André Hille

 
 

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Jenseits der Liebe

Ein Blick auf neue Belletristik aus dem Mitteldeutschen Verlag

Mit einem alten und zwei jungen Autoren startet der Mitteldeutsche Verlag Halle sein zweites Belletristikprogramm: Anna Kaleri („Hochleben“) und Sebastian Brock („Silbersee“), beide Absolventen des Literaturinstituts und Herbert Genzmer („Gerechtigkeit für João Pereira“), ehemaliger Suhrkamp Autor. Leineneinband, Fadenbindung, Lesebändchen – die Ausstattung der Bücher lässt bibliophile Herzen höher schlagen, der Inhalt, um es gleich vorab zu sagen, leider nicht.
Anna Kaleri, geboren 1974 im Ostharz, in Leipzig lebend, veröffentlicht nach einem bei Luchterhand erschienenen Erzählband nun ihren ersten Roman. In „Hochleben“ verlässt eine junge Komponistin Leipzig, um in ihre Heimat, den Ostharz zu fahren. „Ich ließ mir im Suchlauf einige Sender anbieten, bis ich kubanische Musik hörte. Ich hauchte in die eine, dann in die andere Hand. Ich schaltete am Regler der Heizung herum und bekam brennend heiße Füße. Ich stellte mir vor, wie sich mein Schuhabdruck zischend in den Schnee brannte.“ Ich, ich, ich. Das ist eine Literatur, die in weiten Teilen nur die eigenen Verrichtungen aus der Nahdistanz kennt und dabei vollkommen unemotional bleibt. Die Hauptfigur Anka, unschwer sind hier die Anfangsbuchstaben des Autorinnennamens zu erkennen, ist zwar Komponistin, was die Autorin mit einigen eingestreuten Fachausdrücken zu belegen versucht, doch genauso gut könnte sie Schriftstellerin oder Krankenschwester sein. Alles an ihr ist unspezifisch. Nachdem sie einen Unfall hatte, begegnet sie in Hochleben zwei Männern. Beide schenken ihr im Krankenhaus Blumen: „Von rechts wehte der zarte Rosenduft und von links der Herbstgartengeruch der Pfennigastern.“ Blümchenmetaphorik à la Hochleben. In Rückblicken wird nebenbei die Familiengeschichte der Protagonistin erzählt: Der Vater, der sich in den 90ern mit dem Geschäft überhoben hat und an einem Herzinfarkt gestorben ist, ein Bruder, der in einen paramilitärischen Verein eingetreten ist. Doch all das wird nur angedeutet, es bleibt ohne Konsequenzen für die Protagonistin, ohne Belang und ohne jede Spannung. „Ich hörte alles, zu viel, aber die Teile konnte ich noch nicht zusammensetzen“, sagt die Protagonistin ihrem Lehrer Kudláček, als sie ihre Partitur nicht fertig bekommt, und das gleiche gilt auch für den Roman. Doch die Krone setzen dieser Erzählung all die falschen und schiefen Bilder auf, die Manierismen und Ungenauigkeiten in der Sprache, die einem den Lesegenuss schon nach wenigen Seiten verderben. „Der Bahnhof stand dunkel und verschlossen in seiner Backsteinfassade da.“ „Aus der Tapete lugte ein blinder Fleck“. „Die Tür öffnete sich und herein trat ein Mann, der mit wildem Blick Tische, Stühle und Wände überflog.“ „Das Geräusch einer Dampflok hupte wie ein Waldhorn lange und stumpf.“ „Ich schmiegte mich mit jedem nur möglichen Fleckchen meiner Haut an ihn und vermisste ihn schon während der Moment noch anhielt.“ Die Liste ließe sich nahezu beliebig fortsetzen. Blinde Flecken, die lugen, Männer, die über Wände fliegen, Geräusche, die hupen und Momente, die noch anhalten – das ist die Welt von „Hochleben“. Bei der Bezeichnung „Roman“ für diese 134 Seiten kann es sich nur um ein Versehen handeln. Oder um Vermessenheit.

