André Hille

 
 

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Selbsterklärende Bücher

 

Der Buchmarkt dreht sich immer schneller. Alle sechs Wochen müsse in den Buchhandlungen neue Ware liegen, sagt Tom Erben, einer der Geschäftsführer der Aufbau Verlagsgruppe. Die Konsequenz für Verlage: Titelreduktion.

 

Gibt es eine Überproduktion auf dem deutschsprachigen Buchmarkt?
Ich glaube, es gibt sie. Diese Antwort ist aber zu kurz gegriffen. Wir bewegen uns im Buchhandel dahin, dass unsere Branche genauso geführt wird wie ein Bekleidungsgeschäft. Die Marktanteile der großen Ketten steigen, das mittlere und kleinere Sortiment hat es sehr schwer. Der Kunde, der in den Laden geht, möchte ein attraktives und verführerisches Angebot haben. Egal ob er in eine Thaliafiliale oder in eine kleine, literarische Buchhandlung geht: Er erwartet, dass dort alle vier bis sechs Wochen interessante neue Ware liegt. Deshalb würde ich das häufig benutzte und negativ konnotierte Wort „Novitätenflut“ nicht so stehen lassen wollen, sondern eher sagen, dass Kundenwünsche und Handelsstruktur sich rapide ändern. Deswegen verlagert sich das Geschäft mit Büchern zum ganz großen Teil auf Novitäten.

Ist das gefährlich für die Verlage?
Die Gefahr darin besteht, dass in dem Maße, wie sich das Geschäft auf die aktuellen Titel reduziert, die älteren oder kleineren Titel gar nicht mehr beachtet werden. Wir produzieren im Jahr 350 bis 400 Titel, davon liegen bestenfalls zwanzig auf den Tischen der Buchhandlungen. Das sind unsere Spitzentitel, Polina Daschkowa, Robert Schneider, Fred Vargas, diese Titel müssen sich verkaufen. Die Titel in der zweiten und dritten Reihe müssen selbsterklärende Bücher sein und funktionieren, ohne dass wir viel dafür tun. Diese Titel aus der zweiten und dritten Reihe haben es sehr viel schwerer als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Es wird immer so bleiben, dass ein Kunde in den Laden geht und auch abseits der großen Titel sagt: Ich möchte ein bestimmtes Buch. Mittlerweile ist es aber leider sehr viel einfacher für ihn, sich dieses Buch im Internet zu bestellen.

Ist eine Art Selbstbeschränkung der Verlage ein utopischer Gedanke?
Wir haben, und das ist auch eine Reaktion auf die Marktentwicklung, die Titelanzahl in den letzten Jahren um 20 Prozent reduziert und trotzdem 20 Prozent mehr Umsatz gemacht, insofern ist das schon ein Anfang. Aber das hängt auch von der Marktposition ab. Bertelsmann wird nicht ohne Not Terrain abgeben.

 

 


© André Hille 2008