André Hille

 
 

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Ohne besondere Vorkommnisse

Ein quälend masochistischer Roman: "Frau Paula Trousseau" von Christoph Hein.
 

Christoph Heins neuer Roman ist eine fiktive Biografie. Auf über 500 Seiten erzählt er das Leben der Paula Trousseau. Im Wesentlichen von vorn nach hinten. Diese Schlichtheit des Unterfangens hat etwas Beruhigendes und zugleich Ermüdendes – ein alter Schriftsteller, der weit ausholt. Man fühlt sich, wie immer in Konventionen, zugleich aufgehoben und gelangweilt. Es ist das Leben einer Frau in der DDR, die eine brutale Kindheit hatte und über den Traum vom Malen zu ihrem Leben findet. Es ist die Geschichte einer Emanzipation. Oder: Die Geschichte einer Emanzipation, wie sie sich ein Mann vorstellt, denn das Geschlechterbild, das Hein entwirft, ist recht stereotyp. Fast immer sind die Männer Schweine, unter denen die Frauen zu leiden haben. Vom strengen Vater über den prügelnden Mann bis zu einem egoistischen Professor erzählt Hein die Geschichte von emotionalen Vampiren, die Paula aussaugen und das Mädchen/die Frau zu einem entfremdeten, kalten Menschen machen. Diese Lust, mit der Hein auf 530 Seiten seiner Figur beim Leiden zusieht und die Aussichtslosigkeit all ihrer Unterfangen sind es, die diesen Roman so schwer zu lesen machen – und die Eloquenz und Genauigkeit der Sprache sind es, die dies zeitweise vergessen lassen.

Hein hat sich viel Mühe beim Imaginieren der Details gegeben, doch trotz allem bleibt die Hauptfigur seltsam stumpf und blass. Es ist ein Leben wie es hätte sein können. Na und? Ein Leben ohne besondere Vorkommnisse. Bis auf den Selbstmord, der sich nicht notwendig aus der Biografie der Paula Trousseau erschließt. Und dass Hein diesen dem Roman voranstellt, nimmt ihm zusätzlich die Spannung. Das alles ist völlig ohne Akzente erzählt bis auf einige arg verklärte Glanzpunkte lesbischer Liebe – die einzige Liebe, die im Leben der Paula Trousseau zu funktionieren scheint. Doch auch hier ist sie nur Begehrte, nie Begehrende – zwischen Lieblosigkeit und Kitsch scheint es in Heins Welt nichts zu geben. Als vollends überflüssig erweist sich der Einstieg in den Roman (ihr Sohn findet nach ihrem Tod das Manuskript ihres Lebens) der „Frau Paula Trousseau“ zu einer jener grassierenden und überflüssigen Roman-im-Roman-Konstruktionen macht. Heins psychologischer Realismus hat durchaus seine Schrecken, gerade zu Beginn liest man mit Grausen von der Familienhölle, der Paula entstammt, doch er schleift sich ab in der Wiederholung der psychologischen Muster. Hein hat noch immer viel zu erzählen, keine Frage, doch im Fall von „Frau Paula Trousseau“ leider nicht genug.

 

 

© André Hille 2008