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So spannend wie die
graue Theorie
Scheitern am Zu-viel-Wollen: Juli Zehs neuer Roman „Schilf“
Man nehme: Ein halbes Dutzend Wie-Vergleiche, eine
mit überdurchschnittlicher Intelligenz ausgestattete Figur, irgendeine
Theorie und ganz viel Stimmung – fertig ist eine Seite eines
Juli-Zeh-Romans.
Nach „Spieltrieb“ und der darin verarbeiteten Spieltheorie folgt nun
„Schilf“ und die Viele-Welten-Theorie. Aber auch Determinismus,
Materialismus, Urknall und Quantenphysik spielen eine Rolle. Juli Zeh,
promovierende Juristin, mag Theorien. Und sie mag es, in ihren Romanen so
zu tun, als hätte sie sie verstanden, als könne sie sich notfalls bis in
tiefste physikalische Tiefen vorrecherchieren und in kürzester Zeit mal
eben ein Physikstudium samt Promotion und Habilitation nachholen. Juli Zeh
will die Welt im Ganzen begreifen, drunter macht sie es nicht – und
scheitert an diesem Anspruch grandios.
Am Anfang von „Schilf“ steht eine große Freundschaft zwischen den beiden
Physikstudenten Oskar und Sebastian, nein, nicht eine große, die einzige,
die wahre Freundschaft. Mit Oskar und Sebastian haben sich, um in der
Terminologie des Romans zu bleiben, Teilchen und Antiteilchen gefunden.
Wenn sie miteinander diskutieren, hält die Welt den Atem an, ihre
Professoren stecken die beiden schon im Grundstudium in die Tasche und
wenn sie sich umarmen, ist „die Mischung ihrer Körpergerüche ein
unsichtbares Zuhause.“ Doch bald leben sich die beiden fachlich
auseinander. Oskar hängt der Quantenphysik an und Sebastian entscheidet
sich nicht nur für die obskure Viele-Welten-Theorie, sondern auch für
seine Frau Maike und seinen Sohn Liam.
Doch die Geschichte soll ein Krimi sein. Um Sebastian die Absurdität der
Viele-Welten-Theorie zu beweisen, entführt Oskar Sebastians Sohn, der auf
dem Weg zum Ferienlager ist. „Doublethink muss weg“, lautet die
geheimnisvolle Botschaft Oskars an Sebastian beim entsprechenden
Entführeranruf und er spielt damit auf George Orwells Roman „1984“ an, in
dem „Doppeldenk“ eine Foltermethode ist. Doch Sebastian versteht „Dabbeling
muss weg“. Dabbeling wiederum ist Arzt und ein guter (wie gut, bleibt
unklar) Freund seiner Frau. Sebastian glaubt tatsächlich, die Tötung
Dabbelings sei die Bedingung für die Freilassung des Sohnes und bringt den
Arzt auf brutale Weise um. Kommissar Schilf, eine Art schachspielender
Columbo, wird von Stuttgart nach Freiburg beordert und löst den Fall
innerhalb weniger Stunden dank seiner genialen Intuition.
Die Geschichte ist insgesamt recht dünn, aber dafür randvoll angefüllt mit
typischen Juli-Zeh-Bildern. Da ist die Luft „erfüllt […] von einem Wind,
der hoch am Himmel mit Schwalben jongliert“, da „gleitet der Sommer als
grünblaues Band vorbei“ oder es „tragen die Laternen am Rand des
Parkplatzes weite Röcke aus Licht.“ Das grenzt manchmal fast an Nötigung,
denn diese Bilder dienen nicht dem Leser, sondern der Selbstdarstellung
der Autorin. Es ist, als raunten sie dem Leser permanent zu: „Seht her,
wie toll ich die Welt beschreiben kann.“ Zeh traut ihren
Beschreibungskünsten mehr als dem Imaginationsvermögen des Lesers und
diese überhebliche Position ist auf Dauer anstrengend.
Es ist dieses Zuviel-Wollen, an dem der Roman auf allen Ebenen scheitert.
Die Figuren sind derart eindeutig auf Wirkung hin entworfen, dass sie
allein das unglaubwürdig macht. Dabbeling, das Mordopfer, ist ein
muskelbepackter „Kerl, dessen Ehrgeiz Stahlbeton zum Schmelzen bringt“,
Rita Skura, die unbeholfen und unnötig im Roman herumtapsende Kommissarin,
die stark an das Mädchen Ada aus „Spieltrieb“ erinnert, läuft mit „großen
Schritten und wiegt sich dabei wie eine Boje in der Dünung“, und der
homosexuelle, Kette rauchende und Whisky trinkende Dandy Oskar wäre
vielleicht bei einer Vernissage in Soho gut aufgehoben, aber sicher nicht
am Cern in Genf. Zeh beschreibt ihre Figuren tot. Seitenweise findet die
Autorin Bilder dafür, wie ihre Figuren sind, ohne dieser Beschreibung eine
entsprechende Bestätigung durch die Handlung folgen zu lassen.
