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André Hille |
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Juli Zeh und das tote Leipzig Die Autorin Juli Zeh verlässt Leipzig und behauptet, die Stadt sei literarisch tot. Eine Replik. Die Autorin Juli Zeh verlässt Leipzig, jene Stadt, die sie literarisch groß gemacht hat. Kurz vor Erscheinen ihres neuen Romans gibt sie der Leipziger Volkszeitung ein Interview, in dem sie sagt, das literarische Leipzig sei tot. "Die meisten meiner Freunde und Bekannten sind weg. Nach Berlin oder aufs Land. Es ist eine Art kreativen Ausblutens der Stadt zu beobachten." Zehs Haltung ist eine solipsistische: Meine Freunde haben Leipzig verlassen, ich verlasse Leipzig, also ist es literarisch tot. Schade, wenn einem Erfolg derart zu Kopf steigt, dass man sich selbst mit dem literarischen Leben einer Stadt gleichsetzt. Es mag sein, dass jenes Leipzig tot ist, das Juli Zeh während ihrer Studienzeit gekannt hat, ein normaler Vorgang: Die Stadt war in der eigenen Studentenzeit immer am schönsten, das aber ist eine Verklärung der eigenen Vergangenheit, die einem einigermaßen reflektierten Menschen eigentlich bewusst sein sollte. Und nun wartet das heile Dorfleben: Schwule und Lesben leben einträglich neben Bauern, die ihr Feld bestellen, Literaten wandeln auf unbefestigten Wegen und hängen ihren Gedanken nach. Internet - was ist das? Fehlt nur noch der Backsteinbauernhof, an dem am Wochenende gewerkelt wird, Hunde und Menschen leben einträglich zusammen bis an ihr Lebensende. Da kommen einem gleich die Tränen. Aber in der Nähe ist ja Berlin, die einzige, die wahre, die wirklich lebendige Stadt. Wowereits klischeeerstarrten Wahlspruch "arm, aber sexy" wandelt Zeh ab in "arm, aber glücklich". Komisch nur, dass man die ganzen glücklichen Berliner nicht findet, wenn man in der Stadt ist, sondern nur jede Menge Berlin-müde Menschen, komisch auch, dass es in Berlin eine Menge Hundehasser gibt und komisch auch, dass viele (Wahl)berliner behaupten, Berlin sei tot, es sei alles nicht mehr so wie in den 90ern, in den kleineren Städten wie Leipzig hingegen sei die Vitalität. Zeh pauschalisiert. Und das sehr billig. Zu behaupten, in Berlin funktioniere die Szene so oder so, ist vollkommen absurd, weil niemand diese Szene wirklich überblicken kann. Und dann die ganzen ehrlichen Berliner Autoren, die zu stolz sind, Förderungen abzugreifen. "Wer versucht, Fördermittel abzugreifen gilt als uncool. Es muss auch ohne gehen." Zum einen möchte man den Literaten sehen, der ein Stipendium ausschlägt, wenn es ihm angeboten wird, und zum anderen wäre nach dieser Logik Juli Zeh die Uncoolste von allen, preist sie doch auf ihrer Homepage ihre ganzen Stipendien an. Juli Zeh hat sich schon immer gern in der Rolle der Intellektuellen gesehen und dabei ihren hübschen Kopf in die Kamera gehalten, und die Presse hat dieses Bild dankbar aufgegriffen. Diese Haltung spiegelt sich jetzt auch im LVZ-Interview, das mit dem Foto einer blauäugigen, mädchenhaften Zeh bebildert ist. Ihr Freund, der Fotograf, wird gleich mitvermarktet. Leider ist das Ganze nur wieder Ausdruck der immer selben Inszenierung. Schöne Oberfläche und nichts dahinter. Zeh behauptet, in Leipzig sei ein kreatives Ausbluten zu beobachten, doch ist dies nicht ein klassischer Fall von Projektion? Die eigene Stimmung wird verallgemeinert. "Ach Glück" sei ein trauriges Dokument nachlassender Schaffenskraft, schrieb Tilman Krause jüngst in der Welt über Monika Marons neuen Roman, es zeige die emotionale und intellektuelle Verdorrung jener Menschen, denen ein spirituelles Lebensfundament fehlt. Vielleicht ist das kreative Ausbluten, das Juli Zeh konstatiert, kein Äußeres, sondern ein Inneres, das literarische Totsein keines der Stadt, sondern der Autorin. Es gibt ja diese Art von Trennungsaggression: Man muss den anderen schlecht machen, um ihn verlassen zu können. Vielleicht verbirgt sich also hinter Zehs unqualifiziertem Ausbruch schlicht und einfach Trauer. Adieu Juli. Viel Spaß auf dem Dorf!
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| © André Hille 2008 |