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Jenseits der Liebe
Ein Blick auf neue Belletristik aus dem Mitteldeutschen Verlag
Mit einem alten und zwei jungen Autoren startet der Mitteldeutsche Verlag
Halle sein zweites Belletristikprogramm: Anna Kaleri („Hochleben“) und
Sebastian Brock („Silbersee“), beide Absolventen des Literaturinstituts
und Herbert Genzmer („Gerechtigkeit für João Pereira“), ehemaliger
Suhrkamp Autor. Leineneinband, Fadenbindung, Lesebändchen – die
Ausstattung der Bücher lässt bibliophile Herzen höher schlagen, der
Inhalt, um es gleich vorab zu sagen, leider nicht.
Anna Kaleri, geboren 1974 im Ostharz, in Leipzig lebend, veröffentlicht
nach einem bei Luchterhand erschienenen Erzählband nun ihren ersten Roman.
In „Hochleben“ verlässt eine junge Komponistin Leipzig, um in ihre Heimat,
den Ostharz zu fahren. „Ich ließ mir im Suchlauf einige Sender anbieten,
bis ich kubanische Musik hörte. Ich hauchte in die eine, dann in die
andere Hand. Ich schaltete am Regler der Heizung herum und bekam brennend
heiße Füße. Ich stellte mir vor, wie sich mein Schuhabdruck zischend in
den Schnee brannte.“ Ich, ich, ich. Das ist eine Literatur, die in weiten
Teilen nur die eigenen Verrichtungen aus der Nahdistanz kennt und dabei
vollkommen unemotional bleibt. Die Hauptfigur Anka, unschwer sind hier die
Anfangsbuchstaben des Autorinnennamens zu erkennen, ist zwar Komponistin,
was die Autorin mit einigen eingestreuten Fachausdrücken zu belegen
versucht, doch genauso gut könnte sie Schriftstellerin oder
Krankenschwester sein. Alles an ihr ist unspezifisch. Nachdem sie einen
Unfall hatte, begegnet sie in Hochleben zwei Männern. Beide schenken ihr
im Krankenhaus Blumen: „Von rechts wehte der zarte Rosenduft und von links
der Herbstgartengeruch der Pfennigastern.“ Blümchenmetaphorik à la
Hochleben. In Rückblicken wird nebenbei die Familiengeschichte der
Protagonistin erzählt: Der Vater, der sich in den 90ern mit dem Geschäft
überhoben hat und an einem Herzinfarkt gestorben ist, ein Bruder, der in
einen paramilitärischen Verein eingetreten ist. Doch all das wird nur
angedeutet, es bleibt ohne Konsequenzen für die Protagonistin, ohne Belang
und ohne jede Spannung. „Ich hörte alles, zu viel, aber die Teile konnte
ich noch nicht zusammensetzen“, sagt die Protagonistin ihrem Lehrer Kudláček, als sie ihre Partitur nicht fertig bekommt, und das gleiche gilt
auch für den Roman. Doch die Krone setzen dieser Erzählung all die
falschen und schiefen Bilder auf, die Manierismen und Ungenauigkeiten in
der Sprache, die einem den Lesegenuss schon nach wenigen Seiten verderben.
„Der Bahnhof stand dunkel und verschlossen in seiner Backsteinfassade da.“
„Aus der Tapete lugte ein blinder Fleck“. „Die Tür öffnete sich und herein
trat ein Mann, der mit wildem Blick Tische, Stühle und Wände überflog.“
„Das Geräusch einer Dampflok hupte wie ein Waldhorn lange und stumpf.“
„Ich schmiegte mich mit jedem nur möglichen Fleckchen meiner Haut an ihn
und vermisste ihn schon während der Moment noch anhielt.“ Die Liste ließe
sich nahezu beliebig fortsetzen. Blinde Flecken, die lugen, Männer, die
über Wände fliegen, Geräusche, die hupen und Momente, die noch anhalten –
das ist die Welt von „Hochleben“. Bei der Bezeichnung „Roman“ für diese
134 Seiten kann es sich nur um ein Versehen handeln. Oder um
Vermessenheit.
