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Das Diesseits, das Jenseits und der Spalt
dazwischen
Ulla Berkéwicz’ neues Buch erzählt vom „Überlebnis“.
Angst,
Vergessen, Zeit, Ewigkeit, Jenseits, Unendlichkeit – es sind große Worte,
mit denen Ulla Berkéwicz in ihrem neuen Buch „Überlebnis“ gleich zu
Beginn das literarische Feld absteckt. Der „irdische Schauplatz“ hingegen,
der „Ort der Handlung“ ist Frankfurt am Main, ein „Efeuhaus“, ein
Krankenhaus, ein Friedhof. Einer verabschiedet sich von der Lebensbühne,
im Buch schlicht „der Mann“ genannt. Doch im wahren Leben war er nicht
irgendwer. Bei dem „Mann“ handelt es sich um Siegfried Unseld, der den
Suhrkamp Verlag seit 1959 zu seiner späteren Größe führte. Unseld starb
2002, 78-jährig, und zurück blieb seine Frau, die Theaterschauspielerin,
Schriftstellerin und spätere Suhrkamp-Verlagsleiterin Ulla Berkéwicz.
Doch „Überlebnis“ ist nicht nur die Geschichte des Unseldschen Sterbens,
sondern die ganz persönliche Todesgeschichte Berkéwicz’, angefangen von
den sterbenden Haus- und Gartentieren ihrer Kindheit, über die kindlichen
Visiten bei den „Sterbern“ im Krankenhaus ihres Vaters, den Tod des engen
Freundes und Arztes Alik bis zum Tod des „Mannes“. „Der Tod hat es mir
angetan, von meinem Anfang an“, heißt es am Anfang. Der Tod ist die
Passion der Autorin, sie ist von ihm besessen, noch mehr aber von jenem
Moment des Übergangs in ihn, dem „Spalt“, durch den sie ins Jenseits
blicken kann. Anfangs, Unseld ist noch ferne Zukunft, ist der Ton
rührig-naiv, da spricht noch ganz das Kind von „Liebeslieblingsstellen“
und „Fieberseele“ und von der Sehnsucht nach dem ersten Kuss: „Als ich
schon vierzehn und immer noch ungeküsst war, lud ich mir Karlchen ein.“
Das führt zu einer irritierenden Spreizung im Tonfall – auf der einen
Seite dieses Naiv-Schmolllippige, auf der anderen, kursiv gesetzt,
seitenweise pseudoreligiöse Philosopheme, der morbide Sound einer vom
Jenseits Faszinierten: „Weder Sein war, noch Nichtsein, liest man und
begreift, daß diesen Dichtersehern noch was anderes zu sein scheint oder
nicht zu sein scheint als das beschriebene Nichtsein und das zu
beschreibende Sein, das ja nur sein kann in der Zeit, die nicht ist.“
Manchmal auch salbungsvoll: „Die Liebe ist des Menschen Sehnsucht nach
Unsterblichkeit. Um Unsterblichkeit zu erleben, müssen Liebe und Tod
erlitten sein.“
Würde nicht bald ein neuer Ton hinzukommen – die poetische
Liebesgeschichte mit dem „Mann“ – Berkéwicz hätte sich mit „Überlebnis“
bloß lächerlich gemacht. Aber so sind da diese äußerst verknappten,
wunderbaren Szenen, Leuchtspuren, die auftauchen aus dem Nichts und wieder
dorthin verschwinden. Berkéwicz wird immer dort am stärksten, wo sie sich
vom Willen zur Aussage entfernt und sich dem eigenen Erleben annähert:
„John und der Mann hatten Schach gespielt, Merce und ich hatten von der
Liebe gesprochen. Ich hatte geheult, und John hatte einen schlechten Zug
gemacht. Ein halbes Jahrhundert Treue, wer heult da nicht!“ An einer
anderen Stelle heißt es über die erste Begegnung mit Unseld: „Wir standen
am Fenster, die Urszene war gelaufen. Die Körper rauschten noch.“ Es sind
ausgerechnet diese lakonischen Sätzen und Sequenzen, die die Mystik, nach
der die Autorin die ganze Zeit auf der Suche ist, einfangen, hier, und
nicht dort, wo die Autorin ihn bemüht, ist der „Spalt“, der den Leser in
ein anderes, jenseitiges Reich führt, das Reich der Poesie.
