücher gemacht werden, die fremdfinanziert sind. Die Autoren kriegen kein Honorar, sondern schreiben die Bücher als Promotion oder Habilitation. Sie bringen die fertig gestalteten Bücher mit einem Druckkostenzuschuss zu einem Verlag, der druckt das dann und macht vom ersten verkauften Exemplar an Reingewinn. Da möchte ich mit meinen bescheidenen Mitteln zeigen, dass es auch anders geht und vielleicht denkt der eine oder andere dann darüber nach: Muss denn alles finanziert werden? Oder muss denn alles gedruckt werden? Da ist ja auch oft die Eitelkeit der Autoren im Spiel.

 

„Der Fall Hans Mayer“ zeigt, wie perfide und perfekt das System der Überwachung schon in den 50er Jahren war. Mit welcher Akribie dabei Details gesammelt wurden, verblüfft immer wieder. Mit welchem Gefühl setzt man sich über Monate der Lektüre von solch wahnhaftem Material aus?

Das kann ich nur tun, indem ich das Material behandele, als wäre es aus dem 17. oder 18. Jahrhundert, als wären alle Beteiligten tot und ich würde wie ein Historiker mit großem Abstand darauf schauen. Man darf so etwas, soweit das überhaupt möglich ist, nicht zu persönlich nehmen. Das ist manchmal nicht ganz einfach bei diesem zeitgeschichtlichen Material, weil man eine ganze Reihe der agierenden oder behandelten Personen persönlich kennt. Ich habe ja bei einem Gutteil der Leute, um die es hier geht, noch studiert. Nicht bei Hans Mayer, aber seine Schüler sind noch in den 70er und 80er Jahren aktiv gewesen. Dann muss man aufpassen, dass man da nicht den inneren Zensor in Gang setzt, sondern einfach nüchtern drauf blicken. Dann durchschaut man auch Zusammenhänge, während man sich, wenn man mit einem moralischen Rigorismus daran ginge, den Blick verstellen würde. Mir geht es um eine möglichst saubere, historische Aufarbeitung und das ist der einzige Weg, den ich sehe, mit diesem zum Teil sehr schwierigen historischen Material umzugehen.

 

Ihr Buch offenbart zwei Ironien der Geschichte. Erstens, dass die Bespitzelung, so perfide sie war, doch dazu gut gewesen ist, dass wir heute etwas über den großen Literaturwissenschaftler erfahren.

Genau. Das mag ein wenig zynisch klingen, aber das ist natürlich ein grandioser Fundus für den Historiker. Es ist eine der geheimen Intentionen des Buches gewesen, deutlich zu machen, dass die Stasiakten eine großartige, noch nicht mal annähernd ausgeschöpfte Quelle für Alltagsgeschichte, für Sozialgeschichte, für Denkstrukturen und Verhaltensweisen sind. Jenseits des ersten Forschungsauftrags, Unrecht aufzuarbeiten und die Betroffenen moralisch wieder ins Recht zu setzen, gibt es noch eine viel größere Möglichkeit zu rekonstruieren, wie die Menschen gelebt, gedacht, gefühlt, gehandelt haben. Zu den interessantesten Dokumenten, die in diesem Buch enthalten sind, gehören Berichte der Parteileitung des Instituts für Germanistik an die übergeordnete Universitätsparteileitung. Da wird immer wieder über Stimmungen und Diskussionen unter den Studenten berichtet. Wo ist denn sonst festgehalten, worüber die wirklich diskutiert haben? Diese Berichte sind erkennbar nicht geschönt, natürlich verkürzt, aber wo haben Sie das denn sonst? Wenn man das systematisch auswerten würde, bekäme man ein interessantes Bild von den Denk- und Verhaltensweisen von Studenten in den 60er Jahren.

 

Und zweitens, dass die Zeit in Leipzig Mayers größte Zeit gewesen ist. Brauchte Mayer vielleicht den Widerstand, um zu leuchten?

So weit würde ich nicht gehen. Was er brauchte, war eine widersprüchliche Umgebung insofern, als dass die generell zu Kreativität anfeuert. Aber diese permanenten Angriffe kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Das war nicht einfach ein Streit der Meinungen, in den 40er und 50er Jahren stand man bei falschen Äußerung unter Lebensgefahr. Wolfgang Natonek ist dafür nach Sibirien gewandert. Diese Form von Widerstand war ungemein zermürbend und es ist erstaunlich, dass sich Hans Mayer seine Produktivität bewahrt hat. Aber im schlimmsten Jahr, 1957, hat er zwei kleine Aufsätze geschrieben. Er hatte eine komplette Schreibblockade und erst durch die Begegnung mit der modernen bundesdeutschen Literatur und einer Reise nach Griechenland löste er sich aus dieser Blockade. Er war auch später in der Bundesrepublik neben Marcel Reich-Ranicki eine zentrale Instanz der Literaturkritik. Warum er im Universitätsbetrieb nicht mehr eine solche Wirkung entfalten konnte, ist ganz leicht zu erklären. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte ein Rundschreiben erlassen, in dem stand: Gebt diesem Kommunisten keine Professur. Es ist dann ein paar Jahre später doch gelungen, an der technischen Universität Hannover, aber man hat ihn ein bisschen abgeschoben.

 

Die FAZ führt in ihrer Rezension die Übersiedlung Mayers in den Westen auf die gekränkte Eitelkeit des Professors zurück. Grund dafür sei ein „kritischer Artikel“ eines Studenten. Ihr Buch hingegen zeigt die jahrelange Zermürbung, an deren Ende die Ausreise in die BRD stand. Liegt die Wahrheit in diesem Fall auch in der Mitte?

