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Ein Möglichkeitsraum für die Kultur
Ein weiter Platz, abblätternder Putz und ein legendäres Theaterhaus: Auf
dem Gelände des Festspielhauses in Dresden-Hellerau residiert die
Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Im 14. Jahr ihres Bestehens
erweist sich das Modell der Kulturförderung als Erfolgsgeschichte. Über
die Möglichkeiten der Förderung, eine sächsische Identität und Kultur in
Zeiten der Globalisierung sprachen der Stiftungsdirektor Ralph Lindner und
der für Literatur zuständige Referent Dr. Manuel Frey.
Der Sächsische Landtag hat am 22. April 1993 das Gesetz über die
Errichtung der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen beschlossen. Welche
Bilanz ziehen Sie nach 14 Jahren Stiftungsarbeit?
Lindner: Die Kulturstiftung ist zunächst ohne Eigenmittel
gestartet. Ihren Grundstock an Stiftungskapital hat sie erst 1998 bekommen
und ist sukzessive in ihre Aufgaben hineingewachsen. Im Jahr 2005 haben
wir die allgemeine Kunst- und Kulturförderung des Ministeriums für
Wissenschaft und Kunst übernommen, wodurch die Kulturstiftung noch einmal
völlig anderes aufgestellt worden ist. Sie hat jetzt große Bedeutung als
Förderer für alle künstlerischen Sparten. Das ist insofern eine
Erfolgsgeschichte, als im Lauf der Jahre immer größere Projekte gefördert
und Stipendien vergeben werden konnten.

Sind Sie dann jetzt als Institution an einer Art Endpunkt angelangt?
Lindner: Keineswegs. Wir wollen gar keine normative Position
entfalten. Es ist nicht unsere Aufgabe, einen festen Kunst- und
Kulturbegriff zu definieren, insofern ist unsere Arbeit prozesshaft. Erst
wenn der Kunstbegriff zum Stillstand kommt, kommen auch wir zum
Stillstand. Der Kernpunkt ist und bleibt aber, das hört sich immer sehr
pathetisch an, ist aber tatsächlich unser vornehmstes Ziel, der freien
Entfaltung von Kunst und Kultur Rechnung zu tragen. Eine Kulturförderung
nach Fünfjahresplan ist nicht unsere Sache. Jede normative Position ist
hier unangemessen. Impulse geben, stimulieren und begleiten – so verstehen
wir unsere Aufgabe.
Frey: Wir haben ein bestimmtes Instrumentarium zur Verfügung, also
zum Beispiel die Stipendien- und Projektförderung, Ankäufe, Preise und
Eigeninitiativen. Uns kommt es darauf an, diese Instrumente im Prozeß der
kulturellen Entwicklung ständig zu schärfen und weiterzuentwickeln.
Die Förderung geht von wenigen hundert Euro bis hoch zu 45.000 Euro für
Einzelprojekte. Sieht die Kulturstiftung ihre Verantwortung eher bei den
Leuchttürmen der Kultur oder den kleinen Projekten an der Basis?
Lindner: Bei beidem. Es ist absolut notwendig, dass wir auch die
kleinen Projekte fördern. Wenn ich zum Beispiel die demografischen
Veränderungen beobachte, muss ich mich fragen: Was bedeutet Kultur im
ländlichen Raum? Was bedeuten Traditionen im sächsischen Raum? Man denke
nur an den sächsischen Musikwinkel mit seiner ganzen
Instrumentenbautradition. Das heißt, man muss die Förderung immer auch
konkret anpassen an die jeweiligen Bedürfnisse oder Stärken einer
gewachsenen Landschaft. Insofern bekennen wir uns zu den ganz kleinen
Projekten, die notwendig sind, um Kulturpflege zu betreiben oder die
Verständlichkeit von kulturellen Darbietungsformen zu gewährleisten. Mit
unserer Arbeit ist ja nicht zuletzt ein Bildungsgedanke verbunden. Und
wenn man dann im Laienbereich das eine oder andere fördert, hat das noch
diesen zweiten Effekt der kulturellen Bildung.
Wie läuft dann die Entscheidung über eine Förderung in der Regel ab?
Lindner: Wir haben für jede Sparte einen Beirat, der sich aus
Fachleuten unterschiedlichster Professionen zusammensetzt. Diese
Fachbeiräte sichten die eingegangenen Projektanträge und sprechen dann
Empfehlungen aus. Die Empfehlungen werden dem Vorstand zur Entscheidung
vorgelegt.
