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„Das Leben ist nicht immer woanders.“
Mit „Die Bestattung eines Hundes“ legt der Schriftsteller Thomas
Pletzinger ein komplexes Debüt vor, einen modernen, an Max Frisch
geschulten Roman. Pletzinger beleuchtet in seinem Roman
Generationenthemen: das Unterwegssein, die Angst vor Verbindlichkeit, die
Suche nach Heimat. „Meine Figuren sind Heimwehtouristen“, sagt der
32Jährige.
Du
debütierst gerade mit deinem Roman „Bestattung eines Hundes“. Wie ordnest
du dich in der deutschen Gegenwartsliteratur ein?
Die Frage, wo man sich in diesem Wust an Neuerscheinungen, für die man
selber noch keine Schubladen gefunden hat, einsortiert, ist schwer zu
beantworten. Ich wüsste nicht, welche Zuordnung ich da finden sollte,
gerade als Autor, der ein erstes Buch geschrieben hat. Ich denke, so etwas
muss von außen kommen.
Du orientierst dich vom Sound relativ stark an Max Frisch. Braucht man
als Debütant solch eine Orientierung, hast du sie gebraucht?
Es gibt formale und thematische Referenzen an Max Frisch aber auch an
viele andere Autoren. Ich glaube, das braucht man, aber nicht per se als
Debütant, sondern als Autor im Allgemeinen. Es gibt natürlich Autoren, die
sich verweigern und abgrenzen und sagen, mein Werk und mein Weg sind
komplett eigenständig – das würde ich nie behaupten. Ich würde nicht
schreiben, wenn ich nicht gelesen hätte. Dass man sich in dieses Netz
begibt, ist für mich ein wesentlicher Teil des Schreibens. Und das Netz
bezieht sich auch auf andere Künste, Musik ist zum Beispiel ganz wichtig.
Das sind auch Referenzpunkte und Strukturen, in die man sich hineinbegibt.
Wie offensichtlich man das tut – bei mir ist es gewollt offensichtlich –
ist eine andere Frage. Man kann das auch verbergen, aber das wollte ich
nicht, weil das Sich-Beziehen ein wichtiger Teil der Figuren ist.
Gerade zu Beginn entsteht der Eindruck, dass deine Sprache auf eine
gewisse Weise poliert ist und du dich unangreifbar machst.
Vielleicht manchmal, aber sicher nicht überall. Ich möchte schon, dass die
Figuren etwas wagen, ich will es krachen lassen, auch formal. Ich möchte
aber trotzdem, dass der Text lesbar bleibt und ein Zugang zu den Figuren
möglich ist. Die Sprachoberfläche soll sichtbar bleiben. „Bestattung eines
Hundes“ ist kein Buch der unsichtbaren Schnitte und des über allem
stehenden Plots, sondern ein Buch, in dem das Schreiben und die Sprache
selbst zum Gegenstand werden. Die Sprache der Figur Mandelkern ändert sich
im Lauf des Romans, so wie die Figur selbst auch.
Eines der Kapitel heißt: „Wer genau ist Daniel Mandelkern“, könnte es
auch heißen: Wer genau ist Thomas Pletzinger?
In gewisser Weise ist dieses Buch ein Stimmfindungsbuch. Ich habe zwei
schreibende Protagonisten, den Journalisten Daniel Mandelkern und den
Kinderbuchautor Dirk Svensson. Beide haben einen anderen Schreibansatz und
tauchen als Ich-Erzähler in meinem Buch auf. Sie sind in gewisser Weise
auch der Versuch, mich meinem eigenen Ich anzunähern, wobei ich sicher in
der Gesamtheit der Stimmen drinstecke. Ich kann mich da nicht verbergen.
Aber es ist keine Selbstfindung. Meine Protagonisten schlagen sich nicht
mit meinen Problemen herum.
Was würdest du als deine eigene Poetik bezeichnen?
Es gibt verschiedenste Elemente, die ich als Kernthemen bezeichnen würde.
Im Moment beschäftige ich mich gerade mit dem Thema Erinnerung. Was
bedeutet Erinnerung und wie beeinflussen Erinnerung und Autobiographie das
eigene Schreiben? Für mein Buch kann ich, glaube ich, sagen, dass die
Schauplätze und die Problematik des Schreibens, des Aufschreibens,
zentrale Themen sind. Mein Schreiben wird stark bestimmt von einer
Nostalgie und Melancholie, die sich an Dingen entzünden – das wird man dem
Buch vielleicht gar nicht so anmerken. Dinge, Gegenstände, Pflanzen, Orte,
Schauplätze können starke Marker und Träger von Erinnerung und Geschichten
sein. Und das ist für meine Arbeit, gerade an diesem Buch, sehr zentral.
