André Hille

Autor & Journalist

 
 

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Mai 2006

 

Görlitz, im Hintergrund Zgorcelec/Polen

 

 

"Nur wenige Schritte über die Grenze, eine schmale Stahlbrücke, der routinemäßige Blick einer stämmigen, deutschen Polizistin auf meinen Pass und plötzlich verschwinden die ach so pittoresken Häuser, die Stadt ist nicht mehr Besichtigungs-, sondern Lebens-, nein Überlebensraum. Vergitterte Balkone, auf denen die Wäsche in der Sonne trocknet. Stille. Männer basteln an Mopeds, trinken Bier. Immerhin an einem Montagmittag. Irgendwo, in einer dieser Wohnungen in den Plattenbauten schreit sich ein Kind die Seele aus dem Leib, ich stelle mir lieber nicht vor warum. Als ich die Kamera zücke und sie nun nicht mehr auf die renovierten, mittelalterlichen Häuser in Görlitz, sondern auf die tristen Betonburgen richte, fühle ich mich einen Moment ertappt. Schauen und Festhalten, am Verhalten hat sich nichts geändert, nur die Inhalte sind ausgetauscht: vom Grimmschen Märchen zum Sozialrealismus. Man bleibt doch immer der Tourist, der reine Blick. Man nimmt doch nie Anteil und hat a priori eine überlegene Position, da man jederzeit wieder gehen kann. Konsum der Blicke." (Reisetagebuch, 8. Mai 2006)

 

 


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