André Hille

 
 

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„Das Dichterisch-Deutsche in gelassenem Selbstbewußtsein“ (Th. Mann). Gerhart Hauptmann und die Politik

 

Dr. Antje Johanning, André Hille

 

War er Genie oder Scharlatan, einer der wichtigsten Dramatiker der Moderne oder ein überschätzter Schreiberling, der sich als guter Marketingstratege zum Volksdichter und zweiten Goethe zu stilisieren wusste? Ein kritischer Geist, jener „Schnapsbudenrhapsode“ und „Rinnsteinpoet“, dessen Drama "Die Weber" den Kaiser zur Kündigung seiner Loge im Deutschen Theater veranlassten, oder einfach ein Opportunist, der sein Fähnlein in den Wind hängte und nur zu gern mit den Nazis paktiert hätte, wäre er ihnen nicht allzu suspekt gewesen?

 

"Sein Andenken soll verscharrt sein unter Disteln; sein Bild begraben in Staub" 

An Hauptmann, so scheint es noch sechzig Jahre nach seinem Tod am 6. Juni 1946, scheiden sich die Geister. Während er nach wie vor einer der meistgespielten Autoren der deutschsprachigen Bühnen ist Hauptmanns Tod in der überregionalen Presse ausgefallen. Eine Ursache hierfür mag auch Hauptmanns Verhältnis zum Nationalsozialismus sein. Die "Debatte Hauptmann" wurde am 30. Oktober 1933 von Alfred Kerr eröffnet, ausgerechnet jenem Kritiker, der dem jungen Hauptmann zum Durchbruch auf der Bühne verholfen hatte und auch in den folgenden Jahren immer wieder für dessen Werk eingetreten war. „Gerhart Hauptmanns Schande“ heißt das Pamphlet, das Kerr im Prager Mittag veröffentlichte und in dem er seine grenzenlose Enttäuschung über den in Nazi-Deutschland verbliebenen Hauptmann zum Ausdruck bringt: „Hauptmann schmeichelt dem Raubgesindel. Dieser Mensch, der sein Leben lang einen Dichter des Altruismus dargestellt hat, dienert vor dessen Todfeinden. Er fand ... nicht nur kein Wort des Einspruchs gegen die dreckigsten der Barbareien. Er will seine Wirtschaftsexistenz nicht aufs Spiel setzten. Doch er duckt nicht nur: er wedelt. [...] Sein Andenken soll verscharrt sein unter Disteln; sein Bild begraben in Staub.“

Scheinbar lastet dieser Fluch immer noch auf Hauptmann und seinem Werk. Das 2003 erschienene „Personenlexikon zum Dritten Reich“ zählt Hauptmann zur „gesellschaftlichen Elite der Zeit des Dritten Reichs“, auch wenn sich Befürworter des Kerrschen Angriffs, wie etwa Thomas Mann, kurze Zeit nach Ende des Zweiten Weltkrieges wieder auf die Seite Hauptmanns stellten, ihn als „Menschen reiner Würde“ priesen und herausstellten, dass Deutschland „sein Werk eine hohe festivitas bleiben [wird] – allezeit“.

Ein Blick in die Spielpläne der Nachkriegszeit zeigt, dass Hauptmanns Dramen trotz so mancher medienwirksamer Kontroverse, nie völlig verbannt waren von Deutschlands Bühnen. Namhafte Regisseure, wie Michael Thalheimer, Albert Ostermeier oder Karin Henkel inszenieren ihn. Doch auch die Person Hauptmann gewinnt, zumindest an den Orten seines Wirkens, neue Aufmerksamkeit: Haus Seedorn auf Hiddensee, das Hauptmann 1930 als Sommerresidenz erwarb, wurde unlängst zu einem der „365 Orte im Land der Ideen“ erkoren. Überdies ist Hauptmann als Namensgeber des deutsch-polnischen Museumsverbunds Gerhart Hauptmann mittlerweile zum Aushängeschild einer bislang beispiellosen deutsch-polnischen Museumskooperation avanciert.

 

