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Das ästhetische Problem der Banalität
Sigrid Löffler ist eine der renommiertesten
Literaturkritikerinnen des Landes, die von ihr herausgegebene Zeitschrift
„Literaturen“ ein Hort hochwertiger Texte. Die grande dame der
deutschsprachigen Literaturkritik über das Problem der jüngeren deutschen
Literatur, den Bedeutungsverlust der Kritik und Geschenke im Leben.
Was erwarten Sie von Literatur?
Es gibt viele unterschiedliche Arten, wie Literatur das eigene Leben
bereichern kann. Es gibt die eskapistische, das heißt, ich möchte gern vor
der Realität in andere Welten ausweichen. Vielleicht sind die anderen
Welten bereichernder und ermöglichen ein Alternativleben, das man in der
Wirklichkeit nicht hat. Man liest zur Selbstintensivierung, man liest
natürlich auch zur Unterhaltung, man liest aber auch, um Wissen zu
erwerben, um von der Welt und von anderen Menschen etwas zu erfahren, man
liest, weil man, vor allem als Journalist, sprachlich etwas lernen möchte
– es gibt also die unterschiedlichsten Gründe und ich denke, ein mixtum
compositum aus all diesen Gründen ergibt die Leidenschaft für die
Literatur.
Können Sie als Kritikerin noch Bücher mit dem Blick der
Nicht-Kritikerin lesen?
Es gibt eine gewisse déformation professionelle, das lässt sich nicht
leugnen. Wenn man so lange als Kritikerin gearbeitet hat wie ich, dann
liest man natürlich immer mit dem Bleistift in der Hand und immer mit dem
kritischen Blick, andererseits heißt das noch lange nicht, dass man nicht
auch mit großem Vergnügen liest, ich denke sogar, dass der Bleistift in
der Hand die Intensität der Zuwendung zu einem Text noch erhöht.
Kann Sie Literatur noch überraschen?
Man erwartet doch eigentlich immer die große Offenbarung vom nächsten
Buch, so wie man als Theaterkritiker ins Theater geht und erwartet, dass
die nächste Aufführung die ganz große wird. Wenn das nicht so wäre, wenn
ich nur noch Erwartbares lesen würde oder glauben würde, dass die
Literatur mich nicht mehr überraschen kann, dann sollte ich als Kritiker
sofort den Beruf aufgeben.
Sie sind Redaktionsleiterin, Mitglied in
diversen Jurys, moderieren Veranstaltungen. Wie bewältigen Sie dieses
Pensum?
Das Pensum ist in der Tat gewaltig. Ich habe das Glück, dass ich einen
verständnisvollen Ehemann habe, der leidgeprüft ist und eine Frau neben
sich duldet, die immer liest – Gott sei Dank liest er selber auch. Ich
habe keine Kinder und kann mich dem Beruf ganz widmen. Sie würden staunen,
wie viel leere Minuten, leere Viertelstunden es in jedem Tagesablauf gibt,
die man mit Lesen sehr gut füllen kann.
Es gibt in Deutschland ein dicht gewebtes Netz aus Stipendien und
Preisen, wobei sich nicht selten eher die Preisgeber mit den Namen der
Autoren schmücken als umgekehrt. Was haben Sie als aktive Gestalterin
dieser Landschaft dazu für ein Verhältnis?
Ich denke, dass die deutsche Literaturlandschaft tatsächlich geprägt ist
durch ein außerordentlich reichhaltiges und großzügiges
Alimentationssystem. Viele Autoren gäbe es gar nicht, kämen sie nicht in
den Genuss dieser vielen Stipendien, Stadtschreibereien und
Arbeitsstipendien, das ist grundsätzlich etwas ganz Großartiges. Manchmal
denke ich aber auch, dass es junge Autoren dazu verführt zu glauben,
Autorsein wäre ein Brotberuf, denn es kommt unweigerlich der Zeitpunkt, wo
sich ein Autor sagen muss: Jetzt habe ich alle verfügbaren Preise bereits
einkassiert, ich habe auch alle verfügbaren Stipendien einmal genossen,
und was jetzt? Das ist der Moment der Wahrheit, der kann für Autoren, die
in einem gewissen Alter sind, sehr gefährlich werden, denn bis dahin
konnten sie sich ja darüber hinwegtäuschen, dass sie auf dem Markt nicht
so erfolgreich waren, weil immer irgendein Stipendium oder ein
Literaturpreis zur Stelle war, der das abgefedert hat. Aber ich kenne
genügend Autoren, die sich dann einem schrecklichen Erwachen
gegenübersehen und sagen: Meine Bücher gehen nicht gut, der Verlag wartet
nicht auf meinen zehnten und elften Roman und das Publikum noch viel
weniger, was tue ich jetzt?
Manche Autoren werden herumgereicht, die Autoren, die im
Alimentationssystem drin sind, freuen sich, die nicht hineinkommen, sind
neidisch. Ist dieses System gerecht?
