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André Hille |
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Alles, was spannend ist, tut weh Er ist ein Weltenwanderer und holt die Welt in seine Bücher. 2006 gewann er den Preis der Leipziger Buchmesse. Ilija Trojanow über Migrationsliteratur, Heimat und die Schwierigkeiten der Integration.
Interview: André Hille, Hanna Braselmann
Mit „Döner in Walhalla“ haben Sie im Jahr 2000 eine der ersten Anthologien deutschsprachiger Literatur von Nicht-Muttersprachlern herausgegeben. Verstehen Sie sich als Anwalt dieses Zweiges der deutschen Literatur? Bei Anwalt denke ich zuerst an jemanden, der etwas verteidigen muss, und in diesem Sinne überhaupt nicht.
Wegbereiter trifft es auch nicht ganz, weil ich dazu zu spät komme. Die Literaten der Generation vor mir waren die Wegbereiter. Die sind zum Teil literarisch daran gescheitert, dass sie Wegbereiter sein mussten. Die nächste Generation, die, so wie ich, Mitte/Ende der 60er geboren ist, hatte es etwas einfacher. Ich bin höchstens Wegbereiter in dem Sinne, dass ich als Verleger und Herausgeber immer auch die Literaturvermittlung in den Vordergrund gestellt habe und bei dieser Gelegenheit gerne auf Autoren hinweise, die meiner Meinung nach nicht bekannt genug sind.
Sie beschreiben im Vorwort von „Döner in Walhalla“ die Schwierigkeit, einen treffenden Begriff für diese Art von Literatur zu finden. Stellt sich die Problematik heute noch oder ist die „Migrantenliteratur“ inzwischen in der deutschen Literatur so angekommen, dass man sie gar nicht mehr gesondert hervorheben muss? Schließlich werden ihre Vertreter längst mit etablierten deutschen Literaturpreisen ausgezeichnet. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Diese Literatur hat ja auch in England oder Frankreich einen bestimmten Genrebegriff, auch wenn die Autoren dort sehr viel früher als bei uns etabliert waren. Inzwischen ist es ja eher die Ausnahme, dass englische Engländer einen großen Preis gewinnen. Es ist eine Literatur, die einen eigenen Impetus und gewisse Gemeinsamkeiten hat. Ich glaube tatsächlich, dass diese Literatur mittlerweile angekommen ist und dass nirgendwo im deutschen Feuilleton noch jemand die Nase rümpft und sagt: Dieser oder jener Autor gehört nicht zur deutschen Literatur.
Die deutsche Sprache ist sehr zugänglich dafür. Und hier verläuft genau die Trennlinie zwischen der Wegbereitergeneration und uns. Die Wegbereitergeneration, das weiß ich aus persönlichen Gesprächen, hatte noch große Probleme. Da hat der Lektor noch behauptet: „Das sagt man bei uns nicht so.“ Die ersten Autoren waren natürlich eher einzuschüchtern. Wir sind viel selbstsicherer, weil wir viel mehr aus dem Innern des Betriebs schreiben und unsere Position haben. Ich habe mich nie rechtfertigen müssen.
Ihr Buch „Der Weltensammler“ trägt einen programmatischen Titel, er hat etwas nach vorne Gerichtetes, Zugreifendes, Aktives: Das Fremde wird sich anverwandelt. Das Motto Ihres Protagonisten Richard Francis Burton lautet: Dem Starken ist jeder Ort Heimat. Ist das ein Stück weit auch ihr eigenes Credo? Das ist ein Motto, über das es sich nachzudenken lohnt, wobei man das Wort ‚stark’ dann etwas ausführen müsste. Was bedeutet stark? Es bedeutet nicht Stärke im Sinne von „Die Kraft der Verwurzelung“, sondern im Sinne von Flexibilität. Es ist eine andere Art von Stärke, eine Stärke des Sich-Zurechtfindens. Früher hat man in der Kinderpsychologie behauptet, es würde Kinder verwirren, wenn sie mehrsprachig aufwachsen. Inzwischen sagt man das Gegenteil: Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, werden stärker, weil sie von früh auf lernen, in verschiedenen redesprachlichen Gedankensystemen zu agieren.