Interessanter ist da schon der Ansatz des erst 26jährigen Arztes und
Schriftstellers Sebastian Brock. Aus zwei Perspektiven wird in „Silbersee“
der Alltag in einer forensischen Psychiatrie beschrieben. Daniel, ein
20jähriger Vergewaltiger und Mörder, kommt am selben Tag in die Klinik,
wie der junge Arzt Konrad, fast könnte man sagen, beide werden zeitgleich
eingeliefert. Brock beschreibt den lieblosen und gleichgültigen
Klinikalltag: nirgends ein Funken Empathie, nur ein Funktionieren zwischen
Zynismus und blanker Körperlichkeit. Es ist eine Welt jenseits der Liebe,
die Brock hier entwirft. Die „Iso“, als letzte Strafmaßnahme für die
Patienten, ist längst Realität für alle Protagonisten. Der einzige
Unterschied zwischen den Behandelnden und den Behandelten ist, dass die
einen am Abend durch den Zaun hinausdürfen und die anderen nicht. Diese
Gleichsetzung ist zugleich die Stärke und die Schwäche des Romans. Denn wo
die „kranke“ weil emotional fehlgeleitete Gesellschaft der Ärzte auf eine
Ebene mit der der „Verrückten“ gestellt wird, verschwimmen die Grenzen zu
der ebenso plumpen wie
erschütternden Aussage: „Alle sind krank“. Die
Kälte der Atmosphäre spiegelt sich auch im Stil. „Ich ging die
Pflastersteinstraße ins Krankenhausgelände hinein. Die Bäume waren noch
kahl und sahen spröde aus. Ich ging in der Mitte der Straße. Das Haus am
Ende der Straße war aus roten Backsteinen gebaut. Der Zaun ringsherum war
höher als das Haus. Die Fenster waren gelbe Rechtecke mit schwarzen
Gittern davor. Hinter mir hupte ein Auto. Ich ging zwischen die Bäume.“
Dieses Satz-Stakkato ist bisweilen anstrengend zu lesen, denn an ihm perlt
jede Sinnlichkeit ab. Der Stil mag innerhalb des Romans seine Funktion
haben, Spaß macht er nicht. Jegliche Imagination der Umgebung wird
zugunsten der sterilen Atmosphäre zurückgefahren. Brocks Roman ist ein
harter Knochen – ohne Fleisch. Über weite Strecken liest sich der Text wie
eine Fallstudie. Das Innenleben der Figuren bleibt vollständig
verschlossen. Es gibt keinen Erklärungsansatz für „das Perverse“, das
erspart dem Leser Psychologisierungen, aber auch Stoff zum Nachdenken. Das
„Ich weiß nicht warum“ des Mörders bildet eine undurchdringliche Grenze
für alle Figuren. Der Patient macht keine Fortschritte, der Arzt auch
nicht. Beziehungen, die sich nach und nach entwickeln, sind allenfalls
kleine Verschiebungen auf der emotionalen Skala. „Silbersee“ ist der
Erstling eines jungen Autors, der sich an ein hochkomplexes Thema wagt und
es in Ansätzen zu vermitteln vermag, eines Autors in jedem Fall, der damit
sein Potential für Situationen und Figuren unter Beweis stellt.
Ebenso wie die ersten beiden Romane, hat auch der dritte eine deutliche
autobiografische Schlagseite. Das tut allen Texten ebensowenig gut wie die
Multiperspektivität, die oft nur die mangelnde Handlung zu kaschieren
versucht. Schmerzhaft deutlich wird dies auch bei dem eigentlich
erfahrensten Autor des Trios, Herbert Genzmer. Hauptfigur seines Romans
ist der alternde, erfolglose Schriftsteller Beck. Zerknirscht, brütend,
verloren streift Beck auf den ersten 100 Seiten von „Gerechtigkeit für
João Pereira“ durch die Stadt, liest auf einer Parkbank in seinem neuen,
natürlich genialen Manuskript (und der Leser mit ihm) oder ergeht sich in
Mordphantasien seiner zickigen Frau gegenüber. Beck ist der Prototyp des
mit sich selbst beschäftigten Autors, der dem Leser diverse Einblicke in
seine Schreibtätigkeit, seine Theorien und Krisen gibt, und sich
irgendwann allen Ernstes über Haarausfall und Hämorrhoiden beschwert:
„Vielleicht sollte er statt ins Büro in die Praxis seines Proktologen
gehen.“ Ja, vielleicht sollte er das, aber er sollte bitte nicht darüber
schreiben.
