André Hille

 
 

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Ein Möglichkeitsraum für die Kultur

Ein weiter Platz, abblätternder Putz und ein legendäres Theaterhaus: Auf dem Gelände des Festspielhauses in Dresden-Hellerau residiert die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Im 14. Jahr ihres Bestehens erweist sich das Modell der Kulturförderung als Erfolgsgeschichte. Über die Möglichkeiten der Förderung, eine sächsische Identität und Kultur in Zeiten der Globalisierung sprachen der Stiftungsdirektor Ralph Lindner und der für Literatur zuständige Referent Dr. Manuel Frey.


 

Der Sächsische Landtag hat am 22. April 1993 das Gesetz über die Errichtung der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen beschlossen. Welche Bilanz ziehen Sie nach 14 Jahren Stiftungsarbeit?
Lindner: Die Kulturstiftung ist zunächst ohne Eigenmittel gestartet. Ihren Grundstock an Stiftungskapital hat sie erst 1998 bekommen und ist sukzessive in ihre Aufgaben hineingewachsen. Im Jahr 2005 haben wir die allgemeine Kunst- und Kulturförderung des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst übernommen, wodurch die Kulturstiftung noch einmal völlig anderes aufgestellt worden ist. Sie hat jetzt große Bedeutung als Förderer für alle künstlerischen Sparten. Das ist insofern eine Erfolgsgeschichte, als im Lauf der Jahre immer größere Projekte gefördert und Stipendien vergeben werden konnten.

Sind Sie dann jetzt als Institution an einer Art Endpunkt angelangt?
Lindner: Keineswegs. Wir wollen gar keine normative Position entfalten. Es ist nicht unsere Aufgabe, einen festen Kunst- und Kulturbegriff zu definieren, insofern ist unsere Arbeit prozesshaft. Erst wenn der Kunstbegriff zum Stillstand kommt, kommen auch wir zum Stillstand. Der Kernpunkt ist und bleibt aber, das hört sich immer sehr pathetisch an, ist aber tatsächlich unser vornehmstes Ziel, der freien Entfaltung von Kunst und Kultur Rechnung zu tragen. Eine Kulturförderung nach Fünfjahresplan ist nicht unsere Sache. Jede normative Position ist hier unangemessen. Impulse geben, stimulieren und begleiten – so verstehen wir unsere Aufgabe.
Frey: Wir haben ein bestimmtes Instrumentarium zur Verfügung, also zum Beispiel die Stipendien- und Projektförderung, Ankäufe, Preise und Eigeninitiativen. Uns kommt es darauf an, diese Instrumente im Prozeß der kulturellen Entwicklung ständig zu schärfen und weiterzuentwickeln.

Die Förderung geht von wenigen hundert Euro bis hoch zu 45.000 Euro für Einzelprojekte. Sieht die Kulturstiftung ihre Verantwortung eher bei den Leuchttürmen der Kultur oder den kleinen Projekten an der Basis?
Lindner: Bei beidem. Es ist absolut notwendig, dass wir auch die kleinen Projekte fördern. Wenn ich zum Beispiel die demografischen Veränderungen beobachte, muss ich mich fragen: Was bedeutet Kultur im ländlichen Raum? Was bedeuten Traditionen im sächsischen Raum? Man denke nur an den sächsischen Musikwinkel mit seiner ganzen Instrumentenbautradition. Das heißt, man muss die Förderung immer auch konkret anpassen an die jeweiligen Bedürfnisse oder Stärken einer gewachsenen Landschaft. Insofern bekennen wir uns zu den ganz kleinen Projekten, die notwendig sind, um Kulturpflege zu betreiben oder die Verständlichkeit von kulturellen Darbietungsformen zu gewährleisten. Mit unserer Arbeit ist ja nicht zuletzt ein Bildungsgedanke verbunden. Und wenn man dann im Laienbereich das eine oder andere fördert, hat das noch diesen zweiten Effekt der kulturellen Bildung.

Wie läuft dann die Entscheidung über eine Förderung in der Regel ab?

Lindner: Wir haben für jede Sparte einen Beirat, der sich aus Fachleuten unterschiedlichster Professionen zusammensetzt. Diese Fachbeiräte sichten die eingegangenen Projektanträge und sprechen dann Empfehlungen aus. Die Empfehlungen werden dem Vorstand zur Entscheidung vorgelegt.

