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»Ich werde
schreibend autobiografisch«
Das Leben in der Provinz ist das eigentliche Thema von
Hans-Ulrich Treichel,
Suhrkamp-Autor und Professor am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Der
Schriftsteller über sein
neues Buch "Der Papst, den ich gekannt habe", Institutsliteratur und
die Angst der Schriftsteller vor dem wirklichen Leben.

Westfalen ist seine Heimat. Und sein
Schicksal. In fast allen seinen Büchern spielt diese Region eine Rolle.
Geboren wurde er 1952 in Versmold, 1972 zog er nach Berlin. Zunächst
machte er sich als Lyriker einen Namen und gewann 1985 den
Leonce-und-Lena-Preis beim Darmstädter Literarischen März. Es folgten
mehrere Lyrikbände, zuletzt "Südraum Leipzig" im Frühjahr 2007. Spät erst
kam er zur Prosa. Seinen Durchbruch erzielte er mit dem 1998 erschienenen
Roman "Der Verlorene", in dem er die späten Nachwirkungen der Vertreibung
in seiner eigenen Familie registriert, ein Thema, das er in dem Folgeroman
"Menschenflug" wieder aufgreift. Seit 1995 ist er Professor am Deutschen
Literaturinstitut Leipzig. Im September erscheint sein neues Buch "Der
Papst, den ich gekannt habe".
Jetzt beginnen bald die Semesterferien.
Verbringen Sie sie schreibend?
Ja, im Prinzip schon, das ist ja die
einzige Zeit, die zum Schreiben bleibt. Während des Semesters ist es sehr
schwierig. Man muss Gutachten erstellen, Seminare geben und insofern sind
die Semesterferien wichtig.
Im August nehmen Sie Ihren Jahresurlaub. Wohin geht es? Nach Italien?
(Lacht). Nein, für eine Recherche in die Ukraine. Da werde ich mit meiner
Frau hinreisen. Ich versuche den wolhynischen Geburtstort meines Vaters zu
finden.
Also doch nach Bryszcze aus "Menschenflug"?
Ja, genau. Ich arbeite an einer Art Epilog zu dieser Geschichte.
Normalerweise beschreibt ja die Kunst das Leben, aber ich ahme jetzt den
Roman nach und reise meinem Helden hinterher, nur dass meine Frau und ich
noch einen kleinen Umweg über Lemberg machen.
Ihr neues Buch Der Papst, den ich gekannt habe ist eine Art
Flanieren durch die Welt und die Erinnerungen der Hauptfigur. Die
unvermeidliche Frage: Wie viel davon ist autobiografisch?
Alles. Hundertzehn Prozent. Ich habe mir vorgenommen, auf diese Frage
jetzt immer mit „Alles“ zu antworten, um den Frager ein wenig zu
irritieren.
Sie evozieren das aber auch mit Ihrer Art zu schreiben, Ihren starken
autobiografischen Bezügen.
Das stimmt. Es ist immer ein Spiel mit autobiografischen Erfahrungen, ein
Spiel damit, mich selbst hereinzulegen, mich in die Irre zu führen.
Manchmal sind die scheinbar erfundenen Sachen gerade die, die echt sind.
Und umgekehrt.
Warum spielt die Vergangenheit eine solch große Rolle in Ihren Büchern?
Weil sie nicht vergangen ist, das ist der Punkt. Ich arbeite mich
anscheinend unendlich daran ab, um die Gegenwart auszuhalten. Ich kann das
gar nicht genau sagen, weil ich das noch nicht analysiert habe, obwohl ich
natürlich schon darüber nachdenke. Ich glaube, da haben meine Kindheit und
die Erfahrungen, die meine Eltern gemacht haben, Welteinstellungen gesetzt
und Persönlichkeitseigenschaften präfiguriert, und das wirkt natürlich in
der Gegenwart weiter. Meine Gegenwart ist eine Verlängerung vergangener
Erfahrungen.
Schreiben Sie aus der Erinnerung heraus oder haben Sie sich schon
damals Notizen gemacht?
Ich mache mir fast nie Notizen. In meiner Initiationszeit als
Schriftsteller, habe ich mir Notizbücher gekauft, tue es auch jetzt noch,
schwarze schöne, neue Notizbücher, in die ich dann nichts schreibe.
