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Ein
Weißt-du-noch-Gespräch ohne Gegenüber
Ulf Erdmann Zieglers zweites Buch "Wilde Wiesen" möchte eine
"Autogeographie" sein.
Bei manch einem Buch weiß man schon nach der ersten Seite, dass man es,
komme was da wolle, nicht mehr mögen wird und da man von der Handlung zu
diesem Zeitpunkt noch nicht allzu viel mitbekommen hat, liegt eine solche
Antipathie in der Regel an der Sprache. Und die holpert eingangs Ulf
Erdmann Zieglers zweitem Buch „Wilde Wiesen“ ganz schön. Das Buch beginnt
mit einer Autofahrt, „von Norden her kommend nach Hamburg hinein“, „vorbei
an Bremen, wo wir den Roland und sein Rathaus kannten, erreichten wir am
Abend das Wahrzeichen Kölns, die riesenradgroße Leuchtschrift, die sich
horizontal und vertikal BAYER las.“ Weiter geht es nach Köln Lindenthal,
zum „einzig möglichen Ort“, in ein „graues Mietshaus im Hochparterre“.
Schon hier stellen sich erste Fragen: Gehört das Rathaus dem Roland? Was
bitte ist ein einzig möglicher Ort? Und man nehme sich in Acht vor dem
Kölner, dem man die Bayer-Leuchtschrift als Wahrzeichen seiner Stadt
unterjubeln möchte. Bayer gehört zu Leverkusen wie das Sponsoring zum
Fußball und das einzig wahre Wahrzeichen Kölns ist wohl der Dom. Liegt das
Mietshaus im Hochparterre oder nicht doch eher
die Wohnung? Und so geht es
weiter: „Der Käfer, der Variant, der Admiral, der 190er, aber auch die
Lastwagen mit Aufschriften wie Spedition Hamacher und Interfrigo, sie alle
waren unterwegs auf großen und kleinen Straßen und wurden bei Bedarf in
diagonale Parkplätze rangiert.“ Abgesehen davon, dass diagonal angeordnete
Parkplätze kaum des Rangierens bedürfen, wimmelt der Satz nur so von
Allgemeinplätzen: „Käfer, Variant, Admiral“, „Spedition Hamacher und
Interfrigo“, „sie alle waren unterwegs“, „bei Bedarf“, „große und kleine
Straßen“. Die spürbare Anstrengung des Autors, einen sprachlich exakten
Ausdruck zu erreichen, führt zum Gegenteil: Beliebigkeit.
Der mit 48 Jahren erst sehr spät ins Literaturgeschäft eingestiegene
Ziegler verwendet für sein zweites Buch das gespreizte Wort
„Autogeographie“ (laut Verlag eine „animierte Landkarte von Orten“), man
könnte auch schlichter Erinnerungen dazu sagen, doch das klänge bei weitem
nicht so interessant und würde schon beim Anblick des Covers die
entscheidende Frage aufwerfen: Erinnerungen? Ulf Erdmann Wer?
Eine Autobiografie also, voll von Details einer Kindheit und Jugend der
60er und 70er Jahre in der westdeutschen Provinz. Der Klappentext trägt
ziemlich dick auf, will hinter den Erinnerungen das „Drama der Flucht“,
die „Ära der Jesus-People“ oder gar den „historischen Horizont“ der
deutschen Teilung ausmachen – Klappentextprosa, die genau davon am meisten
verspricht, wovon der Text am wenigsten hat: Drama. Der Horizont von
„Wilde Wiesen“ reicht kaum über den eines mittelmäßigen Tagebuchs hinaus,
ja, er bleibt sogar weit dahinter zurück, denn Ziegler stellt zwar das
eigene Ich in den Mittelpunkt – gut, auch dort, vor allem dort, kann man
„innere Landschaften“ erkunden – doch dort hinein, in die Tiefe des
Existenziellen, gelangt Ziegler nie, weil er mit seiner Sprache immer an
der Oberfläche bleibt.
Literatur entsteht dort, wo die Geschichte einen Bedeutungsgehalt über das
eigene Leben hinaus entwickelt, wo die Erfahrung des Autors einen
Erkenntnisgewinn beim Leser auslöst, doch in „Wilde Wiesen“ gibt es keinen
Mehrwert für jene Leser, die diese Zeit nicht erlebt haben, die nicht als
Kinder in Einfeld, Pillnitz oder Orschel-Hagen waren. Hans-Ulrich Treichel,
ein Autor, der, etwa in „Der Verlorene“, in ähnlicher Weise die
westdeutsche Provinz und die eigene Vergangenheit ins Zentrum seines
Erzählens stellt, versteht es immerhin, durch die Melodie seiner Sprache
und eine ausgeklügelte Erzählweise zu fesseln. Die Provinz passiert bei
Treichel quasi nebenbei. Der Geruch einer Metzgerei in Ostwestfalen, die
protestantische Enge des Elternhauses, all das wird bei Treichel lebendig,
weil der emotionale Tiefenraum einer Geschichte darunter liegt. Bei
Ziegler keine Spur davon: „Wilde Wiesen“ ist reine, kalte Deskription
durchsetzt mit ein wenig gesuchtem Humor.
Ziegler fächert das Personal einer Kindheit und Jugend auf, das, trotz
seiner scheinbaren Originalität, austauschbar ist. Figuren werden nicht
entwickelt, sondern tauchen auf als klischeehafte Schemen, die irgendwann
irgendeine Bedeutung für den Autor hatten: Der „Onkel mit dem schmalen
Gesicht und den Fußballerbeinen“, die „Tante mit dem breiten Gesicht und
den Kulleraugen“ oder Cousine Gundula, „sonnig und fragil, lachend, ohne
recht zu wissen warum“. Man zog durch Kleingärten und klaute Kirschen, man
hatte einen Roller, einen Bundeswehrparka und den Bolzplatz, auf dem sich
„Rosco den Ball schnappte und durch das Rudel der gegnerischen Jungen
pflügte bis ins gegnerische Tor“. Der Roman ist ein Weißt-du-noch-Gespräch
ohne Gegenüber und Ziegler einer jener Autoren, die glauben, ihr Leben sei
schon deshalb von Bedeutung, weil sie Autor sind und somit Teil jener
auktorialen Selbstüberschätzung, dem der deutsche Literaturbetrieb grob
geschätzt ein Viertel redundanter Neuerscheinungen verdankt – Schreiben
nicht für den Leser, sondern als Vergangenheitsaufarbeitung.
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