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André Hille |
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Die Reviere der Kindheit
„Access“ und „Reviere“ – Die Leipziger Malerinnen Verena Landau und Ruth Habermehl in der Galerie Filipp Rosbach
Die eigentliche Heimat liegt in den Erinnerungen. Selbst wenn sich der Ort der Kindheit verändert – und welcher Ort tut das nicht? – in der Erinnerung wird er immer unberührt bleiben. Reist man an diesen Ort, legen sich über den realen Raum die Erinnerungsräume. Damit sind die wesentlichen Parameter in den Arbeiten von Ruth Habermehl und Verena Landau, die derzeit in der Galerie Filipp Rosbach auf dem Spinnereigelände zu sehen sind, umschrieben: Heimat, Erinnerung, Raum. Die beiden in den 1960er Jahren geborenen Künstlerinnen präsentieren in einer Gemeinschaftsausstellung Bilder, die eine Reise in die eigenen Erinnerungsräume sind.
Beide Künstlerinnen stammen aus dem Westen Deutschlands, jedoch aus völlig unterschiedlichen Landstrichen. Wuchs Habermehl in einem Dorf in der Pfalz auf und hielt sich aus familiären Gründen oft in den Bergen Kanadas auf, wurde Landau geprägt vom Charakter der Großstadt Düsseldorf und diese Prägungen merkt man den Bildwelten der beiden an. Habermehls Arbeiten scheinen auf den ersten Blick Berg-Idyllen aus Heimatfilmen zu sein, bei genauerem Hinsehen wird jedoch sichtbar, dass es zerbrochene, im wahrsten Sinne zerrissene Idyllen sind, denn Habermehl arbeitet mit den Mitteln der Collage. Da lacht eine Familie in kurzen Sommerkleidern, wo im Hintergrund Schnee liegt, da staunen Touristen, wo nebenan geschossen wird. Von den Bildern gehen widersprüchliche Signale aus, perspektivisch und motivisch, so dass sich die den Bildern inhärente Spannung langsam auf den Betrachter überträgt. Ein Unwohlsein stellt sich ein: Etwas stimmt hier nicht! Unter der Biederkeit der 50er und 60er Jahre liegen die verdrängten familiären und gesellschaftlichen Konflikte. Ein halbnackter Mann liegt zwischen Bäumen, eine Frau im roten Mantel steht davor und schaut ihn an. Als krimigeschulter Betrachter hat man sofort die Szene im Kopf: Frau entdeckt Leiche im Wald. Dabei ist das Foto des Mannes einer Strandszene entnommen und die Frau bummelte eigentlich durch die Stadt. Habermehl spielt damit, Bilder einem Kontext zu ent„reißen“ und in einen anderen zu stellen, der zwar unsere Sehgewohnheiten scheinbar sofort und unkompliziert bedient, aber eben nur auf den ersten Blick. Unseren vorgefertigten Geschichten will Habermehl auf den Grund gehen, dem Betrachter vorführen, dass er nicht sieht, was ist, sondern was er meint zu sehen. Abgespeicherte Bildcodes zu brechen, das ist das erklärte Ziel der heute in Leipzig lebenden Künstlerin.
Eine andere Art von Umgang mit dem Material zeigt sich in den Bildern „Schlucht 1 - 4“, in denen die Bildräume nicht mehr collagiert, sondern gemalt werden. In diesen amorphen Räumen finden sich Fotografien wie Artefakte, dem Unkonkreten der Malerei steht das ganz konkrete, wirklich gemachte Bild gegenüber. Doch welches von beiden ist wirklicher? Illusion ist beides. Überhaupt beherrscht Habermehl das Spiel mit der Raumillusion perfekt. Legte sie in den ersten Arbeiten noch Wert auf eine perfekte Tiefenwirkung, bricht sie den Raum zunehmend auf. In den Schlucht-Arbeiten befinden sich Berge über dem Himmel. Oder ist es Wasser? Der Raum wird zum Vexierbild, er ist nicht mehr greifbar: Indiz für das Verschwinden der Erinnerungen? „Die 50er und 60er Jahre sind für mich abgeschlossen, jetzt arbeite ich mich langsam in die 70er vor.“ Es darf mit Spannung erwartet werden, was passiert, wenn Habermehl in der Gegenwart angekommen ist.
