|
|
»Das Feuilleton hat
keinen Einfluss mehr.«
In Deutschland erscheinen über
90.000 neue Bücher pro Jahr. Renate Sälter, Professorin für
Buchhandelswirtschaft an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur
in Leipzig, wirft einen radikal wirtschaftlichen Blick auf den Buchmarkt.
Gibt es Ihrer Meinung nach eine Überproduktion auf dem
deutschsprachigen Buchmarkt?
Woran misst man das? Wem ist das zuviel? Dem Leser, der Presse? Das ist im
Buchmarkt nicht anders als in anderen Märkten. Es gibt immer eine
Überproduktion. Die Frage in einer Markwirtschaft ist immer: Wer holt den
Kunden das Geld, die Kaufkraft aus der Tasche? Wer das Geld haben will,
muss mehr produzieren als andere, besser und billiger. Das ist eine ganz
normale Marktstrategie. Dass die Nachfrage größer war als das Angebot, war
zuletzt in der Nachkriegszeit so, und die wollen wir ja nun wirklich nicht
mehr. Jeder Markt ist heute gesättigt, ob für Autos oder Schrauben, man
sollte das nicht so wertend sehen.
Also ist das Buch längst Ware?
Ja, seitdem es die Marktwirtschaft gibt, war es nie etwas anderes. Die
ganze Diskussion um das Kulturgut ist überflüssig. Ware definiert sich
dadurch, dass man sie zum Verkauf produziert. Wir produzieren auch
Lebensmittel zum Verkauf. Wieso soll das bei Büchern etwas Schlimmes sein?
Die meisten Verlage fragen nicht: Was ist ein gutes Buch?, sondern: Was
ist ein gut verkäufliches Buch?
Was ist mit dem Argument der Vielfalt?
Brauchen wir soviel Vielfalt? Findet man die guten Bücher noch? Es ist
Quatsch, dass große Verlage schlechte und kleine gute Bücher machen. Große
Verlage machen genauso gute Bücher wie kleine schlechte.
Welche Rolle spielt die Presse?
Journalisten haben oft ein Herz für die Kleinen. Abgesehen davon hat nach
meiner Einschätzung das Feuilleton kaum noch einen Einfluss auf die
Kaufentscheidung. Das Feuilleton hat die Aufgabe, innerliterarische
Bewegung zu dokumentieren. Selbst wenn also der zehnte langweilige Grass
kommt, muss er besprochen werden. Eine Ausnahme ist Elke Heidenreich. Die
sortiert nach Geschmack. Aber die meisten Bücher werden ohnehin durch
Freunde empfohlen.
Wird es irgendwann eine Marktbereinigung geben?
Die gibt es laufend und andauernd. In einer Marktwirtschaft werden die
Großen immer größer. Bestimmte Nischen werden unprofitabel und dann wieder
von den Kleinen besetzt. Es gibt natürlich unschöne Randerscheinungen,
wenn ein Lektor eines großen Verlages die Nische entdeckt, diese
quersubventioniert und somit den Kleinen die Butter vom Brot nimmt.
Die Buchpreisbindung schützt diesen Markt.
Sie schützt ihn nicht, sie dämpft die Konkurrenz. Darüber ist Bertelsmann,
trotz der noch immer großen Zahl der Unternehmen, ja zum Global Player
geworden. Der Strukturwandel geht langsamer vor sich, aber aufzuhalten ist
er deswegen nicht. Die Branche schafft darüber hinaus mit ihrer
Preispolitik lauter Argumente für die Kartellbehörden, die
Buchpreisbindung in Frage zu stellen.
|
|