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André Hille |
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»Schreiben ist eine glücklich machende Sucht« Vor kurzem wurde der Schweizer Autor Urs Widmer 70. Erst spät konnte er von seinem eigenen Schreiben leben. Auf die Frage, was er jungen Autoren mit auf den Weg geben würde, sagt er nur ein Wort: Demut.
Er verändert sich in den letzten Jahren sehr heftig durch die neuen Techniken. Den ersten großen Einschnitt habe ich tatsächlich im Jahr 68 erlebt. Vorher war zum Beispiel die Buchmesse eine Art Kameradschaftstreffen. Sämtliche Autoren waren tatsächlich da und man hat sie auch gesehen. Darüberhinaus waren die Verlage, anders als heute, Gastgeber für genau diese Art von Zusammenkünften. Und dann war die Messe auch eine wirkliche Buchhändlermesse – das ist sie heute nicht mehr. Sie ist ja kaum mehr eine Lizenzenmesse, sondern es ein quasireligiöses Ritual, das aber dennoch seinen Reiz behalten hat. Natürlich – meine erste Messe war 1964 – braucht sich das für einen Autor auch ein wenig ab. Ich gehe nur noch, um Sie zu treffen (lacht), und dann gehe ich wieder heim.
In einem Interview sagten Sie, sie konnten von Anfang an von Ihrem Schreiben leben. Ja, weil ich ein mutiger Mensch bin und buchstäblich alles gemacht habe, was machbar war. Ich hatte aber auch die Möglichkeit, zum Beispiel Rundfunkfeatures zu schreiben. Wenn damit gemeint sein sollte, dass ich von den Büchern leben konnte, kann davon keine Rede sein.
Das wäre die zweite Hälfte der Frage gewesen: Wie lange hätten Sie als Autor durchgehalten, wenn Sie keine Resonanz bekommen hätten? Wenn ich gar nicht wahrgenommen würde und nie jemand von mir etwas gewollt hätte, hätte ich sicher aufgehört, aber so war es nicht. Vom ersten Ton an hatte ich ein Minimum an Aufmerksamkeit. Aber, es geht ja nicht nur um kommerzielle Resonanz. Ich hatte bis vor nicht allzu vielen Jahren meine Bücher gar nicht in meinem Budget. Das Budget kam woanders her, von Lesungen oder Zeitungsarbeiten. Jetzt allerdings verkaufe ich auch ganz gut, also nehme ich das dankbar ins Budget auf.
Verträgt sich Ihrer Meinung nach eine normale Arbeit mit dem Schreiben? So habe ich nicht gearbeitet. Sonntagsschreiberei geht nicht. Sie müssen Schriftsteller sein. Und das war ich tatsächlich von Anfang an. Es ist im Gegenteil so, dass diese eben erwähnten Arbeiten am Sonntag stattfinden müssen. Und das geht, insbesondere, wenn man jung und kräftig ist und sich für unsterblich hält, was dann leider irgendwann mal aufhört. Ich war natürlich nie faul.
Wichtig ist also, dass man immer im Prozess des Schreibens drin bleibt? Ja, wenn Sie ein Buch schreiben, müssen Sie jeden Tag dran bleiben. Nulla dies sine linea, wie der Lateiner sagt. Natürlich sind Ausnahmen erlaubt.
„Schreiben ist das Ziel, nicht das Buch“, heißt der Titel des Buches, den der Diogenes-Verlag zu Ihrem 70. Geburtstag herausgebracht hat. Ist Schreiben tatsächlich das Ziel? Also spielt das Produkt keine Rolle? Natürlich geht es um das Buch, das ist ja das Ziel von allem. Aber Schreiben ist eine Sucht, eine glücklich machende Sucht. Ich kann mir eigentlich ein Leben ohne Schreiben nicht vorstellen. Und darum sind die Wochen, in denen man ein Buch fertig hat, weil es sich nicht vermeiden ließ, insofern schwierig, als man dann dieser Wirklichkeit hilflos ausgeliefert ist, weil man nicht mehr die Alternative hat, im Kopf herumzuschweben.
Viele Autoren scheuen ja den Arbeitsprozess, lieben aber am Ende das Produkt. Das könnte ich gar nicht sagen. Ich halte das auch für ein Klischee oder für ein Missverständnis unter den Autoren. Kafka wird ja oft als Beispiel für jammernde Autoren zitiert. Aber das stimmt natürlich nicht. Er hat sich beklagt, wenn er nicht schrieb, wenn er schrieb, dann flog seine Hand nur so über das Papier. Und Kafka war glücklich, Sie können sich darauf verlassen. Das Schreiben ist nicht das Problem, das Nichtschreiben ist das Problem.
Fontane wurde erst nahezu im Rentenalter zum Autor, viele leuchten früh und verblassen dann. Sie haben eine große Konstanz in Ihrem Schreiben. Welche Jahre oder Jahrzehnte waren oder sind bei Ihnen die besten bzw. die besten gewesen? Ich würde sagen, so ab 2008 (lacht).
