André Hille

 
 

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Ein Silberstreif am Verlagshorizont

Einige Verlage verlassen Leipzig mit einem Paukenschlag, andere kommen auf leisen Sohlen. Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich der Neue Europa Verlag mit vier Mitarbeitern in der Leipziger Nikolaistraße niedergelassen und produziert mittlerweile zehn bis zwölf Titel pro Halbjahr.


Der Name Europa Verlag steht für eine lange und wechselvolle Geschichte. 1933 in Zürich gegründet, war der Verlag Zufluchtsort für viele von den Nazis verfolgte Schriftsteller. Hier erschien die von Thomas Mann herausgegebene Zeitschrift „Maß und Wert“, wurden Ignazio Silone und Arthur Koeppen verlegt. Ab 1946 residierte der Verlag in Wien und ging nach dem Tod des Verlegers 1953 in den Besitz des Österreichischen Gewerkschaftsbundes über. 1992 zog der Verlag mit Privatinvestoren nach München, 1998 mit Vito von Eichborn, der 1996 seine Anteile an dem von ihm gegründeten Eichborn-Verlag verkauft hatte, nach Hamburg. Eichborn baute den Verlag zu einem Publikumsverlag aus und expandierte mit einem sehr breit angelegten Programm. Nachdem der neue Eigentümer Senator AG Insolvenz eröffnen musste, war auch das Tochterunternehmen Europa-Verlag in seinem Bestehen bedroht. Um den Verlag zu retten, kaufte Eichborn nun selbst zusammen mit Arne Teutsch den Verlag von Senator.

Doch die beiden Verleger hatten die drückenden Altlasten unterschätzt. „Vito von Eichborn und ich haben den Verlag mit sehr hohen Verbindlichkeiten übernommen. Mit einem sehr gut verkäuflichen Programm hätte man gute Chancen für eine Sanierung gehabt, leider haben sich die hohen Erwartungen nicht erfüllt.“ Spricht man Geschäftsführer Arne Teutsch auf die Insolvenz des alten Europa Verlages an, fällt er umgehend in klassisches Betriebswirtschaftsdeutsch. Zu oft musste er in den letzten Monaten den rasanten Abstieg des Verlages erklären. Der smarte Endvierziger wirkt ruhig und gelassen, er krempelt die Ärmel hoch, als er sich an den riesigen Granittisch im Loft in der Leipziger Nikolaisstraße setzt und zu reden beginnt. Die Insolvenz habe ihm einige schlaflose Nächte bereitet, doch jetzt müsse man nach vorn schauen. Arne Teutsch ist in der Verlagsbranche kein Unbekannter. Auch wenn er sich als Gesellschafter bei dem Kinderbuchverlag Baumhaus, dem Leipziger Buchverlag für die Frau und bei der Leseabenteuer GmbH zurückgezogen hat, ist er derzeit noch an dem Leipziger Kinderbuchverlag (LeiV) und dem ebenfalls in Leipzig beheimateten Altberliner Verlag beteiligt.

„Als kleiner Verlag brauchen wir ein scharfes Profil“, betont Teutsch, „Suhrkamp kann es sich vielleicht erlauben, jede Saison zwanzig neue Belletristiktitel herauszubringen, unsere Bücher brauchen eine klare Ausrichtung.“ So setzt der Neue Europa Verlag, der sich als Publikumsverlag versteht, vor allem auf vier Sparten: Spannungsliteratur/Krimis, Historische Romane, Sachbücher, Humor- und die Kindermund-Reihe. Doch um den Stand in der Region zu stärken, sollen durchaus auch Leipziger oder sächsische Themen und Autoren ihren Weg ins Programm finden. Ein erster Leipzig-Krimi ist fertig, ein zweiter in Vorbereitung. Bei den Auflagen wird geklotzt, nicht gekleckert. „Für alles unter 1000 gibt es den Kopierer“, sagt die Vertriebsleiterin Peggy Stelling, „also drei- bis viertausend sollten pro Titel schon drin sein.“ Ein wichtiger Schritt zum Verkauf dieser Auflagen ist die Tatsache, dass dem neuen Verlag die Vertriebsstrukturen des alten erhalten geblieben sind. Die Vertreter, die schon für den Europa Verlag arbeiteten, fahren auch für den Neuen Europa Verlag durchs Land und bringen das Programm in den Buchhandel. „Sie kennen das Programm, sie kennen die Geschichte des alten Verlages und können vor dem Buchhandel die Gründung des Neuen Europa Verlags gut vertreten“, erklärt Teutsch.

Auf die Frage, warum der Verlag ausgerechnet in Leipzig ansässig ist, lacht Teutsch: „Leipzig ist eine schöne Stadt.“ Doch der eigentliche Grund liegt, wie meist, beim Geld. Die Beteiligungsgesellschaft der Sparkasse Leipzig, die schon seit längerem in der Verlagsbranche einen guten Namen hat, gründete mit Teutsch 2006 den neuen Verlag und machte es zur Bedingung, dass Sitz der Gesellschaft Leipzig wird. Und es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass beide, Verlag und Stadt, von dieser Zusammenarbeit profitieren: Für den Neuen Europa Verlag bietet Leipzig einen Neuanfang und eine (finanzielle) Heimat und für Leipzig, die zuletzt arg gebeutelte Verlagsstadt, kann die Verlagsansiedlung ein neuer Anfang sein.

>> www.neuer-europa-verlag.de
 

Foto: Hille

 

© André Hille 2008