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Ein Silberstreif am Verlagshorizont
Einige Verlage verlassen Leipzig mit einem Paukenschlag, andere kommen auf
leisen Sohlen. Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich der Neue
Europa Verlag mit vier Mitarbeitern in der Leipziger Nikolaistraße
niedergelassen und produziert mittlerweile zehn bis zwölf Titel pro
Halbjahr.
Der Name Europa Verlag steht für eine lange und wechselvolle Geschichte.
1933 in Zürich gegründet, war der Verlag Zufluchtsort für viele von den
Nazis verfolgte Schriftsteller. Hier erschien die von Thomas Mann
herausgegebene Zeitschrift „Maß und Wert“, wurden Ignazio Silone und
Arthur Koeppen verlegt. Ab 1946 residierte der Verlag in Wien und ging
nach dem Tod des Verlegers 1953 in den Besitz des Österreichischen
Gewerkschaftsbundes über. 1992 zog der Verlag mit Privatinvestoren nach
München, 1998 mit Vito von Eichborn, der 1996 seine Anteile an dem von ihm
gegründeten Eichborn-Verlag verkauft hatte, nach Hamburg. Eichborn baute
den Verlag zu einem Publikumsverlag aus und expandierte mit einem sehr
breit angelegten Programm. Nachdem der neue Eigentümer Senator AG
Insolvenz eröffnen musste, war auch das Tochterunternehmen Europa-Verlag
in seinem Bestehen bedroht. Um den Verlag zu retten, kaufte Eichborn nun
selbst zusammen mit Arne Teutsch den Verlag von Senator.

Doch die beiden Verleger hatten die drückenden Altlasten unterschätzt.
„Vito von Eichborn und ich haben den Verlag mit sehr hohen
Verbindlichkeiten übernommen. Mit einem sehr gut verkäuflichen Programm
hätte man gute Chancen für eine Sanierung gehabt, leider haben sich die
hohen Erwartungen nicht erfüllt.“ Spricht man Geschäftsführer Arne Teutsch
auf die Insolvenz des alten Europa Verlages an, fällt er umgehend in
klassisches Betriebswirtschaftsdeutsch. Zu oft musste er in den letzten
Monaten den rasanten Abstieg des Verlages erklären. Der smarte
Endvierziger wirkt ruhig und gelassen, er krempelt die Ärmel hoch, als er
sich an den riesigen Granittisch im Loft in der Leipziger Nikolaisstraße
setzt und zu reden beginnt. Die Insolvenz habe ihm einige schlaflose
Nächte bereitet, doch jetzt müsse man nach vorn schauen. Arne Teutsch ist
in der Verlagsbranche kein Unbekannter. Auch wenn er sich als
Gesellschafter bei dem Kinderbuchverlag Baumhaus, dem Leipziger Buchverlag
für die Frau und bei der Leseabenteuer GmbH zurückgezogen hat, ist er
derzeit noch an dem Leipziger Kinderbuchverlag (LeiV) und dem ebenfalls in
Leipzig beheimateten Altberliner Verlag beteiligt.
„Als kleiner Verlag brauchen wir ein scharfes Profil“, betont Teutsch,
„Suhrkamp kann es sich vielleicht erlauben, jede Saison zwanzig neue
Belletristiktitel herauszubringen, unsere Bücher brauchen eine klare
Ausrichtung.“ So setzt der Neue Europa Verlag, der sich als
Publikumsverlag versteht, vor allem auf vier Sparten:
Spannungsliteratur/Krimis, Historische Romane, Sachbücher, Humor- und die
Kindermund-Reihe. Doch um den Stand in der Region zu stärken, sollen
durchaus auch Leipziger oder sächsische Themen und Autoren ihren Weg ins
Programm finden. Ein erster Leipzig-Krimi ist fertig, ein zweiter in
Vorbereitung. Bei den Auflagen wird geklotzt, nicht gekleckert. „Für alles
unter 1000 gibt es den Kopierer“, sagt die Vertriebsleiterin Peggy
Stelling, „also drei- bis viertausend sollten pro Titel schon drin sein.“
Ein wichtiger Schritt zum Verkauf dieser Auflagen ist die Tatsache, dass
dem neuen Verlag die Vertriebsstrukturen des alten erhalten geblieben
sind. Die Vertreter, die schon für den Europa Verlag arbeiteten, fahren
auch für den Neuen Europa Verlag durchs Land und bringen das Programm in
den Buchhandel. „Sie kennen das Programm, sie kennen die Geschichte des
alten Verlages und können vor dem Buchhandel die Gründung des Neuen Europa
Verlags gut vertreten“, erklärt Teutsch.
Auf die Frage, warum der Verlag ausgerechnet in Leipzig ansässig ist,
lacht Teutsch: „Leipzig ist eine schöne Stadt.“ Doch der eigentliche Grund
liegt, wie meist, beim Geld. Die Beteiligungsgesellschaft der Sparkasse
Leipzig, die schon seit längerem in der Verlagsbranche einen guten Namen
hat, gründete mit Teutsch 2006 den neuen Verlag und machte es zur
Bedingung, dass Sitz der Gesellschaft Leipzig wird. Und es ist nicht ganz
von der Hand zu weisen, dass beide, Verlag und Stadt, von dieser
Zusammenarbeit profitieren: Für den Neuen Europa Verlag bietet Leipzig
einen Neuanfang und eine (finanzielle) Heimat und für Leipzig, die
zuletzt arg gebeutelte Verlagsstadt, kann die Verlagsansiedlung ein neuer
Anfang sein.
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www.neuer-europa-verlag.de
Foto: Hille |
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