In welchem Turnus wird der Beirat ausgetauscht?
Lindner: Alle drei Jahre. Hier wollen wir ganz klar Verhärtungen vermeiden. Wir verwenden große Sorgfalt auf die Zusammensetzung der Beiräte und wünschen uns, dass die Mitglieder unterschiedliche Kompetenzen mitbringen, dass sie aus den verschiedenen Regionen in Sachsen kommen oder dass Männer und Frauen gleichermaßen berücksichtigt werden. Es gibt da sechs, sieben zentrale Kriterien. Natürlich ist das ein Spagat, es gelingt nicht immer, alle Kriterien unter einen Hut zu bringen. Zuallererst ist es uns wichtig, dass die Beiratsmitglieder ausgewiesene Spezialisten in ihrem jeweiligen Bereich sind.

Besteht nicht trotzdem die Gefahr von Interessenskonflikten, wenn sich Funktionen im Beirat der Kulturstiftung und Funktionen in anderen Ämtern in einer Person vereinen?
Lindner: Die Beiräte sind relativ aufwendig zusammengesetzt, sie sind mindestens fünf-, wenn nicht siebenköpfig. Man kann es nie hundertprozentig vermeiden, dass es in irgendeiner Form zu Interessenkonflikten kommt. Wir haben versucht, dem durch die Struktur und die Berufung möglichst zu entgehen und sind wie gesagt daran interessiert, in gewissen Abständen frischen Wind hineinzubringen.
Frey: Es gibt ein hohes Maß an gegenseitiger Kontrolle in den Beiräten, man schaut aufeinander: Was macht der andere? Was sind das für Projekte? Insofern ist da ein Höchstmaß an Objektivität gegeben.

Wo Geld im Spiel ist, entsteht immer auch Enttäuschung. Bekommen Sie etwas von dieser Enttäuschung mit?
Lindner: Ja, auf jeden Fall. Allein schon deshalb, weil wir keine Abonnements auf unsere Förderung gibt. Es kann sein, dass ein Projektträger, der im Vorjahr ein wunderbares Projekt gemacht hat, sich im laufenden Jahr ein Vorhaben überlegt hat, die nach unserem Verständnis nicht tragfähig ist. Das wird dann abgelehnt und das führt natürlich zu Enttäuschungen. Es kann auch sein, dass Erstanträge von neuen Projektträgern scheitern, weil die noch nicht die nötige Erfahrung haben. Da versuchen wir besonders sensibel zu sein, wir wollen ja niemand abschrecken, sondern im Gegenteil, professionalisieren und qualifizieren. Natürlich ist nicht unbegrenzt Geld vorhanden, so dass die Antragsteller in einer Konkurrenz zueinander stehen. Wir haben über tausend Geschäftsfälle pro Jahr und es ist klar, dass wir nicht jedes Projekt fördern können. Doch meist kristallisiert sich in der Abwägung Qualität heraus und die Anträge werden angemessen berücksichtigt und bewertet.

Das berührt die Frage nach einem Kanon. Sie übernehmen ja durch Ihre Entscheidungen auch eine Art Kanonisierungsfunktion.
Frey: Das scheint in der Tat zunächst so, etwa wenn sich im Nachhinein zeigt, dass sich bestimmte, auf hohem Niveau arbeitende Projektträger, etwa im Festivalbereich, immer wieder durchsetzen. Das bedeutet aber nicht, dass wir uns in irgendeiner Weise inhaltlich festlegen. Es gibt alleine insofern keinen Kanon, als dass wir Positivkriterien hätten, die wir immer wieder anlegen würden. Wir sind offen für neue Anregungen und freuen uns über neue Ideen, das steht jeder Kanonbildung entgehen.
Lindner: Es gibt natürlich Moden innerhalb der Kultur, mitunter werden bestimmte Themen zwei, drei Jahre intensiv verfolgt, um dann wieder im Nichts zu versinken. Das Thema „Heimat“ war in der letzten Zeit zum Beispiel eine solche Mode. Ihre Frage ist auch deshalb schwer zu beantworten, weil Institutionen auch einen blinden Fleck haben können. Grundsätzlich muss ich mich als Fördereinrichtung fragen, welche Position ich innerhalb des Systems habe und welche Rolle ich durch das bloße Aussprechen von Förderung einnehme. Das ist unauflösbar. Ein Stiftungskollege hat einmal gesagt, dass viele seiner Jazzprojekte mit drei Leuten im Publikum ohne Förderung nie durchgeführt worden wären. Dass es zu solchen Verwerfungen kommt, kann man nicht verhindern, aber man kann es auch korrigieren. Der Maßstab für dieses Korrektiv ist die Kultur selbst und die Entwicklung, die sie nimmt. Wir haben jetzt ein Jahrzehnt der zunehmenden Ökonomisierung von Kultur hinter uns, da werden plötzlich kulturfremde Kriterien an die Vorhaben angelegt, die der Kultur nicht immer nur schaden, sondern die mitunter auch befreiend sind, weil sie Denkgewohnheiten aufbrechen.