Wie machen Sie das dann? Schauen Sie sich in Ihrer Erinnerung um? Sie
schreiben ja sehr detailliert, sehr genau.
Das hängt vielleicht mit dem literarischen Verhältnis zur Welt zusammen.
Vielleicht ist das ja auch der Grund, weshalb man schreibt, um diese
vielen Details in eine lineare Ordnung zu bringen. Vielleicht ist es eine
Schläfenlappenüberfunktion (lacht). Für mich ist das kein Problem, ich
brauche eigentlich nichts zum Schreiben. Ich rufe das alles ab
beziehungsweise: Es ist irgendwie da. Gerade die kleinen, scheinbar
nebensächlichen Dinge haben eine große Präsenz.
Aber wird Erinnerung nicht im Rückblick fiktionalisiert, also erzählen
Sie sich selbst eine Geschichte über sich?
Nein, ich glaube, ich suche nach der Wahrheit über mich, nach der wahren
Geschichte. Es ist also eher umgekehrt. Landläufig denkt man ja immer, es
gibt die Wirklichkeit der Erfahrung und dann gibt es die Erfindung oder
die konstruierte Erinnerung. Ich zweifle an der Wirklichkeit der
Erfahrung, an dem Authentizitätsstatus des Subjekts. Ich bin mir nicht so
sicher, wie echt meine Erfahrungen sind. Das heißt, ich bekomme erst ein
biografisches Kontinuitäts- und Substanzgefühl, wenn ich etwas zu meinem
empirischen Leben hinzu erfinde. Ich werde erst schreibend
autobiografisch.
Aber wie passt dann da der Humor rein?
(Lacht) Das weiß ich auch nicht. Ich kann doch nicht dauernd in Tränen
ausbrechen. Was man eigentlich sollte.
Aber Ihr neues Buch ist ja auch stark auf Pointen hin erzählt, deshalb
kann es ja auch als fiktionalisierte Biografie verstanden werden.
Ja, bei dem Papstbuch ist es relativ deutlich, weil das Verlieren ständig
umgedeutet wird in Erfolgserlebnisse, und diese Methode führt dann zu
einer gewissen Fallhöhe.
Sie habilitierten sich über Auslöschungsverfahren beziehungsweise das
Vergessen in der Literatur, dabei ist das Erinnern, also das Bewahren Ihr
großes Thema. Wie erklären Sie sich diesen Kontrast?
Ich glaube, dass ich da wirklich einen Kindheitsschaden habe. Meine Eltern
waren durch die Erfahrungen der Flucht und den Verlust des erstgeborenen
Kindes überfordert. Traumatisierungen erklärt man ja auch aus einem Zuviel
an Erfahrung, aus Überforderung durch Erfahrung. Das war dauernd zu
spüren, aber es wurde nicht erzählt. Vielleicht hole ich das nach. Es
existierte eine riesige Last an überfordernder Erfahrung und zugleich war
da aber auch eine Art Leerraum, diese bedrängende provinzielle
Sonntagsstille am Küchentisch. Dieser Leerraum ist in der Realität nie zu
füllen gewesen. Durch Lesen auch nicht. Das war ein unendliches
Wiederholen von Lektüre, führte aber zu nichts, sondern immer nur zum
Weiterlesen. Am Ende schloss sich das Schreiben an, das führt mittlerweile
zu Büchern, aber eine echte Kompensation ist auch das nicht, eher
prothetisch.
Immer wieder ist auch die Suche nach Wurzeln ein zentrales Motiv für
Sie, auch in Ihren Gedichten. Westfalen taucht da oft auf, Berlin ist ein
wichtiger Ort. Was bedeutet das für Sie: Wurzeln haben?
Schwierig. Ich habe immer sehr stark gespürt, dass ich zu dem Ort, in dem
ich geboren wurde, nicht diese selbstverständliche Herkunftsbeziehung habe
wie andere, die dort geboren worden sind. Schon meine Brüder haben eine
andere Beziehung dazu. Ich habe mich eher zufällig dort abgeworfen
gefühlt. Mir ist die Gegend immer fremd geblieben, das war schon mein
Kindheitsgefühl. Warum bin ich hier, ausgerechnet hier? Die Frage hat sich
mir relativ früh gestellt, aber das hat nicht zu anderen, richtigen
Heimaten geführt hat. Eher zu Wahlheimaten. Ich habe die Heimatlosigkeit
meiner Eltern geerbt.