Dichterpriester und Dichternarr 

Seine ‚sozialen’ Dramen, die Hauptmann zum führenden Vertreter des Naturalismus machten, und die heute wieder verstärkt gespielt werden, brachten ihm das ungewollte Etikett des sozialistischen und regimekritischen Autors ein. Dabei ist auch bereits der ‚frühe’ Hauptmann vor der Jahrhundertwende keineswegs eindeutig politisch einzuordnen. Im gesamten Werk Hauptmanns findet sich weder ein ästhetisches Glaubensbekenntnis noch ein politisches. Er war nie ein Schreiber von Manifesten, in denen er seine Position im Künstlerischen oder Politischen (die ja eigentlich nicht zu trennen sind) dargelegt hätte. Allerdings haben sich im Nachlass erste Ansätze eines künstlerischen Credo erhalten, in denen er den Künstler als ei­nen gött­lich be­seel­ten Se­her und Mittler entwirft: „Ursprünglich sein, das Göttliche an­schaun und schließlich ihm ganz zu Diensten stehen, das alles macht erst den Künstler. So bin ich Werkzeug, Mittler, Bekenner, erfüllt von dem mächtigsten Trieb und Drang, das Ewige, Gött­liche auszusprechen.“ Dieses ganz dem 19. Jahrhundert verhaftete Bild des Dichters als Priester, das Hauptmann auch medienwirksam zu inszenieren wusste – man denke hier an die zahlreichen Fotos, die ihn in seiner 1912 erworbenen Franziskanerkutte am Strand von Hiddensee zeigen – mag ein Grund dafür sein, dass seine Person, aber auch viele seiner Werke, besonders seine Romane, wie der Narr in Christo Emanuel Quint, Atlantis oder Die Insel der Großen Mutter  kaum mehr gelesen werden. Themen und Formen, die Hauptmann, abgesehen von einigen wenigen Dramen, ab der Jahrhundertwende in seinen Werken verhandelt, wirken entlegen, antiquiert, uninteressant. Schon das zeitgenössische Publikum zollte vielen Stücken und Romanen nicht die erhoffte Aufmerksamkeit, auch wenn Hauptmann immer wieder ein Hauptthema variiert, das Alfred Kerr 1906 anlässlich der Uraufführung von „Und Pippa tanzt!“, eines jener vielen Stücke, die heute kaum mehr das Interesse der Regisseure auf sich ziehen können, folgendermaßen fasst: „Das Grundgefühl ist die Erschütterung durch ein Gebild, worin Mächte miteinander kämpfen, die unser Sein bewegen. Aus der verschwebenden Wildnis eines Märchens sprechen Stimmen, die ihren Ursprung wie außerhalb der Kugel haben, auf die wir gesetzt sind. Das Ringen, das sehnende Umfangen, das Toben, das Entschwinden, das Weiterziehn ins Dunkle, das Zueinander- und Auseinanderfliegen der Seelen [...].“ Dieses Ringen, der Kampf von dionysischen und apollinischen Kräften, kann vielleicht auch erhellend sein für den ‚späten’ Hauptmann, nicht nur für sein Werk, sondern auch für das uneindeutige Verhältnis des ehemals als „König der Republik“ gehandelten Autors zum Dritten Reich. Wörter wie Regimetreue, Opposition oder gar innere Emigration können kaum die Zeit ab 1933 erhellen, geschweige denn charakterisieren, in der Hauptmann, auf dem Wiesenstein residierend, schwankt zwischen Ablehnung und Begeisterung, zwischen dem Rückzug ins Private und dem Wirken in der Öffentlichkeit, zwischen dem Dichterpriester und dem Künstler als Narren. Einerseits begrüßte er öffentlich den Austritt aus dem Völkerbund, den Anschluß Österreichs und votierte 1936 für Hitler, andererseits versucht er, sich immer wieder für Freunde und Bekannte einzusetzen. Bereits im „Till Eulenspiegel“ (1928) hatte Hauptmann das Narrenthema bearbeitet und zum „Symbol seiner eigenen Hilflosigkeit gegenüber dem Gang der Ereignisse“ (Peter Sprengel) gemacht, nun wird der Narr, der Hanswurst, zum Alter Ego des Dichters, zu einer Reflexionsfigur, mittels derer er sein Verhältnis zum Dritten Reich beleuchtet und die als eine Art Leitmotiv seine Tagebücher der 30er und 40er Jahre bestimmt. 1935 imaginiert Hauptmann in einem Sonett sein eigenes Begräbnis, in dem Hanswurst zwar nicht die Rolle des Dichters, wohl aber des schelmischen Deuters übernimmt, dessen Leichenpredigt gegen die Rede der Politiker gesetzt wird:

„Schauspieler sollen mich zu Grabe tragen, / nachdem der Vorhang endlich ist gefallen. / Dorfkinder mögen „Frösche“ lassen knallen, / Dorf­mu­si­kan­ten sol­len Pau­ken schla­gen. / Erkläre mich Hanswurst den Leuten allen! / Er mag voran auf einem Eslein rei­ten: / „Er hatte gute, hatte schlechte Zeiten,/er wurde ausgezischt und hat gefallen. […] Kein Staatsvertreter möge Witze machen, / denn ihre Kunst war niemals auf der Höhe: / nichts da von Staats- und von gelehrten Sachen! / Die Leichenpredigt handle über Flöhe!“

Diese selbstironische Distanzierung vom Politischen und Bildungsbürgerlichen ist verbunden mit der eigenen Entthronung als Dichterfürst, der hier herabgeholt wird ins Volkstümliche und Karnevaleske des Dorffestes. Auch der Habitus des weltabgewandten Gottsehers wird mit der Figur des Narren kontakariert. Gerade diese Ambivalenz von nahezu grotesker Selbststilisierung, die bei einem Thomas Mann den, allerdings positiven Eindruck hinterlässt, Hauptmann repräsentiere „das Dichterisch-Deutsche in gelassenem Selbstbewußtsein“, und die Selbstdeutung als schelmisch-lachender, zumeist hilfloser Hanswurst, bietet Ansatzpunkte für eine neue Annäherung an Hauptmann und sein Werk, denn, so schreibt er, „kleine Narren, große Worte“.

Fotos: Wikipedia, privat

 

© auf alle Texte und Bilder André Hille 2008