Nein die Kritik der FAZ war ein ganz schlimmes Fehlurteil. Das ist eine fatale Fehllektüre. Dieser Artikel des Leipziger Studenten mit der Überschrift, „Eine Lehrmeinung zuviel“ war der achte in einer Reihe von insgesamt zehn. Jede Woche gab es einen massiven Angriff auf ihn und das war keine persönlich gekränkte Eitelkeit, sondern das hieß: Du bist zuviel. Wir wollen dich nicht mehr. 15 Jahre vorher wäre das der Aufruf zum Totschlag gewesen, jetzt war es nur noch der Aufruf: Geh in Altersteilzeit, halt die Schnauze. Das war der massivste Angriff, den man sich vorstellen kann.

 

Aber er konnte sich ja trotzdem sehr viel herausnehmen. Warum war Hans Mayer so wichtig für die junge DDR?

Erstens, das gilt für die gesamte DDR, aber für die frühe ganz besonders, war er als anerkannter Kämpfer gegen den Faschismus zum großen Teil geschützt. Seine antifaschistische Position, von der er nie abgerückt ist, verband ihn über die größten ideologischen Konflikte noch immer mit der Partei. Bei Robert Havemann hat Honecker persönlich gesagt: Den tastet ihr nicht an, mit dem war ich zusammen in Brandenburg im Zuchthaus. Da gab es eine Grenze, die bis zum Schlimmsten gehalten hat. Zweitens: Er war natürlich ein ungemein beeindruckender Mann. Gerade die frühe DDR ist ja nicht nur von Idioten aufgebaut und geführt worden. Jemand wie Johannes R. Becher als Kulturminister wusste natürlich, was er an Mayer hatte. Drittens war Mayer eine wichtige Figur in der Deutschlandpolitik. Er war einer der wenigen, die im Westen akzeptiert wurden und gleichzeitig in der Lage war, westdeutsche Germanisten und Autoren nach Leipzig zu holen. Und dafür konnte er sich natürlich einiges erlauben.

 

Mit ihrem Mayer Band betreiben Sie ja auch eine Form der Aufarbeitung, was meinen Sie, wie lange diese Form der Aufarbeitung noch nötig sein wird?

Ich glaube, dass die erst losgeht. Ich bin überzeugt, dass diese Aufarbeitung ein zweistufiger Prozess ist. Relativ abgeschlossen ist die Frage der Klärung von persönlicher Schuld gegenüber unmittelbar Betroffenen. Die wichtigen IM’s sind im Prinzip enttarnt, da wird es noch die eine oder andere Überraschung geben, aber nichts, was die Sache mehr wesentlich verändert. Auch die Aufarbeitung der Funktionsmechanismen des Ministeriums für Staatsicherheit dürfte im Wesentlichen erledigt sein.  Aber der Umgang mit dem von der Stasi hinterlassenen Riesenmaterial für andere Forschungszwecke setzt gerade erst ein. Das bedingt übrigens auch, dass das Stasiunterlagengesetz neu definiert werden müsste, weil es Zugänge zu diesen Akten zwar unter diesen ersten Zielsetzungen erlaubt, aber für die zweiten unmöglich macht oder stark erschwert. Bei Hans Mayer hatte ich zum Beispiel einen Forschungsantrag gestellt, der betraf Hans Mayer und seine Überwachung durch die Stasi. Aber natürlich ist er immer Teil eines Netzes gewesen und wenn ich eine Akte brauchte, um eine andere zu verstehen, dann haben sie gesagt: Sie müssen einen neuen Antrag stellen, haben Sie daran ein berechtigtes Interesse? Hatte ich nicht, also habe ich die Akte nicht bekommen. Und das führt dazu, dass ich als Historiker, im Gegensatz zum Beispiel zum Staatsarchiv, bei der BStU einen nicht adäquaten Zugang bekomme. Wenn Sie als Historiker damit umgehen wollen, machen Ihnen diese gesetzlichen Grundlagen, die sehr gut verständlich sind, zunehmend Schwierigkeiten. Aber ich bin überzeugt, dass wir da noch spannendste Dinge zu erwarten haben, auch wenn es nicht so spektakulär sein wird, dass nun dieser oder jener Politiker enttarnt wird.

 

Wird die Akte Mayer im Verlag jetzt endgültig geschlossen?

Die Versuchung ist groß, da weiter zu machen. Es gibt noch manches Interessante zu entdecken, gerade aus der späteren bundesdeutschen Zeit, aber auch aus dem ganzen Umfeld von Hans Mayer, ob das nun Ernst Bloch ist oder generell die Universität Leipzig in den 50er, 60er Jahren. Sie ist die geheime Denkzentrale der DDR gewesen, die geheime Hauptstadt der DDR. Das war nicht Dresden, wie ich jetzt irgendwo gelesen habe, das war Leipzig und ich kann nur alle, die an diesem Feld Interesse haben, dazu ermuntern, die Akten einzusehen. Das war eine der weniger erfreulichen Erfahrungen für mich, als ich im Parteiarchiv, was leicht zugänglich ist, in Paunsdorf gesessen habe, war ich weit und breit der einzige, der sich mit diesen Akten befasst hat. Die Universität läuft aber auf ein 600-Jahre-Jubiläum zu und will eine vielbändige Geschichte schreiben, es würde Zeit, das mal jemand von der Universität diese Akten durcharbeitet. Das ist noch viel Material zu holen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

http://www.lehmstedt.de/

 

 

© André Hille 2008