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Lauter kleine Buddhas
In Angela Krauß’ Text „Wie weiter“ strotzen die Figuren nur so vor
Weisheit
Was ist das für ein Text? Ein Roman, eine Erzählung, eine Reflexion, ein
Tagebuch? Ein Text muss nicht zwangsläufig in eine Kategorie passen, doch
wenn der Text selbst nicht weiß, was er sein soll, überträgt sich diese
Unsicherheit auf den Leser. Und die wird man kaum los bei der Lektüre von
Angela Krauß’ neuem Was-auch-immer. 116 Seiten, die mal Erinnerungsbuch,
mal ein Poesiealbum für Intellektuelle, mal klassische Stimmungsprosa
sind. Der Titel ist Programm. „Wie weiter?“ fragt die namenlose
Protagonistin ihre sie umgebenden „Liebesmenschen“ und immer wieder
verweist diese Frage auf ihre Ratlosigkeit.
Vage wird ein Stab von vier Personen angedeutet, mit denen die
Ich-Erzählerin gelegentlich in Kontakt tritt. Da ist die Russin Toma,
ebenso wie die Mutter eine Art Ratgeberin aus dem Off. Da ist ein
männlicher Partner im Bett, in schlichter Anspielung auf die literarische
Gattung „Roman“ genannt, der nur von Ritterspielen und Krieg, also von
Handlung träumen darf, während die Gegenwart der Erzählenden stagniert.
Und da ist Leo, der Amerikaner, mit dem die Protagonistin stundenlang am
Telefon philosophiert: „Wie weiter? flüstere ich flehend in den Hörer.“
„Ganz einfach, mach irgendwas, eine beliebige kleine Handlung.“ Und später
noch einmal: „Wer nicht weiterweiß, sollte eine beliebige kleine Handlung
vollziehen.“ Schade, dass die Hauptfigur diesen Rat nicht beherzigt.
Nebenbei wird die ostdeutsche Nachkriegsgeschichte aufgearbeitet, von der
Dresdner Bombennacht über Sommerferienlager an der Ostsee, bis zu den
Montagsdemonstrationen in Leipzig – winzige historische Versatzstücke, die
die persönliche Geschichte einer ostdeutschen Frau andeuten sollen und
doch nie persönlich werden. Der Text zerfällt. Fragen über Fragen,
Ungefähres, Vermutetes, Sinnsprüche. „Was beharrt, bricht. Bleibe weich!“
Oder: „Alt ist nur ein Mensch mit altbackenen Mustern. In der Welt gibt es
nichts Dauerndes.“ Sätze für die Pinnwand. Das Ganze wirkt wie eine
weltumspannende philosophische Gruppentherapie, in der sich die
Protagonisten permanent Weisheiten zuraunen. Lauter kleine Buddhas
bevölkern die Krauß’sche Welt. Sie alle reden ununterbrochen und sprechen
doch nie zum Leser.
Allein die Anekdoten aus dem Leipziger Zoo, den die Autorin aus dem
Fenster ihrer Wohnung beobachten kann, vermögen gegenüber dem
Zwischenmenschlichen einen angenehm unreflektierten Erzählraum zu
schaffen. Die Tiersymbolik ist gelungen. Eisbären, mit denen die Instinkte
durchgehen, Katzen, die in die urbane Wildnis entwischen und Schildkröten,
die nur Spitzwegerich fressen, die Episoden um die Tiere stellen die
dringliche Frage: Wie domestiziert ist das Wesen und gibt es einen Ausweg
daraus? Dafür findet Krauß starke Bilder: Die Tauben, die auf dem Dach der
Geiervoliere landen, der Büffelvater, der sein Junges tötet. Die Menschen
stören in diesen Fabeln eigentlich nur.
(Kunststoff Kulturmagazin)
Angela Krauß. Wie weiter.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006
ISBN 3518418246.
Gebunden. 117 Seiten. 14,80 EUR
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