André Hille

 
 

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»Das Feuilleton hat keinen Einfluss mehr.«

 

In Deutschland erscheinen über 90.000 neue Bücher pro Jahr. Renate Sälter, Professorin für Buchhandelswirtschaft an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig, wirft einen radikal wirtschaftlichen Blick auf den Buchmarkt.

Gibt es Ihrer Meinung nach eine Überproduktion auf dem deutschsprachigen Buchmarkt?
Woran misst man das? Wem ist das zuviel? Dem Leser, der Presse? Das ist im Buchmarkt nicht anders als in anderen Märkten. Es gibt immer eine Überproduktion. Die Frage in einer Markwirtschaft ist immer: Wer holt den Kunden das Geld, die Kaufkraft aus der Tasche? Wer das Geld haben will, muss mehr produzieren als andere, besser und billiger. Das ist eine ganz normale Marktstrategie. Dass die Nachfrage größer war als das Angebot, war zuletzt in der Nachkriegszeit so, und die wollen wir ja nun wirklich nicht mehr. Jeder Markt ist heute gesättigt, ob für Autos oder Schrauben, man sollte das nicht so wertend sehen.

Also ist das Buch längst Ware?
Ja, seitdem es die Marktwirtschaft gibt, war es nie etwas anderes. Die ganze Diskussion um das Kulturgut ist überflüssig. Ware definiert sich dadurch, dass man sie zum Verkauf produziert. Wir produzieren auch Lebensmittel zum Verkauf. Wieso soll das bei Büchern etwas Schlimmes sein? Die meisten Verlage fragen nicht: Was ist ein gutes Buch?, sondern: Was ist ein gut verkäufliches Buch?

Was ist mit dem Argument der Vielfalt?
Brauchen wir soviel Vielfalt? Findet man die guten Bücher noch? Es ist Quatsch, dass große Verlage schlechte und kleine gute Bücher machen. Große Verlage machen genauso gute Bücher wie kleine schlechte.

Welche Rolle spielt die Presse?
Journalisten haben oft ein Herz für die Kleinen. Abgesehen davon hat nach meiner Einschätzung das Feuilleton kaum noch einen Einfluss auf die Kaufentscheidung. Das Feuilleton hat die Aufgabe, innerliterarische Bewegung zu dokumentieren. Selbst wenn also der zehnte langweilige Grass kommt, muss er besprochen werden. Eine Ausnahme ist Elke Heidenreich. Die sortiert nach Geschmack. Aber die meisten Bücher werden ohnehin durch Freunde empfohlen.

Wird es irgendwann eine Marktbereinigung geben?
Die gibt es laufend und andauernd. In einer Marktwirtschaft werden die Großen immer größer. Bestimmte Nischen werden unprofitabel und dann wieder von den Kleinen besetzt. Es gibt natürlich unschöne Randerscheinungen, wenn ein Lektor eines großen Verlages die Nische entdeckt, diese quersubventioniert und somit den Kleinen die Butter vom Brot nimmt.

Die Buchpreisbindung schützt diesen Markt.
Sie schützt ihn nicht, sie dämpft die Konkurrenz. Darüber ist Bertelsmann, trotz der noch immer großen Zahl der Unternehmen, ja zum Global Player geworden. Der Strukturwandel geht langsamer vor sich, aber aufzuhalten ist er deswegen nicht. Die Branche schafft darüber hinaus mit ihrer Preispolitik lauter Argumente für die Kartellbehörden, die Buchpreisbindung in Frage zu stellen.

 

 


© André Hille 2008