Es ist auffällig, dass Sie sich dann ausgerechnet Westberlin suchten,
ein umschlossenes Areal, dann aber auch oft in die Welt ausschwärmten.
Genau. Westberlin war, glaube ich, für viele, die aus der westdeutschen
Provinz kamen, für deren ummauerte Provinzpsyche, der richtige Ort. Es war
wiederum eine Insel, man kam nicht raus, man fühlte sich aber doch am
Nabel der Welt, an der Nahtstelle West und Ost und der großen Konflikte,
man konnte sich einbilden, kein Provinzler mehr zu sein. Dann gab es auch
eine Dramatisierung des Lebens, man musste seinen Pass vorzeigen, durfte
nicht über die Mauer. Das hat die Spannung des Alltags erhöht. Und daraus
sind ja dann auch zum Teil die provinziellen Biotope geworden, die
berühmten schwäbischen Studenten in Kreuzberg. Lange Zeit funktionierte
das für viele ganz gut, dieses ummauerte Inseldasein mit den
entsprechenden alternativen Lebensentwürfen.
Vermissen Sie das manchmal?
Ach ja, manchmal schon. Das war eng und es kochte alles ein bisschen hoch,
das war schon eine besondere Situation. Ich habe da gern gelebt. Auch das
intellektuelle Leben hat mir gut gefallen. Nur war es natürlich eine
Illusion und man kann jetzt auch nicht wegen seines eigenen Lebensgefühls
die Mauer wieder errichten.
Ein weiteres wichtiges Motiv, insbesondere in "Der Verlorene",
ist die Schuld. Ist Schuld zwangsläufig an Religion gebunden?
Nein, eigentlich nicht. Wobei ich ja religiös erzogen bin, wenn auch nicht
theologisch, aber doch durch gläubige Eltern. Und da war eigentlich die
Schuldbotschaft die Hauptbotschaft. Nicht so sehr die Erlösung wurde einem
da versprochen, sondern immer wieder eingehämmert: Du bist Schuld, du hast
Schuld, du musst Buße tun, du bist ein kleiner armer Sünder. Und ich habe
das sofort geglaubt. Das ist aber auch zum Teil wiederum vermittelt durch
den nie ausgesprochenen, aber spürbaren Schuldkomplex meiner Eltern, dass
sie ihr Kind auf der Flucht zurückgelassen haben. Ich habe das nur in dem
Mikrokosmos meiner Familie wahrgenommen, aber natürlich ist das immer auch
ein Symptom der großen Schuld der Deutschen, der Täternation. Auf dieser
konkreten Familienerfahrung sitzt sozusagen das Nationentrauma auf, die
Schuld der Deutschen am Holocaust.
Die ja heute noch zu spüren ist.
Ja. Und das geht nicht weg. Man reflektiert das nicht im großen Maßstab,
sondern nur im kleinen, aber ich kann mir vorstellen, dass da doch eine
starke Verzahnung stattgefunden hat, nicht zuletzt auch bezüglich der
Unfähigkeit vieler Deutscher, die eigenen Leiderfahrungen zu thematisieren
und aufzuarbeiten. Sie haben sich das mit einem gewissen Recht nicht
gestattet, nachdem insgesamt so viel Leid verursacht wurde.
Ein amerikanischer Autor sagte einmal: Ich finde meine Themen nicht,
sondern sie finden mich. Werden Sie von Ihren Themen gefunden?
Bisher war es eigentlich so. Ich habe mir nie überlegen müssen: Was mache
ich als nächstes. Das hängt aber vielleicht mit der Verzahnung von
Literatur und Leben zusammen, eines ergibt sich aus dem anderen. Wenn ich
im letzten Drittel eines Buches bin, ist das nächste immer schon da.
Hoffentlich hört das nicht auf (lacht), dann muss ich mir was einfallen
lassen. Ich finde es schrecklich, wenn man sich was einfallen lassen muss,
wenn man also den Schreibimpuls hat, aber keinen Stoff. Das kenne ich von
meinen ersten Anfängen als Autor, wo ich noch Zensurblockaden hatte, das
ist ein sehr unangenehmes Gefühl.