In welchem Turnus wird der Beirat ausgetauscht?
Lindner: Alle drei Jahre. Hier wollen wir ganz klar Verhärtungen
vermeiden. Wir verwenden große Sorgfalt auf die Zusammensetzung der
Beiräte und wünschen uns, dass die Mitglieder unterschiedliche Kompetenzen
mitbringen, dass sie aus den verschiedenen Regionen in Sachsen kommen oder
dass Männer und Frauen gleichermaßen berücksichtigt werden. Es gibt da
sechs, sieben zentrale Kriterien. Natürlich ist das ein Spagat, es gelingt
nicht immer, alle Kriterien unter einen Hut zu bringen. Zuallererst ist es
uns wichtig, dass die Beiratsmitglieder ausgewiesene Spezialisten in ihrem
jeweiligen Bereich sind.
Besteht nicht trotzdem die Gefahr von Interessenskonflikten, wenn sich
Funktionen im Beirat der Kulturstiftung und Funktionen in anderen Ämtern
in einer Person vereinen?
Lindner: Die Beiräte sind relativ aufwendig zusammengesetzt, sie
sind mindestens fünf-, wenn nicht siebenköpfig. Man kann es nie
hundertprozentig vermeiden, dass es in irgendeiner Form zu
Interessenkonflikten kommt. Wir haben versucht, dem durch die Struktur und
die Berufung möglichst zu entgehen und sind wie gesagt daran interessiert,
in gewissen Abständen frischen Wind hineinzubringen.
Frey: Es gibt ein hohes Maß an gegenseitiger Kontrolle in den
Beiräten, man schaut aufeinander: Was macht der andere? Was sind das für
Projekte? Insofern ist da ein Höchstmaß an Objektivität gegeben.
Wo Geld im Spiel ist, entsteht immer auch Enttäuschung. Bekommen Sie
etwas von dieser Enttäuschung mit?
Lindner: Ja, auf jeden Fall. Allein schon deshalb, weil wir keine
Abonnements auf unsere Förderung gibt. Es kann sein, dass ein
Projektträger, der im Vorjahr ein wunderbares Projekt gemacht hat, sich im
laufenden Jahr ein Vorhaben überlegt hat, die nach unserem Verständnis
nicht tragfähig ist. Das wird dann abgelehnt und das führt natürlich zu
Enttäuschungen. Es kann auch sein, dass Erstanträge von neuen
Projektträgern scheitern, weil die noch nicht die nötige Erfahrung haben.
Da versuchen wir besonders sensibel zu sein, wir wollen ja niemand
abschrecken, sondern im Gegenteil, professionalisieren und qualifizieren.
Natürlich ist nicht unbegrenzt Geld vorhanden, so dass die Antragsteller
in einer Konkurrenz zueinander stehen. Wir haben über tausend
Geschäftsfälle pro Jahr und es ist klar, dass wir nicht jedes Projekt
fördern können. Doch meist kristallisiert sich in der Abwägung Qualität
heraus und die Anträge werden angemessen berücksichtigt und bewertet.

Das berührt die Frage nach einem Kanon. Sie übernehmen ja durch Ihre
Entscheidungen auch eine Art Kanonisierungsfunktion.
Frey: Das scheint in der Tat zunächst so, etwa wenn sich im
Nachhinein zeigt, dass sich bestimmte, auf hohem Niveau arbeitende
Projektträger, etwa im Festivalbereich, immer wieder durchsetzen. Das
bedeutet aber nicht, dass wir uns in irgendeiner Weise inhaltlich
festlegen. Es gibt alleine insofern keinen Kanon, als dass wir
Positivkriterien hätten, die wir immer wieder anlegen würden. Wir sind
offen für neue Anregungen und freuen uns über neue Ideen, das steht jeder
Kanonbildung entgehen.
Lindner: Es gibt natürlich Moden innerhalb der Kultur, mitunter
werden bestimmte Themen zwei, drei Jahre intensiv verfolgt, um dann wieder
im Nichts zu versinken. Das Thema „Heimat“ war in der letzten Zeit zum
Beispiel eine solche Mode. Ihre Frage ist auch deshalb schwer zu
beantworten, weil Institutionen auch einen blinden Fleck haben können.