Interessanter ist da schon der Ansatz des erst 26jährigen Arztes und Schriftstellers Sebastian Brock. Aus zwei Perspektiven wird in „Silbersee“ der Alltag in einer forensischen Psychiatrie beschrieben. Daniel, ein 20jähriger Vergewaltiger und Mörder, kommt am selben Tag in die Klinik, wie der junge Arzt Konrad, fast könnte man sagen, beide werden zeitgleich eingeliefert. Brock beschreibt den lieblosen und gleichgültigen Klinikalltag: nirgends ein Funken Empathie, nur ein Funktionieren zwischen Zynismus und blanker Körperlichkeit. Es ist eine Welt jenseits der Liebe, die Brock hier entwirft. Die „Iso“, als letzte Strafmaßnahme für die Patienten, ist längst Realität für alle Protagonisten. Der einzige Unterschied zwischen den Behandelnden und den Behandelten ist, dass die einen am Abend durch den Zaun hinausdürfen und die anderen nicht. Diese Gleichsetzung ist zugleich die Stärke und die Schwäche des Romans. Denn wo die „kranke“ weil emotional fehlgeleitete Gesellschaft der Ärzte auf eine Ebene mit der der „Verrückten“ gestellt wird, verschwimmen die Grenzen zu der ebenso plumpen wie erschütternden Aussage: „Alle sind krank“. Die Kälte der Atmosphäre spiegelt sich auch im Stil. „Ich ging die Pflastersteinstraße ins Krankenhausgelände hinein. Die Bäume waren noch kahl und sahen spröde aus. Ich ging in der Mitte der Straße. Das Haus am Ende der Straße war aus roten Backsteinen gebaut. Der Zaun ringsherum war höher als das Haus. Die Fenster waren gelbe Rechtecke mit schwarzen Gittern davor. Hinter mir hupte ein Auto. Ich ging zwischen die Bäume.“ Dieses Satz-Stakkato ist bisweilen anstrengend zu lesen, denn an ihm perlt jede Sinnlichkeit ab. Der Stil mag innerhalb des Romans seine Funktion haben, Spaß macht er nicht. Jegliche Imagination der Umgebung wird zugunsten der sterilen Atmosphäre zurückgefahren. Brocks Roman ist ein harter Knochen – ohne Fleisch. Über weite Strecken liest sich der Text wie eine Fallstudie. Das Innenleben der Figuren bleibt vollständig verschlossen. Es gibt keinen Erklärungsansatz für „das Perverse“, das erspart dem Leser Psychologisierungen, aber auch Stoff zum Nachdenken. Das „Ich weiß nicht warum“ des Mörders bildet eine undurchdringliche Grenze für alle Figuren. Der Patient macht keine Fortschritte, der Arzt auch nicht. Beziehungen, die sich nach und nach entwickeln, sind allenfalls kleine Verschiebungen auf der emotionalen Skala. „Silbersee“ ist der Erstling eines jungen Autors, der sich an ein hochkomplexes Thema wagt und es in Ansätzen zu vermitteln vermag, eines Autors in jedem Fall, der damit sein Potential für Situationen und Figuren unter Beweis stellt.

