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Eros versus Tod
John Updikes Roman "Landleben" ist eine Erinnerungsorgie und erzählt
zugleich eine uramerikanische Biografie

Das Ganze beginnt mit einem leisen Hauch von Ulysses. Ein Mann im
Bademantel rasiert sich am Morgen, die Gedanken schweifen ab und erzählt
wird schließlich, aus diesem Moment heraus, ein ganzes Leben. Owen, ein
ehemals erfolgreicher Computeringenieur, blickt auf die 70 Jahre seines
Lebens zurück – ein Leben, das sich um Computer, Kleinstädte, vor allem
aber um die Frauen drehte. Es fängt damit an, dass der kleine Owen
staunend vor einem Graffito an der Wand der Grundschule steht (ein fettes
M mit Kraushaar in der Mitte) und endet mit Haarausfall und den lüsternen
Blicken auf die noch immer straffe Wade seiner 65jährigen Frau Julia.
Dazwischen liegt so einiges an Frauen. Elsie, die Jugendliebe, Phyllis,
die Mathematikerin, der er vier Kinder zeugt, Faye Dunham und Alissa
Morissey, Kleinstadtfrauen, Frauen von besten Freunden, Vertreterinnen,
mit denen Owen "die Möglichkeiten einer Nacht fern von zu Hause
erforscht".
Die alten Männer und der Sex – verpasste Chancen, Erinnerungen und Trauer
um verflossene Potenz. Wie schon in seinem Kurzgeschichtenband "Wie war's
wirklich" (2004) scheint der Mechanismus der Sublimierung bei Updike
bestens zu funktionieren: Die Triebe werden direkt in die Prosa umgelenkt,
bis auch wirklich die letzte sexuelle Praxis abgehakt ist. Streckenweise
ist "Landleben" nichts weiter als ein typisches Stück Altherrenprosa, das
sich dadurch auszeichnet, dass ein Großteil der Motivation zum Schreiben
in der Motivation zum Be-Schreiben der Nacktheit Frauen und von Sexszenen
besteht. Das allerdings beherrscht Updike nach einem mit dem Schreiben
verbrachten Leben perfekt. Die Präzision seiner Sätze ist atemberaubend.
Einige Absätze sind von einer solchen Unbedingtheit und Klarheit, das man
unweigerlich in heftiges Kopfnicken verfällt und ein lächelndes "Ja, genau
so ist das Leben" auf den Lippen hat. Man hört es förmlich knistern, wenn
der Held Owen auf dem Rücksitz eines alten Chevys seine junge Freundin
Elsie entkleidet, dann aber vor Angst "den Schwanz einzieht", man fiebert
mit beim ersten Ehebruch und wird abgebrühter mit dem zweiten, dritten,
vierten. All das ist großes Kino, nur eben etwas zu lang, zu ausführlich
geraten. Die Genauigkeit der Updikeschen Bilder kann den Mangel an
Spannung nicht wettmachen. So entsteht die paradoxe Situation, dass die
Figuren zugleich übergenau gezeichnet sind und sie doch in ihrem tiefen
Handeln und Streben seltsam blass bleiben.
Die Neigung zur Häufung von Adjektiven ("während ihre dünnen,
sommersprossigen und mit weißlichem Flaum bedeckten Arme bis zum staubigen
Grund reichten und ihr langes Haar, rot wie Tonerde und fein wie der
Staub, zwischen ihren Armen herabhing") sei Updike verziehen, aber zu oft,
vor allem im ersten Drittel, driftet "Landleben" in ebenso richtungslose
wie unnötige Assoziationsketten oder Dialoge ab, die man mit einer
Mischung aus Rührung über diese Erinnerungs- und/oder Imaginationsorgie
und einem ungeduldigen "Wann passiert denn nun endlich etwas" überfliegt.
Erinnerungsbücher sind immer solipsistisch, denn sie stellen den sich
Erinnernden in den Mittelpunkt des Universums, und das gilt für den
70jährigen Owen aus "Landleben" privat wie politisch: Owen ist der
typische Repräsentant des eitlen, aufstrebenden Amerika des 20.
Jahrhunderts, das nichts als die eigenen Bedürfnisse gelten lässt und
niemals einen Triebaufschub duldet.
Nach dem nahezu einhellig als unlesbar titulierten Roman "Sucht mein
Angesicht" (2005), in dem Updike sich an dem Leben des großen
amerikanischen Malers Jackson Pollock versuchte, kehrt der mittlerweile
74jährige Autor mit "Landleben" zu seinen alten Sujets zurück: Ehe, Sex,
Amerika. Stärker als alle seine vorherigen Bücher ist der Roman
durchdrungen, ja angetrieben von einer großen Trauer. Hier schreibt einer,
der nicht loslassen will vom Leben, der manisch jede Einzelheit festhält,
damit sie ihm nicht vom Tod entrissen wird. Hier lehnt sich einer auf
gegen das Altern und das Vergessen und vergisst dabei manchmal, dass er
für ein Publikum schreibt. Updike erzählt nicht wirklich eine Geschichte,
sondern eine an der Chronologie der Ereignisse orientierte imaginäre
Biografie, intelligent, psychologisch feinsinnig aber im Großen und Ganzen
unspannend. Was an dem Roman vor allem überzeugt ist die stilistische
Gewandtheit der Sprache. Wer sich von ihr fortragen lassen will in das
amerikanische Jahrhundert, in verrückte Kleinstadtamouren und die
Gründerzeit der Computerindustrie, dem sei dieses Buch empfohlen. Großen
Wert auf eine spannende Story darf man dabei allerdings nicht legen.
(literaturkritik.de)
John Updike: Landleben. Roman.
Rowohlt. Reinbek bei Hamburg. 2006.
ISBN: 3498068830. 414 Seiten. 19,90 €. |