Ihre Lyrik ist sehr erzählerisch, Ihre Prosa sehr melodiös. Wo verorten
Sie sich zwischen diesen beiden Textgattungen?
Mich interessierte schon immer, etwas zu erzählen, auch in einem Gedicht,
auch da eine Erfahrung oder eine kleine Geschichte auszuformulieren und
nicht nur einen Sinneseindruck oder mit Sprache zu spielen. Insofern bin
ich in diesem Punkt wahrscheinlich ziemlich altmodisch narrativ.
Liegt nicht der Unterschied darin, dass in der Lyrik Sprache das
Material in der Prosa aber nur das Medium der Kunst ist?
Das ist eigentlich nicht meine Erfahrung, denn die Prosa ist ja immer
stark aus einer Perspektive erzählt und hat auch Sprechcharakter, so wie
ein inneres Sprechen einer Figur. Für mich ist das Entscheidende, den Ton
zu finden und das Tempo, einen bestimmten Rhythmus des Erzählens.
Obwohl Sie das Augenmerk der Leser stark auf Ihre Biografie lenken, hat
man trotzdem das Gefühl, Sie nicht zu kennen. Es bleibt immer etwas
Ungreifbares.
Das kommt durch die Ironie, die Art der Verstellung. Man sagt etwas, meint
aber etwas anderes, aber das Andere wird nicht gesagt. Die Ironie maskiert
etwas. Es gibt einen Roman von Yukio Mishima, Geständnis einer Maske,
und das finde ich eigentlich ein ganz schönes, paradoxes Bild für eine
literarische Offenheit, hinter der immer noch ein Rest an Ungesagtem
bleibt. Ich glaube aber, dass dieser Rest nicht so richtig aufzuklären
ist. Es ist ja nicht so, dass ich irgendwo das große Geheimnis hüte,
sondern es ist eher dieser Versuch, durch Erzählen von Erfahrungen,
manchmal vielleicht auch durch entblößendes oder bekenntnishaftes
Erzählen, zu sich selbst zu kommen. Aber je mehr man nach sich greift,
umso mehr tritt derjenige, nach dem man greift, zurück.
Wiederholt sich in Ihren Texten also das Motiv des Verschwindens aus
Der Verlorene, der auf den Fotos nie zu sehen ist?
Ich glaube schon, dass das eine Erfahrung ist, die darunter liegt. Ich
merke das, wenn ich Reisen mache, zuletzt, als ich in Polen war, im
Geburtstort meiner Mutter, um diesen Mythos für mich aufzuklären. Aber da
war eigentlich nichts. Eine Straße, ein Dutzend Häuser. Und ein ratloser
Besucher. Doch das Gefühl, da gewesen zu sein, war wichtig. Ich weiß auch
nicht warum, selbst wenn man nichts findet, man kann ja nichts finden,
wenn 50, 60 Jahre vergangen sind. Da sind irgendwann Polen in die Häuser
eingezogen und die haben da selbstverständlich keine Museumskultur der
ehemaligen deutschen Bewohner errichtet. Die Spuren sind ausgelöscht. Aber
dennoch leben diese Orte in der familiären Überlieferung weiter,
ausgesprochen oder unausgesprochen.
In Ihrem neuen Buch schreibt der Held auf einer Karte aus dem Urlaub,
er käme nicht zum Schreiben, weil es ihm so gut ginge. Schließen sich
Wohlbefinden und Schreiben oder gar Leben und Schreiben aus?
Allgemein kann ich das natürlich nicht sagen, denn Schreiben ist für mich
immer Herstellung einer inneren Balance, wenn ich es länger nicht tue,
geht diese Balance verloren, komme ich aus dem Gleichgewicht. Insofern ist
es eine Utopie zu sagen: Mir geht es so gut, dass ich nicht zum Schreiben
komme, weil dieser Zustand des Sich-ausbalanciert- Fühlens
nie lang genug andauert, um nicht doch wieder den Drang zum Schreiben zu
verspüren. Deswegen ist man wahrscheinlich Autor und nicht nur
Gelegenheitsschriftsteller, man muss diesen Zustand eigentlich dauernd
schreibend aufrecht erhalten. Ich versuche immer, auch wenn ich hier viel
zu tun habe und nicht richtig schreibe, irgendetwas Angefangenes parat zu
haben, um das Gefühl zu haben, ich arbeite an etwas, auch wenn es nur ein
kleiner Text ist.