Bedeutet das nicht letztlich auch Heimat, eine emotionale Beziehung zu
Gebäuden oder zu Landschaft zu haben?
Genau. Ich nenne es lieber ganz allgemein „die Dinge“, weil die Dinge
psychologisch und emotional aufgeladen werden und in „Bestattung eines
Hundes“ laden verschiedene Leute verschiedene Dinge mit ihrem eigenen
Erleben und Empfinden auf. Es gibt Autoren, die schreiben nicht über
Dinge, aber für mich ist es wichtig, dass Dinge in Literatur Platz haben.
Ich möchte über leere Colaflaschen schreiben oder die verrotteten Stühle,
über Ruinen oder alte Ruderboote. Das mag kitschig klingen, aber in diesen
Dingen steckt eine Menge an Emotionen drin und darüber eine tatsächliche
Beziehung zum Text zu schaffen, das möchte ich gern erreichen.
Der Roman ist sehr international, spielt in verschiedenen Ecken der
Welt, du selbst reist auch sehr viel, ist das auch eine Verortung in der
Welt, eine Art Heimatsuche?
Interessanterweise war einer der wenigen Titel, der in die Endauswahl
gekommen ist – „Bestattung eines Hundes“ war eigentlich immer nur der
Arbeitstitel – „Heimwehtouristen“. Das ist ein stehender Begriff für die
Leute, die ihre alte Heimat besuchen, die nach Schlesien oder Pommern
zurückkommen, und in nur noch Touristen sind. Es hätte Sinn gemacht, das
Buch so zu nennen, weil meine Figuren sämtlich Touristen sind, die auf der
Suche nach einer Art Heimat durch die Welt reisen. Natürlich ganz anders
als die 70- oder 80Jährigen, die ihre Elternhäuser noch mal sehen wollen.
Meine Figuren sind grundsätzlich Heimwehtouristen. Das ist ein wichtiges
Thema für mich, vielleicht sogar für viele meiner Generation, zumindest
eines bestimmten Teils, dass man zwischen all den Orten, die man besuchen
kann, an denen man leben kann letztlich immer auf der Suche nach einem Ort
ist, an dem man sich zu Hause fühlt.
Die
Figuren sind sehr moderne Figuren, Jet-Set-Figuren in gewisser Weise …
… Jet-Set ist das falsche Wort. Die machen das nicht ausschließlich zum
Vergnügen, die fahren nicht zum Shoppen nach St. Moritz. Meine Figuren
fahren zum Beispiel nach Brasilien und denken, sie tun dort Gutes, sie
wollen dazugehören und bleiben trotzdem immer die blöden deutschen
Sozialarbeiter, die man ausnehmen kann. Sie fahren nach New York, weil sie
denken, sie könnten dort irgendwie besonders wirklich leben, sie bleiben
aber letztlich immer nur normale Menschen in ihren eigenen Horizonten.
Aber es sind moderne junge Menschen, die unterwegs sind, fast rastlos
unterwegs sind in der Welt, in gewisser Weise auch auf der Flucht?
Ich glaube, auch das kann man so nicht sagen. Die sind nicht getrieben
davon, dass sie wegwollen, sondern sie wollen irgendwohin. Die sind nicht
auf der Flucht vor einem Zuhause, die suchen etwas. Das klingt sicher
abgegriffen, weil alle auf der Suche sind. Aber das Problem des
Immer-Weg-Könnens führt dazu, dass sie nie wirklich ankommen. Obwohl sie
das immer wieder versuchen. Svensson, der eine der beiden Ich-Erzähler,
möchte sich diesem Selbstverwirklichungs-Imperativ verweigern, er denkt:
Ich renoviere jetzt ein kaputtes Haus am Luganer See und dann bleibe ich
da. Was vielleicht doch wieder eine Art Flucht ist, eine Pose der
Romantik. Wahrscheinlich flieht er an einen Ort, den er kontrollieren
kann. Das Buch beschreibt die Versuche, einen Platz zu finden, an dem man
sich richtig fühlt.
Gibt es das für dich persönlich, dieses Richtig-Fühlen, das
Angekommensein?