Erstens würde ich sagen, dass Heimat ein Plural ist. Heimat im Singular ist nur ein ideologisches Konstrukt. Bei allen Menschen, die ich kenne, besteht Heimat aus einer Vielzahl von Elementen, die teilweise aus der eigenen Konditionierung herrühren, teilweise selbst gewählt sind. Ich habe Freunde, die Yoga betreiben, Yoga ist Teil ihrer Heimat, ein ganz existentielles Moment ihres Lebens. Verlust und Aneignung bildet dabei die Grunddynamik. Das ist ein Prozess, der bei jedem Menschen stattfindet. Da hängt es nicht davon ab, wie viel man reist, sondern wie mental agil und neugierig man ist. Es gibt Menschen, die in ihrer Entwicklung stehen geblieben sind und andere, die immer wieder neu suchen, neu aufbrechen. Das muss ja nicht unbedingt mit Reisen verbunden sein, man kann auch in Leipzig sitzen und trotzdem immer wieder seine Überzeugungen, seine Referenzpunkte in Frage stellen. Aber es gibt keine Aneignung ohne Verlust.
Nicht nur, woher man kommt, sondern auch, wohin man gehen will, sei wichtig für ein Identitätsbewusstsein, haben Sie einmal geschrieben. Wie sehen Sie den Konflikt zwischen dem Bewahren des Alten und dem Aneignen des Neuen in der deutschen Integrationsdebatte? Das Problem der Integrationsdebatte liegt darin, dass immer eine Seite etwas ganz Bestimmtes verlangt. Auf der konservativen Ebene der Hergereisten ist das der Vektor, der nur in Richtung Bewahrung und Religion geht, auf konservativer deutscher Seite der Vektor, der nur in Richtung Anpassung geht. Aber der Prozess, den wir wirklich herbeiführen sollten, ist einer, in dem es verschiedene Vektoren gibt. Das ist bei jeder Beziehung so, es ist immer ein Miteinander, also eine Öffnung und die Bereitwilligkeit, sich selber zu verändern. Die amerikanische Gesellschaft, von der man oft als Beispiel spricht, ist eine Gesellschaft, die sich durch Einwanderung immer wieder erweitert. Interessanterweise ist es dort überhaupt keine Frage, dass es Partikularkulturen gibt. All diese Gruppen haben ihren eigenen Fernsehsender, wenn man sich durch das Programm zappt, stößt man auf einen koreanischen, vietnamesischen, chinesischen und zehn Hispanic-Sender. Es gibt ein ständiges kulturelles Flimmern, sei es in der Musik, sei es in der Literatur. Die so genannte Migrantenliteratur ist ja das beste Beispiel für gelungene Integration. In der Literatur funktioniert Integration immer als erstes, weil Sprache völlig unideologisch ist. Die deutsche Sprache sagt mir nicht: So musst du schreiben, sondern sie erlaubt mir, sie zu verändern. Es kann Integration nur so geben, wie sie in der Sprache verläuft, nämlich dass man mein Herkommen der Sprache anmerkt. Und ähnlich ist es auch in der Gesellschaft. Man muss der Fremde erlauben, dass sie die deutsche Gesellschaft verändert, sonst ist das ein Nebeneinander-Wohnen und kein tolerant-offenes Miteinander.
In Amerika akzeptiert man das Nebeneinander, in Deutschland spricht man sofort von Parallelgesellschaften. Es herrscht die Angst, etwas nicht unter Kontrolle zu haben. Wollen die Deutschen immer alles kontrollieren? Erstens existiert sicher dieser Hang zur Kontrolle und zweitens die Vorstellung, dass man zentral und von oben herab diese Sachen lösen kann. Das ist Unfug. Jede Begegnung ist ein Konflikt. Die Begegnung mit der Fremde tut immer weh. Aber alles, was im Leben spannend ist, tut weh. Die deutsche Gesellschaft hat so etwas Behaglich-Zaghaftes an sich und flippt gleich aus, wenn es um Integration geht. Konflikte sind gut. Zum Beispiel bei so etwas Banalem wie dem Kopftuch. Ich verstehe nicht, wieso man da immer gleich den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören muss. Das ist doch ein guter, spannender Konflikt, den muss man aushalten und hinterfragen, auf beiden Seiten. Ich nehme mir heraus, bei der moslemischen Frau zu hinterfragen, ob das Kopftuchgebot wirklich auf solidem Boden steht, denn meiner Ansicht nach tut es das nicht. Die Koranpassage, die das Tragen des Kopftuches vorschreibt, ist unglaublich vage. Es hängt sehr davon ab, wie man sie übersetzt und in der Übersetzung liegt dann die jeweilige Interpretation. Genauso nehme ich mir heraus, die westliche nationale oder säkulare Gesellschaft herauszufordern und zu fragen: Wieso nicht? Wenn ihr so viel von Toleranz redet, wieso habt ihr so ein großes Problem damit, wenn jemand sein Kopftuch trägt.
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| © André Hille 2008 |