André Hille

 
 

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Angekommen in der Heimat

 

in der LVZ-Reihe: Nachdenken über Leipzig

 

Sommer zweitausendirgendwas: Ich schlendere durch einen weitläufigen Park, die Sonne gibt dem Gras einen seidigen Glanz, überall liegen junge, coole Menschen auf der Wiese, ein dunkelhäutiger DJ steht hinter einem Mischpult und produziert äußerst lässige Beats, und das Ganze vor einem Ensemble aus englischem Garten mit Teich und Brücke, einem Hochhaus mit einseitig spitzem Hut und einem seltsamen Turm, den ich architekturhistorisch nicht einordnen kann. Wow, denke ich, was ist das denn! Das ist ja wie Berlin, nur besser.

Drei, vier Jahre später, Winter zweitausendfünf. Ich stehe im Aldi in Lindenau an der Kasse, unten, ganz unten im Keller, das Neonlicht sticht mir in die Augen, vor mir ein Bärtiger mit einer Flasche Korn in der Hand, hinter mir auch einer. Als ich aus dem tiefen Bauch des Betonbunkers die Rolltreppe wieder hinauffahre, weht mir ein schneidiger Wind entgegen. Ich kämpfe mich, mit vollem Rucksack, gegen den harten Ostwind nach Hause. An der Ampel rußen mir die Dieselautos ins Gesicht. Als ich mein Fahrrad im Hinterhof abschließe, pinkeln drei Männer in die Einfahrt. Eine junge Frau kommt vorbei. "Geht’s noch?" ruft sie. „Ey“, grölen die drei zurück, „männliches Bedürfnis.“

Man hat ja ein Bild von einer Stadt, ein Wochenendbesucherbild. Das typische Berlin-Syndrom: Berlin ist toll! Ja, so lange man im Sommer und nicht länger als zwei Tage dort weilt. Ein Berliner sagte mir mal im Vertrauen, für jeden Winter, den man in Berlin übersteht, müsste man sich eigentlich eine Kerbe ins Bein schneiden. Ich glaube, für Leipzig gilt das Gleiche. In meinen ersten Wochen in Leipzig fiel ich in ein tiefes Loch. Die Straßenbahnen kreischten wie Aliens, besonders nachts, und ich spürte bald am eigenen Leib, dass die Arbeitslosigkeit genauso hoch ist wie der Wohnungsleerstand. Aber dann kam der erste Frühling, Auwald, Cospi, ich bekam ein Stipendium des Freistaates Sachsen und entdeckte den Eisladen in der Kochstraße. Ich war wieder versöhnt.

Dreizehn Jahre habe ich im Westen gelebt. Bis es mir irgendwann auf die Nerven ging, dass der Westen so fertig ist. Nicht im Sinn von heruntergekommen, sondern von: die Strukturen sind gefestigt. Für meine Begriffe passierte dort zu wenig Fundamentales. Der Westen ist wie ein schmuckes Einfamilienhaus, an dem hier und da noch etwas ausgebessert werden muss. Der Osten hingegen lässt sich vielleicht am ehesten mit jenem Gründerzeithaus in der Demmeringstraße vergleichen, an dem ich damals oft vorbeigekommen bin: Die Initiative „Haushalten“ hatte in Übereinkunft mit dem Eigentümer das Haus besetzt und zu neuem Leben erweckt. Die Menschen bewohnten und reparierten das Haus und zahlten dafür nur die Nebenkosten. Eine große Banderole erklärt das Haus zum „Wächterhaus“, was etwas rührend Behutsames hat: Wir haben uns dieses Hauses angenommen, wir wachen darüber. Der Osten ist ein Gründerzeithaus, in dem auf vielen Etagen gewerkelt wird. Mit viel Engagement und wenig Geld.

Apropos Gründerzeit. Was mich an Leipzig vor allem faszinierte, war der urbane Raum; „nun habe ich die an drei zeiten grenzende stadt besetzt“, dichtete ich damals und meinte damit: die Gründerzeit, den sozialistischen Realismus und die nachwendliche Glasarchitektur. Die koexistieren hier friedlich nebeneinander. Und wenn ich, was ich am Anfang oft tat, unter der riesigen roten Trillerpfeife im Bildermuseum stand, ganz dicht an den Fenstern, vor der Nase die drei blauen Blocks des Brühls, links der „Laden für Nichts“, dann wurde der Leipziger Raum für mich zum eigentlichen Kunstwerk.