Das ist schwierig. Das gibt es schon, aber das ist nicht an einen Ort
gebunden. Ich habe jetzt eine Bahncard 100 und fühle mich derzeit sehr zu
Hause auf den BahnComfort-Plätzen der Deutschen Bundesbahn (lacht). Aber
im Wesentlichen hängt das Gefühl natürlich mit Menschen zusammen. Nachdem
ich jetzt seit etwa 12 Jahren unterwegs bin und nicht mehr mit einem
richtigen Zuhause lebe, war ich neulich mal wieder einen Monat lang bei
meinen Eltern. Das hat sich gut angefühlt. Das ist eine Art Zuhause, aber
ich kann mich auch richtig und zu Hause fühlen, wenn ich in Hamburg eine
Bekannte besuche oder in New York in einem Park sitze, den ich mag.
Manchmal sind Cafés oder Bars Orte, an denen ich mich für eine Zeit zu
Hause fühle.
Macht sich daran der Wandel des Begriffs Heimat fest? Für unsere Eltern
war Heimat noch klar ortsgebunden, bei uns ist es eine Sicherheit in sich
selbst.
In sich selbst würde ich vielleicht nicht sagen, aber miteinander. Ich
würde sagen, dass das zu einem nicht geringen Teil auch mit den neuen
Kommunikationsmöglichkeiten zu tun hat, dass man sein kann, wo immer man
will, aber trotzdem immer erreichbar ist für die Menschen, die Heimat
bedeuten. Heimat wird immer ortloser, immer mittelbarer, vielleicht sogar
digital kommunizierbar.
Wer nicht per E-Mail kommuniziert, fällt aus fällt aus der
Kommunikation heraus?
So ungefähr. Meine Briefpost wird umgeleitet zur Adresse meiner Eltern und
die schicken mir das dann dahin, wo ich gerade bin. Die Kehrseite der
Medaille ist, dass es einem manchmal auf den Geist geht. Ich bin jetzt zum
Beispiel eine Woche in Leipzig und das ist für mich schon viel, eine Woche
am Stück an einem Ort zu sein. Ich strebe schon auch an, dass das anders
wird. Ich bin mir auch sicher, dass das anders werden kann. Wenn Kinder
ins Spiel kommen, das erfahren auch meine Romanfiguren, dann wechselt der
Heimatbegriff und dann sind wir bei aller Mobilität ganz schnell wieder
da, wo unsere Eltern sind.
Aber was ist es denn, was das Unterwegssein so reizvoll macht?
Andere Orte sind ja auch schön und nicht nur der eigene Vorgarten. Das ist
keine Neuigkeit. Es gibt viele schöne Orte, es gibt viele gute Dinge, die
man tun kann, es gibt viele Möglichkeiten, die man leben kann, es gibt
viele Menschen, die man mögen kann.
Aber ist das nicht auch ein Ausweichen, die Angst davor, sich
festzulegen?
Daniel Mandelkern wird von seiner Frau unter Druck gesetzt, sie ist seine
Chefin, sie ist älter als er, sie will ein Kind. Er hat zunächst Angst
davor, sich festzulegen und das letztendliche Fazit ist auch, dass diese
Angst eine gewisse Albernheit birgt. Diese Angst, sich festzulegen, ist in
unserer Generation quasi vorinstalliert, man kann aber auch einfach sagen:
Scheiß drauf, ich leg mich jetzt halt einfach mal fest. Das Leben ist das
Leben und das Leben ist nicht immer woanders. Das Leben ist keine Frage
des Ausschlusses für Mandelkern, er lernt, dass eins nicht automatisch
alles andere nicht bedeutet. Man muss Entscheidungen fällen, aber sie sind
nicht ausschließlich. Wenn man heiratet bedeutet das nicht, dass man sein
ganzes Leben lang nichts mehr entscheiden kann. Entscheidungen muss man
immer wieder neu treffen, man muss seine Beziehung, seine Arbeitssituation
immer wieder neu betrachten und neu den Wert darin sehen.
Aber dann stellt sich natürlich die Frage nach der Relevanz von solchen
Entscheidungen wie dem Ja-Wort, das ja schon ein „für den Rest des Lebens“
beinhaltet. Ist das nur noch eine hohle Phrase?
Das Buch ist sicher keine Absage an die Verbindlichkeit, überhaupt nicht.
Es geht ja auch um eine immer neu scheiternde Dreiecksbeziehung, um eine
Ehe unter schwierigen Umständen, um den Wunsch, sich auf sich selbst
verlassen zu können. Alles Versuche, Verbindlichkeit herzustellen. Ich
denke, dass der Glaube an die absolute Verbindlichkeit genauso eine
Illusion ist wie der Glaube an die absolute Unverbindlichkeit. Die völlige
Freiheit gibt es genauso wenig wie die völlige Unfreiheit.