Gerecht ist so ein System nicht, kann es seiner Natur nach gar nicht sein,
weil es ja um solche Unwägbarkeiten wie die Bewertung von literarischer
Qualität geht. Die wird von der einen Jury so bewertet, von der anderen
anders. Richtig ist, dass es Autoren gibt, die man gerne herumreicht. Die
haben eine gewisse Windschlüpfrigkeit, die können elegant auftreten, die
sind beredt, die kann man gut herzeigen, und wenn die einmal gut
herzeigbar sind, dann sind sie immer herzeigbar, und wenn sie einmal auf
der Liste der Goethe-Institute sind, dann geht das Reisen los. Aber es
gibt natürlich auch Autoren, die diese Art von medialer Gewandtheit nicht
haben. Aber in der Tat ist heute, wenn man in diesem Beruf, wenn es denn
einer ist, reüssieren will, diese mediale Gewandtheit gefordert, das ist
eine Voraussetzung, wenn man sich auf dem Markt halten will.
In einem Ihrer letzten Artikel rechnen Sie zum Teil recht hart mit der
deutschen Gegenwartsliteratur ab, Sie reden von Mittelmaß, von
Lethargikern als Romanhelden. Hat der westliche Autor nichts mehr zu
erzählen, fehlt die existenzielle Erfahrung?
Nein, das ist nicht eine Frage des deutschen Westens, das ist im deutschen
Osten nicht anders. Die Generation, die jetzt zu den ersten literarischen
Ehren kommt, ist so oder so in einer politisch windstillen Epoche
aufgewachsen und hat relativ wenig erlebt und daher auch relativ wenig
oder Vorhersehbares zu erzählen. In der Tat ist das große ästhetische
Problem der jüngeren Erzähler dieses, dass sie eine banale Existenz auf
nicht banale Weise schildern sollen.
Ist es also grundsätzlich unmöglich, in
einer saturierten Gesellschaft noch gute, existenziell berührende Prosa zu
schreiben?
Nein, es gibt ja auch Autoren, die sich dieser Langeweile entziehen, die
anderswohin fahren, die auch versuchen, die Welt von heute hereinzuholen,
denken Sie an Trojanow, der die dritte Welt hereinholt, denken Sie an
Ransmayr, der ja auch ein großer Weltwanderer ist, auch Raoul Schrott in
gewisser Weise – das sind natürlich Leute, die versuchen, diese doch etwas
provinzielle Enge des heutigen Deutschlands zu überwinden.
Reisen als letzte Möglichkeit, doch noch große Literatur zu schreiben
in Deutschland?
Es ist eine Möglichkeit, aber sicher nicht die letzte. Man kann auch in
die Literatur reisen, es ist durchaus möglich, dass man Literatur über
Literatur schreibt. Nabokov ist ein wunderbares Beispiel dafür, der hat
weniger über die Realität geschrieben, als über die Erfahrung mit
Literatur. Ich würde mir manchmal wünschen, dass die jüngeren deutschen
Autoren etwas belesener wären.
Oder man geht, wie die Amerikaner, in die Psychologie. Das scheint aber
in der deutschsprachigen Literatur auch nicht besonders stark ausgeprägt
zu sein.
Es ist doch kein Wunder, dass sehr viele jüngere Autoren jetzt die
Großelterngeneration und den Krieg entdecken, dass so viele jetzt fragen:
Was hat mein Großvater im Krieg gemacht und was hat die Großmutter davon
gewusst? Dass so viele über Flucht und Vertreibung schreiben. Das ist ein
Versuch, in eine ungewissere, aber auch abenteuerlichere Zeit
auszuweichen, aber das ist auch eine Flucht vor der Banalität der heutigen
Existenz und der Versuch, die eigene Literatur durch eine aufregendere,
gefährlichere, wenn auch kriminellere Vergangenheit zu bereichen.
Die Laienkritik im Internet bricht sich immer mehr Bahn, gibt es da
eine Enttäuschung, dass die Deutungshoheit der Kritik abhanden gekommen
ist?
Das braucht man gar nicht psychologisch zu bewerten. Es ist eine schlichte
Tatsache, dass es einen bestimmten Renommeeverlust der Kritik gibt, dass
die öffentliche Geltung der Kritik, auch der Literaturkritik, deutlich
abgenommen hat. Es gibt keine Großkritiker mehr, das braucht man nicht
bedauern, das ist einfach so.
Wenn Sie im hohen Alter einmal auf ihr
Leben zurückblicken, was möchten Sie dann erreicht haben?
Ich blicke eigentlich nicht in dieser Art auf mein Leben. Ich habe
unglaubliche Dinge geschenkt bekommen, zum Beispiel, dass ich in einem
Alter, in dem die meisten schon in Frühpension gehen, offeriert bekommen
habe, eine neue Zeitschrift zu gründen, Literaturen, und dass ich diese
Zeitschrift zum Erfolg geführt habe, erachte ich als ein Geschenk. Wenn
ich dazu beitragen konnte, dass die Leute überhaupt noch lesen und dass
sie Spaß haben an Literatur, und wenn ich diese Freude an Literatur
einigen Leuten vermitteln konnte, dann, denke ich, habe ich etwas
erreicht.
Vielen Dank für das
Gespräch.
Foto: gezett |
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