Der Raum in Leipzig ist voller Ambivalenzen. Das gefällt mir. Hybris neben Verfall, DDR-Normierung neben Gründerzeit-Individualität, ein Wald mitten in der Stadt. Ein Raum voller Widersprüche doch, wie Hegel sagt, „nur insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Tätigkeit“. Der urbane Raum – er ist in der Tat der steinerne Ausdruck für Leipzigs Vitalität. Immer noch überfällt mich ein Gefühl von Grandiosität, wenn ich in die Albertina trete. Diese Raumwirkung ist, ähnlich wie die des Bahnhofs, unschlagbar. Sie greift unweigerlich auf einen über, macht einen zu einem Teil von etwas Größerem. Man wird erhaben.

Es gibt diese Geschichte, wie neuronale Verknüpfungen im Gehirn entstehen. Man stelle sich vor, in einer unberührten Schneelandschaft steht auf der einen Seite eine Pommesbude und auf der anderen Seite eine Toilette. Der erste, der diesen Weg geht, tritt neue Spuren in den Schnee, der zweite folgt ihm, bis ein breiter, ausgetretener Pfad entstanden ist. Selbst wenn man die Toilette nun um ein paar Meter verrückt, werden die Menschen den Pfad eine Weile weitergehen, bevor eine neue Verknüpfung entsteht. In eine neue Stadt zu gehen heißt nichts anderes, als neue Verknüpfungen herzustellen. Ich fuhr mit dem Fahrrad an die Stadtränder, Leutzsch, Wiederitzsch, Lützschena, Zungenbrecherstadtränder. Leipzig schien mir das Patent auf die Buchstabenfolge „tzsch“ zu besitzen. Am Rande wird Leipzig ordinär: „draußen, wo der himmel / in den wehen liegt und die vorstadt gebiert: unterernährtes, schmutziges kind“, dichtete ich. Ich wollte nach Ostdeutschland, in meine Heimat, zurück und nun wurde mir klar, was es auch heißt, in Ostdeutschland zu sein: graue Häuser, kaputte Häuser, alte Menschen. Ein Hauch von Russland in der Kleidung und in den Frisuren der Frauen. Zum ersten Mal empfand ich so etwas wie Sehnsucht nach dem Westen, träumte ich mich zurück in die kleine, fertige, westliche Welt und empfand Ablehnung gegenüber dieser rauen, kaputten Ost-Welt.

Langsam begriff ich, was Heimat wirklich heißt: Eine gewachsene emotionale Bindung zum Raum haben. In meiner alten Stadt steckte hinter jeder Fassade eine Geschichte, eine Erinnerung. Hier, in Leipzig, hatte ich diesen emotionalen Bezug zu den Räumen nicht, der Raum kam mir fremd vor und das ist zum Teil heute noch so. Mit Städten ist es wie mit Beziehungen, trennt man sich, stirbt immer auch ein Teil des eigenen Lebens. Manchmal bereue ich, nicht die 90er Jahre in Leipzig verbracht und hier studiert zu haben, jetzt durch die Straßen zu laufen, nach oben zu schauen und zu denken: dort war diese oder jene Party, da habe ich diese oder jene Frau kennen gelernt. Jeder hat seine Zeit mit einer Stadt. Jeder muss mit Leipzig seine eigene Heimat ausmachen.

Bald sah ich Leipzig nicht mehr durch die rosarote Brille des Touristen und auch nicht durch die verrußte Brille der Winterdepression, sondern als das was es ist: eine zwar besondere Stadt, aber auch nur eine Stadt, mit allen Vor- und Nachteilen. Eine Stadt allerdings, die für nahezu jeden Künstlertraum eine Projektionsfläche bereit hält: Das Literaturinstitut, die HGB und die Leipziger Schule, der Thomanerchor, die Hochschule für Musik und Theater, jeder verbindet etwas anderes mit Leipzig – und alle haben Recht. Das macht die Stadt so attraktiv. Im Sommer 2006 lag ich dann mit Freunden im Park, neben uns schmauchte ein Grill, das Gras glänzte seidig in der Sonne, ich schaute auf das Panorama aus MDR-Turm und Neuem Rathaus und von der Parkbühne drangen lässige Beats herüber. Ich war angekommen.

 

 


© André Hille 2008