Die Schwierigkeit Ihrer Arbeit liegt genau an diesem Punkt der Bewertung von Kunst. Sie sagten zwar, Qualität schäle sich heraus, aber wer schon einmal an einer Jurysitzung teilgenommen hat, weiß, dass solche Runden durchaus eine Eigendynamik entwickeln. Es gibt zum Teil sehr unterschiedliche Auffassungen von der Qualität eines Kunstwerkes. Inwieweit lässt sich Kunst wirklich objektiv bewerten?
Lindner: Die Bewertung ist grundsätzlich ein integraler Bestandteil von Kultur und ihrer Förderung: Es gibt immer die Möglichkeit des Fehlurteils, die ist dem Ganzen inhärent. Es gibt kein Verfahren, das das verhindert. Es gibt nur Möglichkeiten der Objektivierung: Wie besetzt man einen Beirat? Wie lange tragen die einzelnen Mitglieder Verantwortung? Wie offen gestaltet man seine Förderkriterien? Unsere Förderrichtlinien versuchen möglichst weit gespannt Vorhaben zu umschreiben, die für eine Förderung in Frage kommen. Wenn wir Themen, Strukturen, Ziele detailliert festlegen würden, dann hätten wir tatsächlich eine Kanonbildung. Wenn wir zum Beispiel nur das radikal zeitgenössische Projekt mit gesellschaftsrelevantem Bezug, sagen wir Konzeptkunst mit politisch kritischer Ausrichtung fördern würden, dann bliebe alles andere ausgeblendet. Gerade das wollen wir nicht, im Gegenteil: Es wird ein sehr weiter Kulturbegriff angelegt. Dass Entscheidungen über Qualität in einem solchen unabhängigen Beirat immer auch brüchig sein können, lässt sich nicht aus der Welt schaffen. Da irrt ein Beirat genauso wie eine ganze Gesellschaft, man denke nur an die Ignoranz der Zeitgenossen gegenüber später berühmten Künstlern wie Rembrandt oder van Gogh.

Die Förderungssummen in den meisten Sparten sind gegenüber 2006 gleich geblieben oder gestiegen. Hatte die Kulturstiftung 2007 mehr Geld zur Verfügung?
Lindner: Wir hatten 2005, 2006 und 2007 ungefähr gleich viel Geld. Im Vergleich zu 2004 hat es einen Aufwuchs der Mittel gegeben. Das ist ein großer politischer Erfolg, der nicht zuletzt mit dem Koalitionsvertrag zu tun hat. Es steht mehr Geld für die Kulturförderung bereit und darüber freuen wir uns. Noch 2004 musste das Ministerium für Wissenschaft und Kunst die Förderung für Literatur und Film auf Null setzen, womit wir in keinem Fall zufrieden sein konnten. Der Kulturstiftung gelang es ab 2005 gegenzusteuern, zugleich mussten wir feststellen, dass die etablierten Strukturen in diesen Bereichen weggebrochen waren. Viele Projektträger hatten sich anderen Aufgaben zugewandt und gerade in der Literatur ist es sehr schwer, an den vorherigen Zustand wieder anzuschließen.

