André Hille

 
 

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»Werde ich eben Attentäter«

 

Der Theaterjugendclub Leipzig wagt sich mit "Der Tag X" an das schwierige Thema Schulmassaker

 

Lester, Sheila, Allison – amerikanische Highschool-Kids springen auf die Bühne, voller Elan, gutaussehend, reich. „We are the champions, alle lieben uns“ ruft der Sportler Damon siegesgewiss. Natürlich haben auch diese pubertierenden Siegertypen ihre Sorgen und Nöte. Schlechte Noten, Probleme mit der besten Freundin, die drohende Umweltkatastrophe. Doch das alles scheinen nur Luxusprobleme zu sein im Vergleich zum frustrierenden Leben von Boyd, dem Außenseiter, der nirgends Anerkennung findet.

Spätestens seit dem Attentat von Erfurt sind Schulmassaker in der medialen Öffentlichkeit Deutschlands angekommen. In dem Stück „Der Tag X“, nach einem Jugendbuch des amerikanischen Autors Ron Koertge, wagt sich nun der Leipziger Theaterjugendclub an die künstlerische Umsetzung dieser schwierige Materie. Am Montag wurde das Stück in einer Inszenierung von Bettina Frank im Theater der Jungen Welt uraufgeführt.

Hinter der Auseinandersetzung mit diesem Thema steht fast immer das Bedürfnis nach Erklärung. Das Unvorstellbare muss eingeordnet und verstanden werden, damit es seine Bedrohlichkeit verliert. Auch in der „Der Tag X“ tauchen die üblichen Erklärungsansätze auf: ignorante Eltern und Lehrer, Klassenunterschiede, Computerspiele oder normierende Cliquen. Cool ist, wer dazugehört, dazugehören darf, wer cool ist. Die Freaks, die Ausgesonderten schließen sich zu einer neuen Gruppe zusammen und wollen es der Elite mal so richtig zeigen. Normierung von der Gegenseite. Ohnmacht verwandelt sich in Macht, die phantasierte Macht über Leben und Tod. Es wird eine Liste angelegt mit all jenen, die die Verlierer täglich quälen, es werden Waffen besorgt, Pläne geschmiedet und dann läuft der Countdown bis zum geplanten Attentat, dem „Tag X“.

Doch nicht jeder, der in eine solche Situation der Ausgrenzung gerät und den Joystick bei Ballerspielen quält, greift zwangsläufig zur Pistole. Solche Taten wieder und wieder aus denselben Lebensumständen abzuleiten, macht sie nicht nachvollziehbarer und so muss auch „Der Tag X“ vor der psychologischen Komplexität einer solchen Situation kapitulieren. Die Produktion des Theaterjugendclubs ist trotzdem eine gelungene Variation des Themas, eine Inszenierung, deren Stärken vor allem im Choreographischen liegen. Raffiniert gestaltete, fast schon tänzerische Figuren des Schauspielensembles vermitteln ein intensives Gefühl davon, wie Gleichschaltung und Ausgrenzung im Alltag von Jugendlichen erlebt werden.

„Der Tag X“ ist zugleich ein Stück über die Langeweile einer Jugend, die alles hat und deren Leben vorgezeichnet ist wie am Reißbrett. „Was machen wir heute Abend? Ein bisschen mit den Freunden cruisen. Und was machen wir morgen Abend? Ein bisschen mit den Freunden cruisen.“ Und übermorgen und überübermorgen werden die Tage dieser Rich-Kids nicht anders aussehen. Insofern ist die Gewaltphantasie von Boyd (denn das Attentat wird am Ende verhindert) auch ein radikaler Akt der Verzweiflung, um aus dem stereotypen, entfremdeten Leben auszubrechen. Man will etwas sein, man will an die Spitze, und wer im täglichen Leistungskampf nicht mithalten kann, sucht andere Wege der Anerkennung: „Werde ich eben Attentäter. Bis jetzt bin ich nichts weiter als ein fetter Junge.“

André Hille, Leipziger Volkszeitung 10.07.2007

 

 

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