Der Zufall führt den hadernden Autor mit dem Cheflektor jenes großen
deutschen Verlages zusammen, der Becks Manuskripte in den letzten Jahren
nicht mehr beachtet hat, und nun folgt ein weitschweifiges und
unerträglich statisches Gespräch zwischen den beiden. Autor und Lektor
sind blutleere Figuren, die Allgemeinplätze austauschen und wieder einmal
in Mordphantasien ihren Frauen gegenüber schwelgen: „‚Ich glaube, Männer,
taugen nicht für die Ehe, sie sollten sich nach ein paar Jahren immer
wieder zurückziehen.’ ‚Das würde dir gefallen, was?’ ‚Wem nicht?’ ‚Mir
schon!’ ‚Klar! Da es aber nicht so ist, blühen überall Mordgedanken. Bloß
gibt es keiner zu. Denk mal, wie beliebt Krimis sind.’ ‚Ist deine Theorie,
was?’ ‚Was meinst du, wie viele Männer gerade jetzt in diesem Moment mit
dem Gedanken im Kopf durch die Welt laufen, ihre Frauen zu erschlagen oder
wegen ihr sonst wen umzubringen?’ ‚Mehr als eine Handvoll.’“ Die beiden
sind Stammtischtäter, die ihre Frauen in unzähligen Variationen umbringen
und zu Hause kuschen. Ebenso wie der Held von Becks Manuskript, der
titelgebende João Pereira. Genzmer variiert immer dasselbe Grundmuster bis
zur Ununterscheidbarkeit.
Lektor und Autor trinken und reden den ganzen Tag miteinander und Beck
bringt dabei eine krude Theorie nach der nächsten zu Gehör. Nach dem
Motto: Ich hab da eine Theorie, soll ich sie dir erzählen? Nein, seufzt
der Lektor (und der Rezensent mit ihm), doch Beck lässt sich nicht beirren
und setzt seine Lektionen in Laienphilosophie fort – ob Orgasmen, die
Mutterbrust oder amerikanische Serienkiller, Beck macht vor nichts halt.
In regelmäßigen Abständen stöhnt der Lektor auf: „Bestrafe mich doch nicht
mit deinem ewigen Gequatsche über Autoren und Lektoren“ und ergibt sich
weiter den endlosen Lamentos des Autors. Warum – das bleibt sein
Geheimnis.
Durch einen Zufall wird der Lektor in der Wohnung Becks überfallen und an
einen Stuhl gefesselt. Doch anstatt ihn wieder loszubinden, verklebt Beck
ihm den Mund und nutzt die Situation, um ihm sein Manuskript vorzulesen.
Die Logik des Autors ist dabei bestechend naiv: „Ich bin sicher, es wird
dir gefallen, denn mir gefällt es. Und ich habe ein feines
Qualitätsbewusstsein.“ Spätestens jetzt wirkt das Buch wie eine Rache an
der Welt. All die aufgestauten Frustrationen eines Schriftstellers fließen
in die Fiktion, die Ohnmacht des gescheiterten Autors wird in eine
Allmacht umphantasiert. Doch zu stark ähnelt der Schriftsteller Beck dem
Schriftsteller Genzmer. Genzmer, ehemals Suhrkamp Autor, wurde nach langen
Querelen nicht mehr bei dem großen Frankfurter Verlag verlegt und dümpelte
einige Jahre verlagslos dahin. „Gerechtigkeit für João Pereira“ ist
irgendeine Abrechnung mit irgendeinem Lektor, die der Autor leider über
den Umweg des Lesers austrägt. Zum Glück ist der Leser nicht wie der
Lektor an einen Stuhl gefesselt. Er kann das Buch einfach zuklappen.
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