Ist das Schreiben auch ein bisschen die Angst davor, wirklich zu leben?
Vielleicht schon. Die Frage ist nur: Was will man eigentlich, was wünscht
man eigentlich, wenn man sich wünscht, wirklich zu leben. Es ist
vielleicht auch die Angst, ins Banale abzustürzen, wovor einen das so
genannte wirkliche Leben ja eigentlich schützen soll.
In Amerika gilt der Plot sehr viel, in Frankreich wirkt noch immer der
Existentialismus nach. Gibt es ein typisch deutsches Schreiben?
Ich glaube nicht. Es gab Phasen, in denen das Experimentelle stärker im
Vordergrund stand. Es gibt ein Modell für das Erzählen insgesamt, den
Realismus des 19. Jahrhunderts, der Parameter gesetzt hat, die für
Literatur anscheinend für Jahrhunderte gelten. So wie eine Altbauwohnung
mit Stuck und Parkett trotz der Moderne von den meisten Leuten bevorzugt
wird, so bevorzugen die meisten Leute den realistisch erzählten Roman, der
aber auch nicht den großen Plot haben muss, das kann auch der
psychologisch erzählte Familienroman sein. Das ist ein Modell, das in der
amerikanischen Literatur aber auch in der europäischen immer eine wichtige
Rolle spielen wird. Sozusagen der erzähltechnische Mainstream.
Weil man sich in der Kunst wiedererkennen möchte?
Ich denke ja. Man möchte Varianten des eigenen Lebens erzählt bekommen.
Natürlich nicht das identische eigene, das würde einen auch langweilen,
aber es gibt aus irgendwelchen vielleicht auch anthropologischen Gründen
einen unendlichen Bedarf, Lebensgeschichten erzählt zu bekommen, sei es
über das Fernsehen, das Kino oder die Literatur, die sich nicht wahnsinnig
unterscheiden müssen. Es ist ja nicht so, dass man ständig das ganz Andere
erzählt bekommen möchte, die Riesenabenteuer, man will schon Dinge aus der
eigenen Lebenswirklichkeit mit leichter „Verrückung“ erzählt bekommen.
Das ist ja auch etwas ganz Archaisches. Früher saß man um ein
Lagerfeuer herum und jemand hat Erfahrungen gemacht und das kann man über
Geschichten erfahren, ohne selbst diese Erfahrung zu machen. Das ist der
große Vorteil von Literatur.
Das stimmt. Es ist relativ risikolos. Es befriedigt auch ein paar niedere
Instinkte, die Schlüssellochperspektive. Man geht mit den Leuten ins
eheliche Schlafzimmer und unter die Bettdecke, speziell auch bei den
Amerikanern, den klassisch Modernen sozusagen, wie Roth oder Updike. Da
werden alle kleinbürgerlichen Dinge ans Tageslicht geholt. Da müsste man
ja im wirklichen Leben kriminell oder ein Fall für die Psychiatrie werden,
um das zu beobachten.
Die schwören immer, seit 40 Jahren treu zu sein, aber schreiben über
nichts anderes, als über Affären, da muss man sich fragen, wie die das
machen.
(Lacht) Das stimmt. Das Grundprinzip ist der Ehebruch, Altern und
Ehebruch. Aber das machen sie sehr gut.
Hätten Sie sich selbst als jungen Autor am Deutschen Literaturinstitut
Leipzig genommen?
Das hängt von den Texten ab, die ich mir eingereicht hätte. Wenn ich zum
Beispiel, auch in schwächeren Texten, ein Gefühl für Rhythmus entdeckt
hätte, wäre das für mich ein Indiz für Begabung gewesen, auch wenn da noch
nichts Fertiges draus geworden wäre. Das wäre ein Kriterium gewesen, mich
aufzunehmen.