Die Literatur ist mit 43.000 Euro Fördersumme im 1. Halbjahr 2007 das Stiefkind. Liegt das an jenen fehlenden Strukturen oder an der Bescheidenheit der Kunstform?
Lindner: Gerade der Literatur schenken wir viel Aufmerksamkeit, sie ist alles andere als ein Stiefkind für uns. Grundsätzlich haben wir vom Sächsischen Landtag festgelegte Planzahlen. Konkret bedeutet das 135.000 Euro im Jahr für die Literatur, im Bereich der bildenden Kunst sind es 325.000 Euro, im Bereich Film und Soziokultur liegen die Beträge ähnlich, im Bereich der Darstellenden Kunst und Musik sind wir bei 945.000 Euro. Speziell im Bereich der Literatur haben wir allerdings im Jahr 2006 feststellen müssen, dass wir nicht alles, was wir für Projektförderung zur Verfügung hatten, ausgeben konnten und das hat tatsächlich mit der erwähnten Beschädigung der Strukturen zu tun. Es ist eben ziemlich aufwendig, eine Lesung oder Lesereihe zu konzipieren. Das hat ja auch mit Erfahrung zu tun, mit der Bildung von Netzwerken. Etwas anderes ist es mit den Stipendien, da hatten wir bisher ausgezeichnete Bewerber.

Der Mangel an Anträgen gilt nur für die Projektarbeit und nicht für die Stipendien?
Lindner: Wir haben dann zwar das eine oder andere Stipendium mehr vergeben. Es gibt in Mitteldeutschland diese lange literarische Tradition, insofern ist es da unproblematisch. Aber wir können und wollen natürlich nicht nur Stipendien vergeben, weil wir ja Literatur an junge Leute, alte Leute, an Leseerfahrene, Erstleser und so weiter vermitteln wollen. Es muss auch diese anderen Formate geben.
Frey: Dass es bei den Stipendien dieses Problem noch nicht gibt, zeigt auch, dass die literarische Qualität da ist. Es gibt genügend Talente in Sachsen, das ist überhaupt nicht die Frage. Das Problem ist, das gerade im Bereich der Literatur viele Vereine sehr klein sind und mit ehrenamtlichen Strukturen arbeiten. Da wird dann die Antragstellung und Ausarbeitung eines Projektes zum Problem.
Lindner: Diese 135.000 Euro für die Literatur stehen, die standen 2005, 2006 und die stehen auch 2007. Insgesamt, und das ist wichtig, beobachten wir in den Sparten Film und Literatur eine positive Entwicklung. Unsere Bemühungen greifen langsam.

Das ist also durchaus auch als Aufforderung an die Literaturinteressierten zu verstehen, dass man Projekte angeht?
Lindner: Ja, wir wollen, dass neue Vereine gegründet werden, dass sich Privatpersonen engagieren. Wir leben als Förderinstitution einfach von der Qualität der Projekte. Wenn uns die hochwertigen Projekte fehlen, können wir gegenüber der Politik auch nicht für Mittelzuwächse kämpfen. Das bedingt sich. Eine Einrichtung wie die Kulturstiftung ist nichts Singuläres, das allein im Raum steht, wir wollen nicht nur einfach Geld verteilen. Wir brauchen Menschen, die etwas voranbringen wollen, entweder allein oder mit uns, es muss einen Austausch und auch Orte dafür geben. Ein großes Desiderat in Sachsen ist beispielsweise, dass es kein ausgewiesenes Literaturhaus gibt. Speziell in Dresden gibt es keine mit anderen Städten dieser Größe vergleichbare Einrichtung. Und das ist ein strukturelles Problem. Andere Sparten sind besser aufgestellt. Die Museumslandschaft in Sachsen ist ungleich ausdifferenzierter, gerade im Verhältnis von älterer zu zeitgenössischer Kunst, dagegen fehlt es im Bereich der Literatur an wichtigen Formaten und Einrichtungen.

Das Literaturcluster, wenn man das so sagen darf, liegt eher in Leipzig?
Lindner: Von Dresden weiß man es zum Teil einfach nicht mehr, es gab gerade um 1900 sehr namhafte Verlage, viele Traditionen sind heute auch verschüttet. Wo auch immer man es ansiedelt, auch für ganz Sachsen betrachtet fehlen vielfach Orte für Literatur. Hier suchen wir noch Mitstreiter, es soll nicht bei der Beobachtung bleiben, dass hier etwas fehlt.

In Thüringen wurde 2005 ebenfalls eine Kulturstiftung des Landes gegründet. Wurde da vielleicht auch auf die erfolgreiche Arbeit in Dresden geschaut?
Lindner: Sicherlich. Die mitteldeutschen Länder Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt haben ja viele Gemeinsamkeiten, da achtet man gegenseitig noch ganz anders aufeinander. Gerade Thüringen und Sachsen-Anhalt sind oftmals den Entwicklungen in Sachsen gefolgt, wenn die sich als wegweisend und gut herausgestellt haben. Das betrifft sowohl die Einrichtung eines Kultursenats nach sächsischem Vorbild als auch den Aufbau einer Kulturstiftung. Grundsätzlich hat ja so gut wie jedes Land in Deutschland eine mehr oder weniger starke Landeskulturstiftung.