Eine ganz andere Ästhetik findet sich bei Landau. Die 42jährige kommt aus Düsseldorf, dementsprechend ist ihre Bildsprache durch die kühle Großstadtatmosphäre geprägt. Auch hier spiegeln sich Motive aus dem Bildarchiv der Kindheit, wenn auch völlig anders transformiert. Landau benutzt nämlich Filmbilder aus Autorenfilmen der 60er Jahre, etwa von Michelangelo Antonioni oder Jean-Luc Godard. Die Zwischenschaltung einer weiteren medialen Ebene vergrößert zwar die Distanz, zeigt aber, dass sich Stimmungen und Emotionen über Medium und Zeit hinweg gehalten haben: Einsamkeit, Verlorenheit, vor allem von Frauen, das sind die Grundstimmungen, die von den Bildern Landaus ausgehen.
Neuere Werke sind fast comichaft montiert. Landau kettet Szenen aneinander und arbeitet mit filmischen Mitteln: Überblendung, Rückblende, dokumentarische Einschübe. Was ist Traum, was Wirklichkeit? Was Vorstellung, was Realität? Die seriellen Arbeiten nehmen die Filme, etwa Godards „Fahrstuhl zum Schafott“ oder „Die Chinesin“ nur noch zum Anlass, um einen Assoziationsraum zu entwerfen. Hier tritt ein neues Bildmotiv hinzu: Die einsame Frau wird kontrastiert von Menschenansammlungen, meist demonstrierenden Personen. Der Vereinzelung stellt Landau also die Solidarisierung gegenüber, der körperlichen Isolierung eine zweckgerichtete Zusammenrottung – beides, so scheint es, Folgen einer Moderne, die den Menschen aus den Augen verloren hat.
Die Interieurs sind ebenso wie die Farbigkeit sachlich, kühl, zurückhaltend, was den Eindruck der Verlorenheit verstärkt. Die Räume, meist klaustrophobisch eng, umgeben die Figuren wie Käfige, ein Ausweg scheint für den Menschen unmöglich – oder er liegt jenseits des Bildes. „Im Kriegsgebiet der Liebe“ ließen sich die Arbeiten Landaus auch überschreiben. Frauen im Krieg, Frauen mit Waffen, Frauen in nächtlichen Straßen allein unter Männern. Meistens sind die Frauen dabei, eine Raumgrenze zu überschreiten oder befinden sich auf dieser Grenze. Ihr Leben ist ein Dazwischen. Die existentielle Unsicherheit, die von den französischen und italienischen Nachkriegsfilmen ausging, überträgt Landau in die heutige Zeit.
Mit ihren Werken begeben sich beide Künstlerinnen nicht zuletzt auf die Suche nach den Bildwelten ihrer Kindheit und Jugend. Sie re- und dekonstruieren die eigenen Erinnerungsräume, doch schaffen sie Werke, die weit mehr als die Aufarbeitung eigener Kindheitstraumata sind: Sie transportieren Stimmungen aus der Vergangenheit in die Gegenwart und machen somit das Vergehen von Zeit erfahr- und die menschlichen Konstanten, die durch die Zeiten unverändert bleiben, sichtbar.
Habermehl nennt ihre Ausstellung „Reviere“, englisch „Territories“, Landau präsentiert ihre Werke unter dem Titel „access“, also Ein- oder Zugang. „Access“ und „Territories“, „Eingang“ zu den „Revieren“ der Kindheit. Flüchtigen Betrachtern bleiben die Geheimnisse beider Bildwelten, beider „Heimaten“ verschlossen. Man muss sich auf sie einlassen, unter die Oberfläche dringen, um die Geschichten hinter den Bildern zu verstehen. André Hille
Filipp Rosbach Galerie, noch bis Sept. Dienstag - Samstag von 11 - 18 Uhr
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| © André Hille 2008 |