Sie haben ja selbst sehr spät mit Prosa angefangen, aber im Moment geht
die Tendenz am Institut ja eher zu jungen Leuten.
Wir haben überhaupt gar keine statistische Intention, jung, nicht so jung,
Männer, Frauen. Das ergibt sich immer so, bilden wir uns jedenfalls ein.
Wir stellen dann im Nachhinein fest: Aha, dieses Jahr sind es ja sehr
viele Frauen oder sehr viele junge Leute. Ich glaube aber, dass die
Mehrzahl der Bewerber, die wir nehmen, zwischen 23 und 27 sind und nicht
zwischen 19 und 22. Die Bewerbungen von den ganz Jungen haben oft noch
sehr privaten Charakter und man kann noch nicht erkennen, wie literarisch
das mal sein könnte oder auch nicht. Aber es gab immer auch mal sehr junge
Studierende, Franziska Gerstenberg oder Nora Bossong etwa, die waren dann
mit 22 oder 23 schon fertig mit dem Studium. In diesen Fällen war das
geradezu ideal, dass sie sehr früh ihre Begabung entwickelt und bald auch
schon publiziert und entsprechende Anerkennung gefunden haben. Es hängt
eben alles von der einzelnen Person ab.
In den 90ern gab es aber eine Generation, die zum Teil erst mit 30 oder
über 30 angefangen haben. Rücken Sie davon ab, weil man junge Menschen
besser formen kann?
Nein, wir haben da keinen Vorsatz, das ist reine Spekulation. Ich schaue
mir die Biografie bei den Bewerbungen zuerst meist gar nicht an. Ich lese
nur den Text, weil ich mir einen Eindruck verschaffen will, und wenn ich
dann merke, das interessiert mich, dann beschäftige ich mich auch mit den
biografischen Daten. Ich sehe das oft in unseren Besprechungen, wir
streiten uns über die Texte und deren Qualität und jemand sagt, guck doch
mal, wann ist der oder die eigentlich geboren? Das Alter spielt in unserer
Wahrnehmung nicht die besondere Rolle, aber der Anteil an jüngeren
Bewerbern insgesamt ist gestiegen und das kann natürlich mit der Zeit eine
Verschiebung bringen. Aber in Kategorien wie „formbar“ denken wir nicht.
Ein Negativkriterium könnte allerdings sein, wenn jemand schon ein halbes
Dutzend Bücher geschrieben hat und wir das Gefühl haben, der Bewerber
braucht kein Studium, sondern einen Lektor. Natürlich ist derjenige
begabt, aber er hat seinen Ton und seine Schreibweise bereits gefunden. Da
geht es dann eher darum, den Schritt in einen Verlag zu machen und nicht
ein Studium mit Prüfungen und Seminaren und den ganzen Verpflichtungen zu
absolvieren.
Meinen Sie, dass es die Autoren, die es mit dem DLL geschafft haben, auch
ohne das DLL geschafft hätten?
Ich würde mal sagen, wer es nicht ohne das DLL schafft, schafft es auch
nicht mit dem DLL. Man kann das jetzt nicht empirisch prüfen, denn wer
hier war, der war halt hier. Aber im Grunde kann das Studium am DLL nicht
darüber entscheiden, ob jemand sich zum Schriftsteller entwickelt oder
nicht. Wir wollen auch gar nicht so viel Macht über Biografien haben. Der
Anspruch ist ja, den Studierenden zu helfen, sie zu unterstützen und zu
begleiten, und nicht das Zünglein an der Waage zu sein für Lebensentwürfe.
Es kann natürlich sein, dass jemand in dieser konzentrierten Phase
schneller zu sich findet, als wenn man allein für sich herumprobiert und
die Auseinandersetzung viel defensiver führt. Das Studium hat sicher eine
Beschleunigerfunktion und die Entscheidung für oder gegen das Schreiben –
man merkt ja in den Seminaren, ob man Zuspruch bekommt oder nicht – fällt
schneller. Man kann hier nicht richtig ausweichen. Wenn man sich darauf
einlässt, dann muss man auch etwas liefern an Texten. Als junger Mensch,
der einen Schreibwunsch hat, neigt man ja dazu, von seinen Texten lieber
zu träumen, statt sie zu schreiben. Man ist dann oft genug ein
Schriftsteller, der nicht schreibt. Ich selbst war das auch jahrelang. Ich
habe lange vom Schreiben geträumt, bevor ich geschrieben habe, und auf dem
Plattenteller drehte sich dazu ein Lied von Franz-Josef Degenhardt mit dem
Refrain: „Irgendwann mach ich mal was, und dann komm ich ganz groß raus.“
Das geht am Institut natürlich nicht. Hier muss man die Karten, das heißt
die Texte, relativ schnell auf den Tisch legen, was sicher nicht immer
einfach ist. Die Diskussion der eigenen Texte beginnt für die Studierenden
gewissermaßen schon am ersten Tag des ersten Semesters.