Gleichzeitig stehen massive Kürzungen in der Kulturlandschaft an. Ist das nicht ein Widerspruch? Erst will man Kultur fördern und im gleichen Atemzug zieht man wieder Millionen aus der Kultur heraus.
Lindner: Das kann man schwer miteinander vergleichen. Die Probleme haben alle genannten Länder gleichermaßen. Vor dem Hintergrund der sinkenden Transfermittel oder der demografischen Entwicklung kann man das nicht einfach ignorieren. Immer weniger Menschen kommen für die Strukturen auf und gerade die gut qualifizierten Kräfte verlassen die Länder. Insofern ist die kulturelle Infrastruktur teilweise zu groß dimensioniert und muss den neuen Gegebenheiten angepasst werden. Andererseits ist gerade die Pflege einer lebendigen Kultur und die Bewahrung des Erbes nicht an die Einwohnerzahl, sondern an Qualität und Einzigartigkeit der Bestände gekoppelt. Gerade ein dem Tourismus verpflichtetes Land wie Sachsen muss das beachten.

Gibt es eine sächsische Kultur?
Frey: Es gibt Traditionen, die in Sachsen besonders stark entwickelt sind, so dass man wirklich von etwas Besonderem im Land Sachsen reden kann. Das ist beispielsweise die Musik, ganz klar. Nicht umsonst ist die Darstellende Kunst und Musik der größte unserer Förderbereiche. Wir haben darüber hinaus auch einen Musikinstrumentenfonds eingerichtet, da spiegelt sich diese lokale Besonderheit nochmals.
Lindner: Diese reiche Tradition zieht sich durch alle Sparten. In Leipzig sind es die Verlage und die Literatur, im Bereich Bildender Kunst sind es die beiden Kunsthochschulen, beide im gleichen Jahr 1764 gegründet. Aber es gibt natürlich auch Bereiche, die fallen heraus. Sachsen ist kein Spielfilmland. Insofern sind wir auch keine Filmstiftung mit siebenstelliger Fördersumme in diesem Bereich. Ganz bewusst beschränken wir uns auf die Traditionen, die heute noch fortdauern und gepflegt werden – und auf das Neue, das entsteht.

Kultur hat ja auch immer sehr stark mit Identität zu tun, fördern Sie also im Grunde eine Art sächsische Identität?
Lindner: Es ist sehr schwierig vor dem Hintergrund der Globalisierung regionale Identität zu fassen, nicht zuletzt ist das natürlich der Spagat, in dem wir uns bewegen. Es geht in der Kultur auch um Behausung. Dem versuchen wir Rechnung zu tragen, aber nicht aus einer normativen Position heraus. Das berührt eine Frage, die für mich noch unbeantwortet aber von großem Interesse ist: Wie hängen internationaler Maßstab und regionaler Wertehorizont zusammen?
Frey: Wir diskutieren das häufig, es gibt da sicher Komplementäreffekte. Die verstärkte Globalisierung auf der einen Seite führt zu einer verstärkten Regionalisierung auf der anderen Seite, nicht nur in Deutschland. Da gibt es eine Gegenbewegung in Richtung regionaler Identität. Und da machen in der Tat Kunst und Kultur Angebote.
Lindner: Wir haben wie gesagt kein festzementiertes sächsisches Kulturleitbild und sind nicht so selbstbezogen, dass wir uns abkoppeln wollen. Im Gegenteil, junge Menschen müssen offen sein für neue Anregungen, müssen räumlich gesehen auch mal raus. Daher haben wir zum Beispiel für bildende Künstler das New York Stipendium oder auch die Mittelosteuropa-Stipendien im Bereich Literatur haben diesen internationalen Bezug. Gleichzeitig gibt es neue Perspektiven, die vor dem Hintergrund bestimmter Erfahrungen und Traditionen vielleicht nur in Sachsen möglich sind.

 www.kulturstiftung.sachsen.de

 

Fotos: Heyder, ef-a.de

 

© André Hille 2008