Wo die Figuren keine Karikaturen sind, sind sie Klischees: „Im satten
Licht gehört Maike mehr denn je zu der Sorte Frau, die ein Mann aufs Pferd
ziehen will, um mit ihr in den Sonnenuntergang zu reiten.“ Das ist genauso
wenig ironisch gemeint wie: „Beim Lachen lässt sie einen Kaugummi zwischen
den Backenzähnen sehen und ist trotzdem unwiderstehlich mit ihren
Kinderaugen und dem hellen Haar.“ Judith Hermann lässt grüßen.
Die Geschichte entfaltet sich nur langsam und ist an den entscheidenden,
den tragenden Stellen am dünnsten. Würde der beste Freund, der Bruder im
Geiste, Weltmann und Genie, auf eine solch schwachsinnige Idee kommen, den
Sohn des geliebten Freundes zu entführen? Würde er ihm über eine
Mittelsfrau ausgerechnet „Doublethink muss weg“ ins Ohr raunen, so dass
Verwechslungsgefahr mit dem Namen Dabbeling besteht, anstatt das deutsche
Wort „Doppeldenk“ zu verwenden? Würde ein Physikprofessor auf einen vagen
Anruf hin tatsächlich in den nächsten Wald stolpern und einen Menschen auf
grausamste Weise töten, anstatt am nächsten Tag im Ferienlager anzurufen
und zu fragen, ob der Junge nicht doch heil angekommen ist? Die Fragen,
die sich die Autorin nicht stellt, stellt sich der Leser. Und „Schilf“
lässt eine Menge Fragen offen. Die Geschichte ist sichtbar eine
Versuchsanordnung und „vergisst“ darüber, auf einer ganz basalen Ebene zu
funktionieren, der des gesunden Menschenverstandes.
Und dann gibt es da noch das naturwissenschaftliche Hintergrundrauschen
des Romans. Urknall, freier Wille, Materialismus, Determinismus – dieser
Roman ist ein Topf, in den die Autorin alles, was sie an interessanten
Begriffen aufgestöbert hat, hineingeworfen und einmal kräftig umgerührt
hat. Doch diese Begriffe bleiben nichts als Schlagwörter, die soviel mit
echter Physik zu tun haben, wie der „Landarzt“ mit dem Medizinerberuf.
Pseudophilosophisch, pseudotheoretisch, pseudokriminalistisch – alles ist
pseudo an diesem Roman. Zeh hat das Thema anrecherchiert und wirft dem
Leser die Brocken hin („Kopenhagener Deutung“, „Dopplereffekt“, „Schrödingers
Katze“), in der Hoffnung, dass er das Milieu schon schlucken werde. Die
durch die Anlage der Figuren versprochenen Diskussionen auf höchstem
physikalischen Niveau folgen nie, die Professoren geben kaum mehr als
Allgemeinplätze von sich.
Ach ja, eine wichtige Rolle spielt auch das Schachspiel. Der Kommissar hat
immer einen kleinen Schachcomputer bei sich und versucht, ihn zu
bezwingen. Determinismus versus Intuition, Gut gegen Böse – alles bedeutet
etwas in diesem Roman, nur was? Alles nur ein Spiel, ein Kampf? Doch wer
kämpft hier gegen wen und wofür? Oder ist das Schachspiel nicht doch nur
ein Symbol für die „allwissende“ Autorin, die ihre Figuren auf dem
Prosabrett bewegt und versucht, eine gute Partie abzugeben? Die Empathie
gilt Zeh immer nur der eigenen Theorie, nie den Figuren – und das macht
diesen Roman so unsympathisch. Dem Ermittler Schilf einen Gehirntumor zu
verpassen, ist die beste Idee des ganzen Romans, denn paradoxerweise
bringt ausgerechnet dieses todbringende Gebilde Leben in den Text: Die
Trauer der Figur beim Abschiednehmen vom Leben. Der Rest ist reine
Theorie. Und macht beim Lesen etwa ebenso viel Spaß.
Juli Zeh. Schilf. Roman.
Schöffling Verlag. Frankfurt a. M. 2007.
384 Seiten. € 19,90.
ISBN: 978-3-89561-431-6
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