Aber besteht hier nicht die Gefahr, dass durch das Gruppenlektorat die
Texte glatt gebügelt, geschliffen werden?
Ich hoffe nicht. Doch müssen das die Studierenden und auch die Texte
aushalten. Jeder muss für sich selbst am Ende entscheiden, was er mit den
Hinweisen, die er im Seminar bekommen hat, anfängt. Man kann natürlich die
eigenen stilistischen Entscheidungen nicht einer Mehrheitsmeinung opfern,
nach dem Motto: Ich schreib jetzt kurze Sätze, wenn alle meinen, die seien
zu lang. Aber so verfährt auch niemand. Man darf sich ja auch später nicht
von der Literaturkritik sagen lassen, wie man zu schreiben hat. Aber
darüber nachdenken darf man natürlich schon. In den Seminardiskussionen
ist es zudem nicht so, dass man immer einen Konsens findet. Es gibt dort
durchaus verschiedene Ansichten über die Eigenschaften oder Güte eines
Textes, was für den Einzelnen manchmal gar nicht so einfach ist. Ich frage
oft am Ende: Haben Sie, wenn sie jetzt nach Hause gehen, eine Orientierung
für die Überarbeitung? Und an der Stelle müssen die Einzelnen für sich
entscheiden, was sie annehmen, was ihren eigenen Intentionen entgegen
kommt, und den Rest gegebenenfalls ignorieren. Sonst funktioniert das
nicht.
Wie sinnvoll finden Sie die Eingliederung des DLL in die Universität.
Erzeugt das nicht eine Art wissenschaftlichen Anpassungsdruck, der der
Prosa schadet?
Ich finde es nachdrücklich positiv. Erst mal wäre das Institut zu klein,
um eine eigene Hochschule zu sein. Hinzu kommt, dass wir durch die
Universität strukturell und logistisch gestützt werden, das muss man ja
auch mal sehen. Und den Hochschulabschluss einer Universität zu haben, ist
natürlich für die Studierenden ebenfalls attraktiv. Es gibt keinen
Verwissenschaftlichungsdruck von Seiten der Uni, dort vertraut man uns,
dass wir schon die richtige Mischung finden. Es gibt natürlich einen
Druck, was Prüfungen und Studienordnungen usw. angeht, da müssen bestimmte
Bedingungen erfüllt werden. Das ist vielleicht nicht immer sehr
künstlerisch, so eine Prüfungsordnung. Aber jedes Studium braucht
Rahmenbedingungen. Und auch die freie Malerei an einer Kunsthochschule
kennt Prüfungsordnungen.
Warum klappt es nicht mit dem Masterstudiengang am DLL? Er wurde zum
zweiten Mal angekündigt und zum zweiten Mal verschoben.
Wir haben die Lehrkapazitäten nicht und ringen gerade, was in diesen
Zeiten nicht ganz einfach ist, um eine Stellenerweiterung, um den Master
zu realisieren. Das ist ein Problem, weil wir einerseits nicht so viele
Studenten haben wie die großen Fächer, aber gleichwohl gemäß der
Studienordnung das entsprechende Lehrangebot bereithalten müssen, das ein
eigener Studiengang erfordert. Personell reicht es im Moment gerade für
den Bachelor. Und da verhandeln wir jetzt und wollen den Master spätestens
2009 anbieten. So machen es auch andere Fächer. Dann hat nämlich die erste
Generation der Bachelorstudenten abgeschlossen. Ich hoffe sehr, dass das
gelingt.
Vielen Dank für das Gespräch.
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