|
|
André Hille |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Es ist doch immer wieder erstaunlich,
was deutsche Professoren für einen Unsinn verzapfen. So der Mannheimer Germanistik-(sic!)-Professor Jochen Hörisch in seinem Buch „Gott Geld Medien“, erschienen in dem deutschen Verlag, der jahrelang die Geisteswissenschaften mit seinem Programm prägte: Suhrkamp. Schiefe Bilder, Redundanzen, falsche Groß- und Kleinschreibung. Analyse eines Satzungetüms.
"Wer sich vom leicht zur Hand gehenden Vorwurf nicht einschüchtern lässt, die weltweiten Konfliktlinien mit schweren Gravitationszentren unter einen zu einfachen Begriff zu bringen, wird erstaunt bis entsetzt feststellen, daß er nichts ganz Falsches sagt, wenn er feststellt: Von Nordirland über den Balkan, den Nahen Osten und Afrika bis in den Fernen indisch-pakistanischen oder indonesischen Osten (und wohl auch bei innenpolitischen Konfliktlinien wie denen, die die fundamentalistische Rechte in den USA errichtet) beziehen die heißen Kampfzonen ihr ungeheures Eskalationspotential aus auffallend alten, nämlich religiös-konfessionellen Beständen."
Schauen wir uns diesen Satz genauer an: "Wer sich vom leicht zur Hand gehenden Vorwurf nicht einschüchtern lässt, die weltweiten Konfliktlinien mit schweren Gravitationszentren unter einen zu einfachen Begriff zu bringen […]" Es geht also um den Vorwurf der Vereinfachung, von dem man sich nicht einschüchtern lassen soll. Der Autor gibt also zu, dass er vereinfacht und dass man ihm daraus einen Vorwurf machen könnte. Da er sich aber davon nicht einschüchtern lässt, bringt er die weltweiten Konfliktlinien unter einen einfachen Begriff, er reduziert sie nämlich ausschließlich auf die alten religiös-konfessionellen Bestände. Was ist mit dem China-Taiwan-Konflikt? Was mit Russland-Tschetschenien und mit anderen Territorialkonflikten? Was ist mit dem schlimmsten Ereignis des 20. Jahrhunderts, dem zweiten Weltkrieg? Was mit dem darauf folgenden, jahrzehntelangen Kalten Krieg? Was ist mit dem Krieg um das Öl? Was mit politisch und sozial motivierten Straßenschlachten? "Konfliktlinien mit schweren Gravitationszentren": Hat man schon mal eine Linie mit einem Zentrum gesehen? Eine Linie ist laut Duden ein "zusammenhängendes, eindimensionales geometrisches Gebilde ohne Querausdehnung". Eine Linie definiert sich also geradezu durch die Abwesenheit eines Zentrums. Schwere Bildgeschütze, die weit daneben schießen. "[…] wird erstaunt bis entsetzt feststellen, daß er nichts ganz Falsches sagt, wenn er feststellt […]" Abgesehen von der tautologischen Doppelung des Wortes feststellen, was sollte an der Feststellung erstaunen oder gar entsetzen, dass viele (nicht alle) Konflikte ihr Potenzial aus religiös-konfessionellen Beständen beziehen? Das ist eine Binsenweisheit, die heute jeder 10jährige herunterbetet, die Hörisch aber verpackt, als hätte er die Weltformel entdeckt. "[…] daß er nichts ganz Falsches sagt […]" Sagt der Autor nun etwas Richtiges oder etwas nur halb Richtiges? Oder etwas halb Falsches? Alles, was wir sagen, ist "nicht ganz falsch", das ist eine Relativierung der danach folgenden Aussage, die in einem Sachbuch dieser Kategorie unverschämt ist. Man liest ein Sachbuch, um etwas Richtiges zu lesen und nicht etwas "nicht ganz Falsches". Indem der Autor die Aussage unter den Vorbehalt stellt, sie sei "nicht ganz falsch", vermeidet er jede Verantwortung für das Gesagte. Zuerst wird vereinfacht und dann relativiert. "[…] bis in den Fernen indisch-pakistanischen oder indonesischen Osten […]" Ein Germanistikprofessor, der die Groß- und Kleinschreibung nicht beherrscht! Weder Indien noch Pakistan oder Indonesien gehören zum Fernen Osten. Erste gehören zum Mittleren Osten, letzteres zu Südostasien. Da der Autor also den Fernen Osten als Eigenwort nicht gemeint haben kann (es sei denn, er will sich massive geographische Unkenntnis vorwerfen lassen), kann er nur den fernen, indisch-pakistanischen oder indonesischen Osten gemeint haben. "[…] und wohl auch bei den innenpolitischen Konfliktlinien wie denen, die die fundamentalistische Rechte in den USA errichtet […]" Wieder eine Ungenauigkeit: "wohl auch" heißt vielleicht. Ich möchte als Leser wissen, ob die innenpolitischen Konfliktlinien, die die fundamentalistische Rechte in den USA errichtet, ihr ungeheures Eskalationspotenzial aus auffallend alten, nämlich religiös-konfessionellen Beständen beziehen und nicht, ob es "wohl auch" so ist. Ich möchte Antworten und keine Vermutungen von einem Professor in einem Sachbuch bei Suhrkamp! "[…] Konfliktlinien […] errichtet […]" Kann man eine Linie errichten? Man kann Mauern errichten oder Linien ziehen. Eine Linie ist eindimensional (siehe oben), das Verb errichten hingegen verweist auf eine Tätigkeit in der dritten Dimension. Sprachlicher Verfall wo man hinsieht. Redundanz, Ungenauigkeit, Inhaltsleere. Der Autor verwendet 87 Wörter um zu sagen, dass die schweren Konflikte religiös motiviert sind. Ein Satz ist nicht besser, nur weil er länger ist. Aber diese Relation scheint der Anspruch von Professor Hörisch zu sein. Traurig, wo die deutsche Sprache hingekommen ist – und so mancher Professor mit ihr.
|
| © André Hille 2008 |