Grundsätzlich muss ich mich als Fördereinrichtung fragen, welche Position
ich innerhalb des Systems habe und welche Rolle ich durch das bloße
Aussprechen von Förderung einnehme. Das ist unauflösbar. Ein
Stiftungskollege hat einmal gesagt, dass viele seiner Jazzprojekte mit
drei Leuten im Publikum ohne Förderung nie durchgeführt worden wären. Dass
es zu solchen Verwerfungen kommt, kann man nicht verhindern, aber man kann
es auch korrigieren. Der Maßstab für dieses Korrektiv ist die Kultur
selbst und die Entwicklung, die sie nimmt. Wir haben jetzt ein Jahrzehnt
der zunehmenden Ökonomisierung von Kultur hinter uns, da werden plötzlich
kulturfremde Kriterien an die Vorhaben angelegt, die der Kultur nicht
immer nur schaden, sondern die mitunter auch befreiend sind, weil sie
Denkgewohnheiten aufbrechen.
Die Schwierigkeit Ihrer Arbeit liegt genau an diesem Punkt der
Bewertung von Kunst. Sie sagten zwar, Qualität schäle sich heraus, aber
wer schon einmal an einer Jurysitzung teilgenommen hat, weiß, dass solche
Runden durchaus eine Eigendynamik entwickeln. Es gibt zum Teil sehr
unterschiedliche Auffassungen von der Qualität eines Kunstwerkes.
Inwieweit lässt sich Kunst wirklich objektiv bewerten?
Lindner: Die Bewertung ist grundsätzlich ein integraler Bestandteil
von Kultur und ihrer Förderung: Es gibt immer die Möglichkeit des
Fehlurteils, die ist dem Ganzen inhärent. Es gibt kein Verfahren, das das
verhindert. Es gibt nur Möglichkeiten der Objektivierung: Wie besetzt man
einen Beirat? Wie lange tragen die einzelnen Mitglieder Verantwortung? Wie
offen gestaltet man seine Förderkriterien? Unsere Förderrichtlinien
versuchen möglichst weit gespannt Vorhaben zu umschreiben, die für eine
Förderung in Frage kommen. Wenn wir Themen, Strukturen, Ziele detailliert
festlegen würden, dann hätten wir tatsächlich eine Kanonbildung. Wenn wir
zum Beispiel nur das radikal zeitgenössische Projekt mit
gesellschaftsrelevantem Bezug, sagen wir Konzeptkunst mit politisch
kritischer Ausrichtung fördern würden, dann bliebe alles andere
ausgeblendet. Gerade das wollen wir nicht, im Gegenteil: Es wird ein sehr
weiter Kulturbegriff angelegt. Dass Entscheidungen über Qualität in einem
solchen unabhängigen Beirat immer auch brüchig sein können, lässt sich
nicht aus der Welt schaffen. Da irrt ein Beirat genauso wie eine ganze
Gesellschaft, man denke nur an die Ignoranz der Zeitgenossen gegenüber
später berühmten Künstlern wie Rembrandt oder van Gogh.
Die Förderungssummen in den meisten Sparten sind gegenüber 2006 gleich
geblieben oder gestiegen. Hatte die Kulturstiftung 2007 mehr Geld zur
Verfügung?
Lindner: Wir hatten 2005, 2006 und 2007 ungefähr gleich viel Geld.
Im Vergleich zu 2004 hat es einen Aufwuchs der Mittel gegeben. Das ist ein
großer politischer Erfolg, der nicht zuletzt mit dem Koalitionsvertrag zu
tun hat. Es steht mehr Geld für die Kulturförderung bereit und darüber
freuen wir uns. Noch 2004 musste das Ministerium für Wissenschaft und
Kunst die Förderung für Literatur und Film auf Null setzen, womit wir in
keinem Fall zufrieden sein konnten. Der Kulturstiftung gelang es ab 2005
gegenzusteuern, zugleich mussten wir feststellen, dass die etablierten
Strukturen in diesen Bereichen weggebrochen waren. Viele Projektträger
hatten sich anderen Aufgaben zugewandt und gerade in der Literatur ist es
sehr schwer, an den vorherigen Zustand wieder anzuschließen.
Die Literatur ist mit 43.000 Euro Fördersumme im 1. Halbjahr 2007 das
Stiefkind. Liegt das an jenen fehlenden Strukturen oder an der
Bescheidenheit der Kunstform?
Lindner: Gerade der Literatur schenken wir viel Aufmerksamkeit, sie
ist alles andere als ein Stiefkind für uns. Grundsätzlich haben wir vom
Sächsischen Landtag festgelegte Planzahlen. Konkret bedeutet das 135.000
Euro im Jahr für die Literatur, im Bereich der bildenden Kunst sind es
325.000 Euro, im Bereich Film und Soziokultur liegen die Beträge ähnlich,
im Bereich der Darstellenden Kunst und Musik sind wir bei 945.000 Euro.