Als Gegenentwurf zum körperlosen Jenseits steht der Leib, die Krankheit,
der Verfall. Unseld auf der Intensivstation, nach einem Herzinfarkt, mit
Blutbeutel an der Seite – und ihr zäher, heroischer Kampf dafür, an seiner
Seite bleiben zu dürfen: „Am ersten Tag habe ich noch mein Haar gekämmt,
am zweiten hab ich es vergessen, am dritten weiß ich nicht mehr, was das
ist.“ Die Autorin kann für das Klinikpersonal nichts als Hass empfinden.
Ihr ätzender Zynismus ergießt sich über alles und jeden, der in die Nähe
„ihres“ Mannes kommt. Da sind alle Ärzte „Kriecher, Kratzfüße“ oder „Faschos“,
die bestenfalls Gleichgültigkeit für Patienten und Angehörige empfinden,
wenn sie sie nicht gar vorsätzlich verletzten. Später, wieder zu Hause, im
„Efeuhaus“, in dem Unseld im Oktober 2002 schließlich stirbt, macht sie
keinen Hehl aus ihrer Verachtung für die da draußen, die „Büschehocker“
und „Beileidsbesucher“, all jene, die ihr „Seelenfähnchen in den Wind
hängen, den alle machen“. Am Ende nimmt das Misstrauen dann endgültig
paranoide Züge an: „Witwe gleich Hexe, mannlos, wehrlos, ausgeliefert […]
Es wird verschworen, denunziert, gefoltert, ausgerottet und vernichtet.
Der Chor der Landsleute fällt ein, hetzt mit.“ Plötzlich ist die Welt ganz
einfach: Hier die Guten, dort die Bösen, wobei man für die Guten auch
„Ich“ einsetzen könnte und für die Bösen „alle, die an Unseld heran
wollen“.
Ein wenig riecht das, gerade vor dem Hintergrund des langwierigen
Machtpokers im Hause Suhrkamp, nach einer pathetischen Selbstverklärung.
„Überlebnis“ ist auch – oder gerade? – ein Anspruch auf die Deutungshoheit
in der scharf geführten Auseinandersetzung um die Nachfolge Unselds, in
der sich der Sohn des Verlegers und die Witwe unvereinbar
gegenüberstanden. Es verwundert daher nicht, dass „Überlebnis“ den
Beigeschmack von trotziger Rechtfertigung, von Abrechnung nie ganz
abstreifen kann. Eigentlich wartet man nur noch auf den Moment, in dem
der „Mann“ sagt: „Ich lege mein Lebenswerk in deine Hände.“
Vielleicht ist das aber auch eine Unterstellung, vielleicht ging es der
Autorin tatsächlich nur um den Versuch der Einordnung des eigenen Unglücks
ins große spirituelle Ganze, in die „Urenergie“ und die „Unendlichkeit“ –
doch es ist immer dieses große Ganze, an dem Berkéwicz scheitert. Ziemlich
am Ende seines Tractatus schreibt Wittgenstein: „Es gibt allerdings
Unaussprechliches. Es ist das Mystische.“ Diesen Spruch hätte sich
Berkéwicz über ihren Schreibtisch pinnen sollen, denn immer dort, wo
Berkéwicz versucht, das Mystische in Worte zu fassen, wird es langweilig
oder peinlich. Die Begriffe sind zu groß. Und daher zu unscharf. Was ist
schon Ewigkeit, Jenseits, Unendlichkeit? Und gerade ihr inflationärer
Gebrauch rückt „Überlebnis“ in die Nähe zu esoterischen Machwerken, die
sich aus jeder Religion und Weltanschauung ein bisschen was herauspicken.
„Philosophieren heißt sterben lernen“, heißt es in einem Essay Montaignes.
Für Berkéwicz’ neues Buch gilt die Umkehrung dieses Satzes: Philosophieren
heißt dem Sterben ausweichen.
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