Sie waren mittendrin in der 68-er-Debatte, sehen Sie die heutigen Zeiten dagegen als unpolitisch an? Und wenn ja: Wünschen Sie sich heute diese politischen Zeiten zurück? Nicht, dass ich mir ein 68, so wie es war, noch einmal genauso wünschte. Geschichte wiederholt sich ja nicht. Aber in der Tat staune ich manchmal über eine gewisse politische Lethargie angesichts dieser wirklich umsturzartigen Dinge, die wir gerade jetzt aktuell in der Finanzwelt erleben. Ich verstehe nicht ganz, wie gelassen die Menschen da reagieren. Ich glaube, dass wir jetzt wirklich das Ende des Römischen Reiches erleben, aber ich werde nicht alt genug werden, um die Folgen davon zu spüren. Auf der anderen Seite ist 68, mit der Revolution, die eben nicht stattfand, eigentlich so glücklich verlaufen, wie es nur konnte. Es wurde ungeheuer viel in die Gesellschaft aufgenommen, sodass man eigentlich von einem fantastischen Erfolg dieser Gedanken von 68 reden kann. Denn vorher, daran erinnere ich mich noch ganz genau, war die Zeit tatsächlich dumpfer.
Eine Revolution zu einem insgesamt relativ niedrigen Preis … Ja, 68 wird ja oft als eine Art Niederlage dargestellt – entweder jammern die 68-er selber, oder es triumphieren die Rechten von damals, die die Rechten von heute sind. Das entspricht aber nicht der Wahrheit. Der Feminismus ist natürlich nicht von 68 erfunden worden, aber die Frauen, um nur ein Beispiel zu erwähnen, haben ungeheuer profitiert, so profitiert, dass sich die ganz Jungen heute wieder über den Feminismus lustig machen können.
In einem Interview sagten Sie einmal: „Glück macht nicht nur glücklich, sondern auch ein bisschen dumm.“ Waren und sind Sie in Ihrem Leben glücklich? Naja, ich habe natürlich mein Leben damit verbracht, diesen schönen Zustand erreichen zu wollen, und zweifellos ist es mir momentweise auch gelungen. Aber Sie wissen natürlich, dass das ein Klischee ist, das Leben besteht aus viel Leid, und das lässt sich auch nicht vermeiden. Aber gäbe es den wirklich glücklichen Menschen, hätte er keine Reizthemen und keine Bedürfnisse größerer Art, und das macht natürlich dumm. So macht Leiden zuweilen intelligent, aber es ist kein wünschenswerter Zustand.
Vielleicht auch eine Klischeefrage: Muss man leiden als Schriftsteller, um Themen zu haben? Man muss nicht leiden, man hat gelitten. Ich glaube, alle großen Kunstwerke sind in Schönheit verwandeltes Leid. Aber im Buch schmerzt der Schmerz nicht mehr, sondern er hat sich verwandelt.
Bücher erscheinen in der Regel in einer Auflage von einigen tausend, manchmal zehntausend. Angesichts des Fernsehens, mit Einschaltquoten von Millionen am Abend: Welche Relevanz messen Sie der Literatur im Allgemeinen zu? Dem liegt ein Missverständnis zugrunde. Goethe hatte auch nur eine 500er Auflage, ist aber trotzdem präsent gewesen. Keiner von uns rivalisiert mit dem Fernsehen. Das ist ein anderes Medium mit anderen Zielen, die sollen ihre Arbeit machen. Ab Mitternacht zappe ich da auch herum (lacht) und schaue mir Fußball an. Das ist auch völlig in Ordnung. Im Gegenteil, ich glaube, es ist nie soviel gelesen worden wie jetzt.
Sie gelten als einer der wichtigsten Gegenwartsautoren der Schweiz, auch als Individualist. Die heutige (Autoren-)Welt ist aber sehr durch den Netzwerkgedanken geprägt. Man blogt, verlinkt sich untereinander, gründet gar Autorenbüros. Hat sich das Autordasein geändert? Ich weiß nicht. Das ist nicht mein Ding. Aber unvernetzt waren und sind wir auf unsere Weise auch nicht. Ich bin immer Mitglied in Gruppen gewesen. Einsam geht man ein. Eine Kultur braucht viele, dann ist der Einzelne auch gut. Die Jungen sind insofern für mich ein Problem, dass ich mich wirklich darüber gefreut habe, dass nun eine ganze Generation endlich ihre Väter und Großväter umbringen will, inklusive mir, das ist ein notwendiger und schöner Prozess – aber ich kenne sie nicht mehr! Ich hatte mir früher eingebildet, ich lerne sie dann kennen, das ist aber nicht so. Jeder ist mit seiner eigenen Generation beschäftigt. Und die Jungen – das ist wie auf dem Erotikmarkt (lacht) – man schaut gar nicht mehr hin.
Sie kommen also gar nicht mehr dazu, die Jungen zu rezipieren? Ich weiß nicht, wen ich lesen soll. Also schieße ich mit meiner Schrotflinte in den Bücherhimmel, es fällt irgendein Junger herunter und den lese ich dann. Und der ist entweder gut oder nicht gut. Aber es ist völlig zufällig. Als ich Lektor für zeitgenössische Literatur bei Suhrkamp war, wusste ich Bescheid, und zwar wusste ich von den Autoren, bevor sie veröffentlicht hatten. Und jetzt weiß ich gar nichts mehr.
Nutzen Sie zum Recherchieren oder zum Schreiben das Medium Internet? Ich habe eine Mitarbeiterin – meine Tochter. Sie ist bei mir angestellt – ich sage mal 25 Prozent oder so (lacht). Und ich sage zu ihr, du, google mir das doch mal raus.
Was würden Sie jungen Autoren mit auf den Weg geben?
Demut.
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| © André Hille 2008 |