Speziell im Bereich der Literatur haben wir allerdings im Jahr 2006
feststellen müssen, dass wir nicht alles, was wir für Projektförderung zur
Verfügung hatten, ausgeben konnten und das hat tatsächlich mit der
erwähnten Beschädigung der Strukturen zu tun. Es ist eben ziemlich
aufwendig, eine Lesung oder Lesereihe zu konzipieren. Das hat ja auch mit
Erfahrung zu tun, mit der Bildung von Netzwerken. Etwas anderes ist es mit
den Stipendien, da hatten wir bisher ausgezeichnete Bewerber.

Der Mangel an Anträgen gilt nur für die Projektarbeit und nicht für die
Stipendien?
Lindner: Wir haben dann zwar das eine oder andere Stipendium mehr
vergeben. Es gibt in Mitteldeutschland diese lange literarische Tradition,
insofern ist es da unproblematisch. Aber wir können und wollen natürlich
nicht nur Stipendien vergeben, weil wir ja Literatur an junge Leute, alte
Leute, an Leseerfahrene, Erstleser und so weiter vermitteln wollen. Es
muss auch diese anderen Formate geben.
Frey: Dass es bei den Stipendien dieses Problem noch nicht gibt,
zeigt auch, dass die literarische Qualität da ist. Es gibt genügend
Talente in Sachsen, das ist überhaupt nicht die Frage. Das Problem ist,
das gerade im Bereich der Literatur viele Vereine sehr klein sind und mit
ehrenamtlichen Strukturen arbeiten. Da wird dann die Antragstellung und
Ausarbeitung eines Projektes zum Problem.
Lindner: Diese 135.000 Euro für die Literatur stehen, die standen
2005, 2006 und die stehen auch 2007. Insgesamt, und das ist wichtig,
beobachten wir in den Sparten Film und Literatur eine positive
Entwicklung. Unsere Bemühungen greifen langsam.
Das ist also durchaus auch als Aufforderung an die
Literaturinteressierten zu verstehen, dass man Projekte angeht?
Lindner: Ja, wir wollen, dass neue Vereine gegründet werden, dass
sich Privatpersonen engagieren. Wir leben als Förderinstitution einfach
von der Qualität der Projekte. Wenn uns die hochwertigen Projekte fehlen,
können wir gegenüber der Politik auch nicht für Mittelzuwächse kämpfen.
Das bedingt sich. Eine Einrichtung wie die Kulturstiftung ist nichts
Singuläres, das allein im Raum steht, wir wollen nicht nur einfach Geld
verteilen. Wir brauchen Menschen, die etwas voranbringen wollen, entweder
allein oder mit uns, es muss einen Austausch und auch Orte dafür geben.
Ein großes Desiderat in Sachsen ist beispielsweise, dass es kein
ausgewiesenes Literaturhaus gibt. Speziell in Dresden gibt es keine mit
anderen Städten dieser Größe vergleichbare Einrichtung. Und das ist ein
strukturelles Problem. Andere Sparten sind besser aufgestellt. Die
Museumslandschaft in Sachsen ist ungleich ausdifferenzierter, gerade im
Verhältnis von älterer zu zeitgenössischer Kunst, dagegen fehlt es im
Bereich der Literatur an wichtigen Formaten und Einrichtungen.
Das Literaturcluster, wenn man das so sagen darf, liegt eher in
Leipzig?
Lindner: Von Dresden weiß man es zum Teil einfach nicht mehr, es
gab gerade um 1900 sehr namhafte Verlage, viele Traditionen sind heute
auch verschüttet. Wo auch immer man es ansiedelt, auch für ganz Sachsen
betrachtet fehlen vielfach Orte für Literatur. Hier suchen wir noch
Mitstreiter, es soll nicht bei der Beobachtung bleiben, dass hier etwas
fehlt.
In Thüringen wurde 2005 ebenfalls eine Kulturstiftung des Landes
gegründet. Wurde da vielleicht auch auf die erfolgreiche Arbeit in Dresden
geschaut?