Ebenso wie die ersten beiden Romane, hat auch der dritte eine deutliche autobiografische Schlagseite. Das tut allen Texten ebensowenig gut wie die Multiperspektivität, die oft nur die mangelnde Handlung zu kaschieren versucht. Schmerzhaft deutlich wird dies auch bei dem eigentlich erfahrensten Autor des Trios, Herbert Genzmer. Hauptfigur seines Romans ist der alternde, erfolglose Schriftsteller Beck. Zerknirscht, brütend, verloren streift Beck auf den ersten 100 Seiten von „Gerechtigkeit für João Pereira“ durch die Stadt, liest auf einer Parkbank in seinem neuen, natürlich genialen Manuskript (und der Leser mit ihm) oder ergeht sich in Mordphantasien seiner zickigen Frau gegenüber. Beck ist der Prototyp des mit sich selbst beschäftigten Autors, der dem Leser diverse Einblicke in seine Schreibtätigkeit, seine Theorien und Krisen gibt, und sich irgendwann allen Ernstes über Haarausfall und Hämorrhoiden beschwert: „Vielleicht sollte er statt ins Büro in die Praxis seines Proktologen gehen.“ Ja, vielleicht sollte er das, aber er sollte bitte nicht darüber schreiben.
Der Zufall führt den hadernden Autor mit dem Cheflektor jenes großen deutschen Verlages zusammen, der Becks Manuskripte in den letzten Jahren nicht mehr beachtet hat, und nun folgt ein weitschweifiges und unerträglich statisches Gespräch zwischen den beiden. Autor und Lektor sind blutleere Figuren, die Allgemeinplätze austauschen und wieder einmal in Mordphantasien ihren Frauen gegenüber schwelgen: „‚Ich glaube, Männer, taugen nicht für die Ehe, sie sollten sich nach ein paar Jahren immer wieder zurückziehen.’ ‚Das würde dir gefallen, was?’ ‚Wem nicht?’ ‚Mir schon!’ ‚Klar! Da es aber nicht so ist, blühen überall Mordgedanken. Bloß gibt es keiner zu. Denk mal, wie beliebt Krimis sind.’ ‚Ist deine Theorie, was?’ ‚Was meinst du, wie viele Männer gerade jetzt in diesem Moment mit dem Gedanken im Kopf durch die Welt laufen, ihre Frauen zu erschlagen oder wegen ihr sonst wen umzubringen?’ ‚Mehr als eine Handvoll.’“ Die beiden sind Stammtischtäter, die ihre Frauen in unzähligen Variationen umbringen und zu Hause kuschen. Ebenso wie der Held von Becks Manuskript, der titelgebende João Pereira. Genzmer variiert immer dasselbe Grundmuster bis zur Ununterscheidbarkeit.
Lektor und Autor trinken und reden den ganzen Tag miteinander und Beck bringt dabei eine krude Theorie nach der nächsten zu Gehör. Nach dem Motto: Ich hab da eine Theorie, soll ich sie dir erzählen? Nein, seufzt der Lektor (und der Rezensent mit ihm), doch Beck lässt sich nicht beirren und setzt seine Lektionen in Laienphilosophie fort – ob Orgasmen, die Mutterbrust oder amerikanische Serienkiller, Beck macht vor nichts halt. In regelmäßigen Abständen stöhnt der Lektor auf: „Bestrafe mich doch nicht mit deinem ewigen Gequatsche über Autoren und Lektoren“ und ergibt sich weiter den endlosen Lamentos des Autors. Warum – das bleibt sein Geheimnis.
Durch einen Zufall wird der Lektor in der Wohnung Becks überfallen und an einen Stuhl gefesselt. Doch anstatt ihn wieder loszubinden, verklebt Beck ihm den Mund und nutzt die Situation, um ihm sein Manuskript vorzulesen. Die Logik des Autors ist dabei bestechend naiv: „Ich bin sicher, es wird dir gefallen, denn mir gefällt es. Und ich habe ein feines Qualitätsbewusstsein.“ Spätestens jetzt wirkt das Buch wie eine Rache an der Welt. All die aufgestauten Frustrationen eines Schriftstellers fließen in die Fiktion, die Ohnmacht des gescheiterten Autors wird in eine Allmacht umphantasiert. Doch zu stark ähnelt der Schriftsteller Beck dem Schriftsteller Genzmer. Genzmer, ehemals Suhrkamp Autor, wurde nach langen Querelen nicht mehr bei dem großen Frankfurter Verlag verlegt und dümpelte einige Jahre verlagslos dahin. „Gerechtigkeit für João Pereira“ ist irgendeine Abrechnung mit irgendeinem Lektor, die der Autor leider über den Umweg des Lesers austrägt. Zum Glück ist der Leser nicht wie der Lektor an einen Stuhl gefesselt. Er kann das Buch einfach zuklappen.

 

 

© André Hille 2008