Es gibt nur beides im Wechsel. Man kann Freiheit nur als Gegensatz zur
Unfreiheit empfinden.
Genau. Und wir reden jetzt hier nicht von Politik oder Krieg oder ganz
natürlichen Verbindlichkeiten. Das Altern oder ein Kind sind große
Verbindlichkeiten. Ebenso ist eine Krankheit eine verbindliche Sache. Man
kann nicht sagen: Heute habe ich keinen Zucker mehr.
Das ist dann ein schmerzhafter Prozess, mit Einschränkungen leben zu
lernen. Das geht nicht ohne Trauer und ohne Schmerzen ab.
Natürlich, es geht nie ohne Trauer. Und das ist eigentlich das, was ich
mit den Figuren wollte, diesen Grat sichtbar zu machen, ohne eine Lösung
anzubieten. Weil es diese Lösung nicht gibt. Man kann rückblickend sagen:
Ich habe mich eingelassen und festgelegt, aber das Leben als eine Art
Entwurf des eigenen Willens zu betrachten ist, glaube ich, Quatsch.
Insofern lässt sich der Roman dann doch ganz gut einordnen, zumindest
darüber, was er nicht ist. Es gibt den Trend zum historischen Roman, es
gibt die großen Jahrhundert-Rückblicksromane, es gibt die Familienromane.
Damit hat dein Roman nichts zu tun, die Figuren sind in der Gegenwart
verankert, es geht um Verbindlichkeit, Verantwortung, Unterwegssein –
moderne Phänomene.
Vielleicht ist das Buch ja ein Familienroman anderer Prägung. Die
Lebensentwürfe und die Familiensituation sind ja für meine Figuren auch
Thema. Auch die Vermischung von Arbeit und Privatleben, da wird eine Ehe,
eine Liebe, von Arbeitshierarchien in Gefahr gebracht. Ich finde, das hat
auch eine existentielle Notwendigkeit jenseits der Kategorien und
Schubladen. Wenn man sich zum Beispiel die Bücher von Sasa Stanisic
anschaut oder Clemens Meyer oder Lucy Fricke, dann geht es da auch um
komplexe Notwendigkeiten, insofern handelt es bei mir erst mal um ein
„Luxusproblem“. Das ist mir auch bewusst, aber ich finde diese Themen als
Generationenphänome trotzdem notwendig und absolut existentiell.
Dein Weg in den deutschen Literaturbetrieb scheint für dich relativ
einfach gewesen zu sein, es ging los mit MDR-Literaturpreis, diversen
Stipendien und weiter damit, dass du für den ersten Roman einen Großverlag
gefunden hast. Hast du den Weg als leicht empfunden?
Leicht würde ich nicht sagen. Ich hatte vielleicht den Vorteil. dass ich
lange in einem Verlag und in Literaturagenturen gearbeitet habe und
deswegen ein bisschen den Respekt davor verloren habe. Wenn man weiß, wie
dieser Betrieb funktioniert, dann kann man den Betrieb als Betrieb
verstehen und sich darin bewegen. Ich wollte nie so tun, als ob meine
Kunst betriebsunabhängig ist, weil ich genau weiß, dass er nicht unwichtig
ist, wenn man das als Beruf machen will. Natürlich gibt es auch andere
schriftstellerische Lebens- und Arbeitsentwürfe, aber ich habe das so
kennen gelernt, als ganz normale Arbeitswelt. Allerdings ist es dann auch
extrem viel Arbeit und eine Portion Glück gehört dann am Ende auch noch
dazu.
Konntest du dadurch finanziell relativ unabhängig arbeiten?
Na ja, ich arbeite jetzt immer noch nebenher, um Geld zu verdienen. Ich
unterrichte, ich übersetze. Und wenn ich meine Eltern und ihre
Unterstützung nicht gehabt hätte, wäre das alles nicht so gut gelaufen,
aber ich musste natürlich nie Vollzeit zum Beispiel als Arzt oder Lehrer
oder Werbetexter arbeiten.
Also ist Schreiben eher Arbeit als Lust?
Ich habe neulich gelesen: I hate to write but I love to have written
(lacht). Und das trifft es. Schreiben ist nicht gerade das Leichteste, was
man machen kann, man kann seinen Tag einfacher herumbringen, man kann
einfacher Geld verdienen und man kann sich beim besten Willen einfacher
selbst verwirklichen. Aber etwas geschrieben haben ist gut. Eine
Geschichte, ein Buch.