Lindner: Sicherlich. Die mitteldeutschen Länder Sachsen, Thüringen
und Sachsen-Anhalt haben ja viele Gemeinsamkeiten, da achtet man
gegenseitig noch ganz anders aufeinander. Gerade Thüringen und
Sachsen-Anhalt sind oftmals den Entwicklungen in Sachsen gefolgt, wenn die
sich als wegweisend und gut herausgestellt haben. Das betrifft sowohl die
Einrichtung eines Kultursenats nach sächsischem Vorbild als auch den
Aufbau einer Kulturstiftung. Grundsätzlich hat ja so gut wie jedes Land in
Deutschland eine mehr oder weniger starke Landeskulturstiftung.

Gleichzeitig stehen massive Kürzungen in der Kulturlandschaft an. Ist
das nicht ein Widerspruch? Erst will man Kultur fördern und im gleichen
Atemzug zieht man wieder Millionen aus der Kultur heraus.
Lindner: Das kann man schwer miteinander vergleichen. Die Probleme
haben alle genannten Länder gleichermaßen. Vor dem Hintergrund der
sinkenden Transfermittel oder der demografischen Entwicklung kann man das
nicht einfach ignorieren. Immer weniger Menschen kommen für die Strukturen
auf und gerade die gut qualifizierten Kräfte verlassen die Länder.
Insofern ist die kulturelle Infrastruktur teilweise zu groß dimensioniert
und muss den neuen Gegebenheiten angepasst werden. Andererseits ist gerade
die Pflege einer lebendigen Kultur und die Bewahrung des Erbes nicht an
die Einwohnerzahl, sondern an Qualität und Einzigartigkeit der Bestände
gekoppelt. Gerade ein dem Tourismus verpflichtetes Land wie Sachsen muss
das beachten.
Gibt es eine sächsische Kultur?
Frey: Es gibt Traditionen, die in Sachsen besonders stark
entwickelt sind, so dass man wirklich von etwas Besonderem im Land Sachsen
reden kann. Das ist beispielsweise die Musik, ganz klar. Nicht umsonst ist
die Darstellende Kunst und Musik der größte unserer Förderbereiche. Wir
haben darüber hinaus auch einen Musikinstrumentenfonds eingerichtet, da
spiegelt sich diese lokale Besonderheit nochmals.
Lindner: Diese reiche Tradition zieht sich durch alle Sparten. In
Leipzig sind es die Verlage und die Literatur, im Bereich Bildender Kunst
sind es die beiden Kunsthochschulen, beide im gleichen Jahr 1764
gegründet. Aber es gibt natürlich auch Bereiche, die fallen heraus.
Sachsen ist kein Spielfilmland. Insofern sind wir auch keine Filmstiftung
mit siebenstelliger Fördersumme in diesem Bereich. Ganz bewusst
beschränken wir uns auf die Traditionen, die heute noch fortdauern und
gepflegt werden – und auf das Neue, das entsteht.
Kultur hat ja auch immer sehr stark mit Identität zu tun, fördern Sie
also im Grunde eine Art sächsische Identität?
Lindner: Es ist sehr schwierig vor dem Hintergrund der
Globalisierung regionale Identität zu fassen, nicht zuletzt ist das
natürlich der Spagat, in dem wir uns bewegen. Es geht in der Kultur auch
um Behausung. Dem versuchen wir Rechnung zu tragen, aber nicht aus einer
normativen Position heraus. Das berührt eine Frage, die für mich noch
unbeantwortet aber von großem Interesse ist: Wie hängen internationaler
Maßstab und regionaler Wertehorizont zusammen?
Frey: Wir diskutieren das häufig, es gibt da sicher
Komplementäreffekte. Die verstärkte Globalisierung auf der einen Seite
führt zu einer verstärkten Regionalisierung auf der anderen Seite, nicht
nur in Deutschland. Da gibt es eine Gegenbewegung in Richtung regionaler
Identität. Und da machen in der Tat Kunst und Kultur Angebote.
Lindner: Wir haben wie gesagt kein festzementiertes sächsisches
Kulturleitbild und sind nicht so selbstbezogen, dass wir uns abkoppeln
wollen. Im Gegenteil, junge Menschen müssen offen sein für neue
Anregungen, müssen räumlich gesehen auch mal raus. Daher haben wir zum
Beispiel für bildende Künstler das New York Stipendium oder auch die
Mittelosteuropa-Stipendien im Bereich Literatur haben diesen
internationalen Bezug. Gleichzeitig gibt es neue Perspektiven, die vor dem
Hintergrund bestimmter Erfahrungen und Traditionen vielleicht nur in
Sachsen möglich sind.
www.kulturstiftung.sachsen.de
Fotos: Heyder, ef-a.de
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