Was verbindest du dann damit?
Ich dachte immer, ich hätte das Schreiben unter Kontrolle. Es sei eine Art
freiwillig eingegangener Stress, dem ich mich für die Dauer des Schreibens
hingebe und am Schluss kommt dabei dieses oder jenes heraus. Aber ich muss
sagen, dass das Buch mich von dieser Meinung kuriert hat. Ein Roman ist
was anderes als eine Kurzgeschichte, das geht einen dann schon
persönlicher an, zum Schluss war es dann auch kein Vergnügen mehr, sondern
knallharte Arbeit, das ist mir sehr an die Substanz gegangen. Da bekommt
man eine sehr dünne Haut.
Du bist an deine Grenzen gestoßen?
Ja, ich würde sogar sagen, dass ich von der Intensität des Arbeitens über
meine Grenzen hinausgegangen bin. Aber das gehört wohl dazu. Diese Grenzen
muss man einfach austesten und kennenlernen, wenn man ein guter
Schriftsteller sein will. Bei aller Pragmatik war ich doch manchmal davon
überrascht, wie unkontrollierbar und unerwartbar intensiv das eigene
Arbeiten ist. Ich will die ganze spirituelle Musenkuss-Geschichte nicht
kleinreden, denn bei allen Ritualen, bei aller Pragmatik, mit der ich an
den Beruf und den Roman herangetreten bin, beim strikten Ritualisieren des
eigenen Arbeitsalltags wurde ich doch ganz schön davon umgehauen, dass man
nachts von einzelnen Sätzen träumt oder dass man plötzlich fünf Wochen
lang 14 Stunden am Tag ohne Wochenende durcharbeitet.
Hast du mal versucht zu ergründen, woher dein Schreiben kommt oder
fragst du dich das nicht?
Ich würde dem gern mal auf den Grund gehen. Vor etwa einem Jahr hatte ich
in meiner Heimatstadt Hagen eine Lesung, zu der meine alte
Grundschullehrerin kam, und sie brachte eine Kopie eines Zeugnisses mit.
In der vierten Klasse gab es zu den Noten auch noch Beurteilungen und da
stand bei mir: „Thomas verhält sich gut zu den anderen Kindern, beim Lesen
und Schreiben hat er keine Probleme“ und außerdem: „Thomas neigt dazu,
manchmal fast poetisch abzuschweifen“ (lacht). In der vierten Klasse! Und
da habe ich gedacht: Meine Güte, das Schreiben ist also etwas, dass ich
nicht bewusst entwickelt habe, sondern anscheinend hat mich das schon
damals umgetrieben.
Aber woher kommt das? Warum entwirft ein bestimmter Teil der
Menschheit, ein sehr kleiner Teil der Menschheit mit einer gewissen
Unbedingtheit dieses Bild von sich selbst.
Vielleicht habe ich das von meiner Mutter geerbt, meine Mutter hat ein
unglaubliches Talent zum rührenden Wort, sie hat nie geschrieben, aber sie
ist sehr melancholisch. Sie konnte Gefühle immer gut in Worte fassen. Ich
will nicht sagen, dass ich dieses Talent geerbt habe, aber diese
Melancholie oder diese Nostalgie den Dingen und Erinnerungen gegenüber,
alten Geschichten, ich würde fast sagen, dass es daher kommt.
Schreiben als Festhalten am Leben?
Ja, die alten Dinge zu erhalten, zurückzublicken. Meine Großmutter ist
auch so, das ist eine Grundhaltung, gepaart mit einem Hang, wie soll ich
sagen, Blödsinn zu machen und komische Sachen zu erfinden, das hatte ich
auch schon immer, wie mir diese Grundschullehrerin schwarz auf weiß
gezeigt hat. Trotzdem ist das nicht der alleinige Grund, warum man sich
als Zwölfjähriger hinsetzt oder warum man ein Romanprojekt beginnt. Aber
es hat schon mit dieser Trauer zu tun, dass Dinge vorbeiziehen und
verschwinden, dass die Zeit vergeht. Anschreiben gegen das Vergessen.
Vielleicht macht die Moderne aus ein paar von uns praktizierende
Nostalgiker. Und ein paar davon schreiben dann, um das Verschwindende zu
erhalten und irgendwie etwas von Dauer zu schaffen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Fotos: Juliane Henrich |
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